„Aids außer Mode“

Von Redaktion · · 2010/07

Im Juli ist Österreich Gastgeber der internationalen Aidskonferenz. Jorge Bermudez, Geschäftsführer von Unitaid, Tido von Schön-Angerer, Leiter der Kampagne „Zugang zu lebensrettenden Medikamenten“ von Ärzte ohne Grenzen und Gottfried Mernyi vom Österreichischen Aktionsbündnis gegen Aids sprachen bei einer Pressekonferenz von alten Problemen, hoffnungsvollen Innovationen und der beschämenden Rolle Österreichs im Kampf gegen HIV/Aids.
Südwind-Redakteurin Michaela Krimmer hörte zu.

Südwind: Welche Fortschritte gibt es im Kampf gegen HIV/Aids?
Gottfried Mernyi: Zurzeit werden über vier Millionen HIV/Aids-Infizierte antiretroviral behandelt. Neue Zahlen von UNAIDS zeigen, dass die Neuinfizierungen mit dem tödlichen Virus sinken. Subsahara-Afrika bleibt weiterhin die Hauptregion von Betroffenen mit HIV/Aids, zwei Drittel der HIV/Aidskranken leben dort. 60% der Infizierten warten auf antiretrovirale Medikamente. Für 2010 fehlen 27 Milliarden US-Dollar, um alle Infizierten mit Medikamenten zu versorgen. Die Wirtschaftskrise, Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit und beim öffentlichen Gesundheitsdienst gefährden den Kampf gegen die Pandemie.
Tido von Schön-Angerer: Es gibt auch gute Nachrichten, wie einen deutlichen Fortschritt in den letzten zehn Jahren bei der Behandlung. Vor zehn Jahren haben wir die ersten Patientinnen und Patienten in Thailand mit antiretroviralen Medikamenten behandelt. Die Medikamente helfen Infizierten, ein relativ normales Leben zu führen. Ärzte ohne Grenzen hat bei null angefangen, jetzt behandeln wir 150.000 Menschen.

Es gibt zwei Gründe für diesen Erfolg. Erstens haben wir die nötigen Medikamente. Zweitens gab es einen starken politischen Willen. Die Behandlungen, auch wenn sie noch bei Weitem nicht ausreichen, haben positive Auswirkungen. Die Sterberate ist in Subsahara-Afrika seit 2004 um 18% verringert worden. Außerdem gibt es dort auch eine Minderung der Infektionsrate: 400.000 weniger. Je mehr Leute behandelt werden, desto weniger infizieren sie andere. Die schlechte Nachricht ist, dass wir immer noch weit entfernt sind von einem weltweiten Zugang zu den nötigen Medikamenten. 14 Millionen warten noch auf eine Behandlung.

Jorge Bermudez: Das Wichtigste ist, den Erfolg, den wir haben, nicht zu bestrafen. 2010 sollte das Jahr werden, in dem jede und jeder Zugriff auf die nötigen Medikamente hat: „The year of universal access“. Wir haben viel erreicht, aber wir dürfen noch nicht aufhören. Durch die neuen WHO-Richtlinien werden Behandlungen früher anfangen, das heißt, wir werden noch mehr Patientinnen und Patienten haben. Wir brauchen mehr Geld.

Wir haben in den letzten vier Jahren eine Milliarde Dollar investiert, das sind 21 Millionen Behandlungen von Menschen, die von HIV/Aids, Tuberkolose oder Malaria betroffen sind. Wir sind in 93 Ländern tätig. Von der einen Milliarde Dollar, die wir in den letzten vier Jahren investiert haben, sind 52% für HIV/Aids.

Was ist für Sie das wichtigste Thema auf der Konferenz?
Tido von Schön-Angerer: Unser Hauptanliegen ist, die Politik anzusprechen, denn der politische Wille und das Interesse werden immer weniger. 2005 hat die G8 den universellen Zugang zu Medikamenten versprochen, 2006 gab es eine UN-Generalversammlung, aber jetzt sehen wir, dass Aids bei den Geberländern „außer Mode“ gerät. In unserem Bericht „Punishing Success“ kritisieren wir, dass genau jetzt gespart wird, obwohl viele Länder beginnen sich zu erholen und die Infektionen abnehmen. Ich glaube, es wird in den nächsten Jahren noch schlimmer werden.

Es gibt zum Beispiel in Uganda viele Organisationen, die nun lange Wartelisten von Patienten anlegen müssen. Jetzt wo die Leute bereit sind, sich behandeln zu lassen, muss man sie plötzlich aus finanziellen Gründen abweisen. In Malawi gibt es ca. 800.000 HIV/Aids-Infizierte und es gibt ein sehr gutes nationales Programm, bei dem 160.000 Menschen behandelt werden. Die Behandlung sollte in den nächsten drei Jahren allen zugänglich gemacht werden, doch fehlen ca. 50% dessen, was an Finanzen nötig wäre. Früher argumentierte man, dass es keine Infrastruktur in Afrika gibt. Aber jetzt ist alles bereit für die Behandlungen, aber die (finanzielle) Unterstützung fehlt.

