„Alle folgen einer imaginären Norm“

Wieso der Trend aktuell in Richtung Exklusion statt Inklusion geht, aber neue Bewegungen Hoffnungen geben, erklärt der Berater und Publizist Norbert Pauser im Interview mit Eva Maria Bachinger.

Norbert Pauser

Was heißt Inklusion heute?

Integration ist im Alltagsverständnis als eine höchst defizitorientierte, individualisierte Herangehensweise an Menschen angekommen. Unter Integration ist im Grunde die Unterordnung des Individuums an die Norm zu verstehen. Inklusion hingegen wären die Fragen: Wie sind die Strukturen in einer Organisation, in der Gesellschaft? Wie begegnen wir der Heterogenität?

Wie ist die gesellschaftliche Entwicklung derzeit?

Inklusion wird als Begriff propagiert, aber sie breitet sich nicht wirklich aus. Wir bewegen uns wieder in Richtung Exklusion bzw. Segregation. Integrieren müssen sich alle, die nicht der – männlichen – Hegemonie entsprechen. Jene, die quasi auf der Schattenseite der Vielfalt stehen, sollen sich unterordnen. Alle dürfen da mitmachen, aber nur solange sie die Hegemonie unterstützen. Die Frau muss ihren Mann stehen, sie darf um Gottes Willen keine Feministin sein! Schwule und Lesben dürfen das sein, so lange sie nicht über diese „Privatsache“ sexuelle Orientierung sprechen, Ältere müssen fit wie ein Turnschuh sein.

So lange es klappt mit knackig und gebräunt, wird das Alter ja regelrecht gefeiert. Kinder mit Behinderung werden in Schulen integriert, als „unser I-Kind“ …

… das „Integrations-Kind“.

Genau, und das bleibt dann übrig. Was von der Norm abweicht, wird festgemacht. Alle folgen einer imaginären Norm, aber niemand fragt mehr, was diese Norm legitimiert. Die vermeintliche Minderheit ist die Mehrheit: Frauen sind die Mehrheit der Bevölkerung, 40 Prozent der Bevölkerung haben Migrationshintergrund, zehn Prozent sind behindert.

Wo konkret fällt Ihnen die Rückentwicklung auf?

Überall. Auch NGOs sind keine Vorreiter in Sachen Inklusion, etwa in ihren eigenen Reihen. Es gibt derzeit Kampagnen, im Rahmen derer Mottos plakatiert werden wie „Inklusion heißt: dabei sein“. Das hat überhaupt nichts mit Inklusion zu tun. Man versucht tatsächlicher Exklusion ein hübsches Mascherl umzubinden, damit Strukturen nicht verändert werden müssen. Auch bei den Geschlechterverhältnissen erleben wir erhebliche Rückschritte. Ein Kosmetikhändler wirbt derzeit mit dem Slogan „Weil ich ein Mädchen bin“. Vordergründig starke Frauen werden gezeigt, dann werden sie aber zum Mädchen verniedlicht. Die Hegemonie lernt schnell. Sie tritt vordergründig sogar gegen etwas an, das sie letztlich nur erhält – nämlich durchgängig hierarchische Differenzen in der Gesellschaft.

Was müssten Politik oder auch Unternehmen und Medien tun, um dem entgegenzuwirken?

In allen zwischenmenschlichen Begegnungen vollziehen sich Prozesse der In- bzw. Exklusion. Im Kleinen wie im Großen. Auch global können wir die dramatischen Auswirkungen gut beobachten. Es gibt viele, die die anderen auffordern, durchlässig zu werden. Tatsächlich haben Organisationen und Institutionen große Spielräume, die weitgehend ungenutzt bleiben. Hier wäre verstärkt anzusetzen.

Den Medien kommt besondere Bedeutung zu. Die dauerhafte Skandalisierung der Vielfalt beschädigt unser Zusammenleben nachhaltig. In meiner Arbeit bemerke ich, wie groß die Sehnsucht der Menschen nach Augenhöhe ist. Aber wir alle stecken in einer momentan beunruhigenden Geiselhaft. Politisch wären hier deutlichere Worte zu finden.

Wie sehen Sie die Entwicklung international, vor allem auch im Hinblick auf die Entwicklungszusammenarbeit?

Es geht momentan offensichtlich darum, dass die Exklusion die Oberhand behält. Entweder ist es ein letztes Aufbäumen des Patriarchats in Person von Trump, Erdogan, Orban, usw., das brüllt, tobt und schreit und sich erfolgreich erneuert. Oder ist es ein untergehender Stern, der noch glüht und bald verglüht?

Eines ist vielversprechend: neue Formen der Zusammenschlüsse, neue Bewegungen sind überall. Verschiedene Nachhaltigkeitsbewegungen, ökologische Initiativen, neue Wirtschaftsmodelle. Sie haben große Schnittmengen, agieren aber noch zu isoliert. Wir sind im Grunde zum ersten Mal, umfassender als das jemals der Fall war, in der Lage hierarchische Differenzen zu beenden. Formal haben alle Menschen die gleichen Rechte und Pflichten, niemand ist minderwertig! Das ist in der Tat ein ganz neues Denkmodell für die Menschheit. Und das macht Mut für die Zukunft.

Norbert Pauser ist Berater, Trainer und Autor im Bereich Diversität und Inklusion.

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