Unitaid
Unitaid, 2006 gegründet, ist eine internationale Einrichtung zum Erwerb von Medikamenten gegen HIV/Aids, Malaria und Tuberkulose. Sie erhält ihr Budget vor allem über „innovative Entwicklungshilfefinanzierung“, z. B. einen Solidaritätszuschlag auf Flugtickets.

Global Fund
Der „Global Fund to Fight Aids, Tuberculosis and Malaria“ ist eine UNO-nahe Organisation, die sich der Finanzierung der Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose widmet. Der Fonds setzt sich auch dafür ein, dass internationale Patente die Produktion billiger Generika nicht länger blockieren.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird Ende des Jahres neue Richtlinien zur Behandlung von HIV/Aids-Patienten herausgeben, die besagen, dass die Behandlung früher starten muss. Wenn man früher beginnt, steigt die Lebenserwartung, es gibt weniger Tuberkulose-Infektionen und es ist auch einfacher, sie zu behandeln – es kostet also auch weniger.

Wie kann man die Medikamente für die PatientInnen sicher stellen?
Tido von Schön-Angerer: Medikamente müssen leistbar sein. Wir konnten Aidsbehandlungen beginnen, weil wir billige Generika, v.a. aus Indien, hatten. 80% der Generika, die wir bei Ärzte ohne Grenzen bei der HIV/Aidsbehandlung verwenden, kommen aus Indien. Aber wir haben Sorgen, dass Indien nicht mehr so viel produzieren wird. Die EU verhandelt mit Indien zurzeit über ein Freihandelsabkommen, das es schwieriger machen würde, Generika zu produzieren (siehe SWM 04/10). Das ist für uns ein existenzielles Problem: Es ist wie wenn man den Wasserhahn an Medikamenten für die Entwicklungsländer zudrehen würde. Es ist sehr doppelbödig und scheinheilig, dass die EU auf der einen Seite die Aidsbekämpfung finanziert und auf der anderen Seite solche Freihandelsabkommen einfordert, die den Kampf gegen Aids massiv erschweren werden.

Jorge Bermudez: Unser neuestes Projekt ist ein Medikamentenpatentpool. In anderen Technologiebranchen existiert das bereits: Man bringt verschiedene patentierte Produkte zusammen in einer Plattform. Dort werden die Patente abgelegt, eine neue Organisation muss das Ganze verwalten. Aus einer Kombination der patentierten Rezepte sollen günstige Generika hergestellt werden. Die neuen Medikamente soll es zu einem sehr günstigen Preis für Entwicklungsländer geben.

Es ist eine Win-win-Situation. Patenteinhaber werden Gebühren bekommen und Entwicklungsländer werden Zugang zu neuen Produkten zu günstigen Preisen haben. Dabei sollen nicht nur indische Generikafirmen beteiligt sein. Wir wollen die lokale Produktion vorantreiben.

Bis Juli sollte die Organisation existieren, die den Patentpool managt, und dann müssen wir mit Pharmafirmen, den Generikaerzeugern etc. über Lizenzgebühren usw. verhandeln.

Tido von Schön-Angerer: Bis jetzt waren die Pharmafirmen immer ein Teil des Problems, nicht der Lösung. Und der Patentpool ist zum ersten Mal ein konstruktiver Schritt nach vorne, der auch Vorteile für die Pharmafirmen bringt. Wir haben ca. 140.000 Mails an die Geschäftsführer der Pharmafirmen ausgeschickt, damit sie sich an dem Patentpool beteiligen. Wir werden sehen, ob es funktioniert oder nicht. Das ist die große Sorge, denn im Augenblick gehen die Kosten für die Medikamente kontinuierlich hoch. Die Pharma-Firmen sind bereit, aber zuerst muss die legale Grundlage gelegt werden, damit alle zustimmen können.

Was würden Sie Kanzler Werner Faymann raten in Bezug auf Österreichs Kampf gegen HIV/Aids?
Tido von Schön-Angerer: Ehrlich gesagt: Ich hätte Angst, als österreichischer Politiker den Journalisten auf der Aids-Konferenz gegenüberzustehen. Die Beteiligung Österreichs bei der Bekämpfung von HIV/Aids ist beschämend. Seit 2001 hat Österreich nichts mehr in den Global Fund eingezahlt. Man sollte sich schleunigst danach umschauen, was man tun könnte, wie die Einführung der Flugticketsteuer.

Außer, dass Länder ihre Versprechen einhalten, gibt es noch andere neue Wege, woher Geld für die Aidsbekämpfung kommen könnte. Wir fordern von der G8 und der G20, eine Finanztransaktionssteuer zu unterstützen. Das Geld sollte für Gesundheit und den Kampf gegen HIV/Aids verwendet werden. Bei der Forderung nach einer Finanztransaktionssteuer könnte Österreich noch viel stärker eine Führerrolle übernehmen.

Jorge Bermudez: Entweder sollte Österreich die bereits bestehenden Organisationen unterstützen oder auf bilateraler Ebene das Thema forcieren.

Gottfried Mernyi: Es ist wichtig, nicht nur Prävention zu unterstützen, da es günstiger und effektiver ist. Prävention, Behandlung, Pflege. Es muss in alle drei Bereiche investiert werden. Denn das bringt den besten Erfolg. Deswegen müssen Organisationen, die alle drei Faktoren behandeln, unterstützt werden, wie eben der Global Fund.

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