Am Ursprung des Skandals

Wie ist das nur möglich, dass wir hier schicke Kleidung spottbillig einkaufen können, fragte sich die junge österreichische Schneiderin und Modestudentin Maiken Kloser immer wieder. Diese Frage ließ ihr keine Ruhe, sie fuhr nach Bangladesch.

Dieser Mann trägt den ganzen Tag die schweren Hosen in einer Jeanswäscherei von einem Arbeitsvorgang zum nächsten.

Ein Kleid bei H&M um nur 2,95 Euro, bis zu 70 Prozent Nachlass auf die gesamte Damenmode. Eine Jacke bei Kik um 1,99 anstatt 7,99 – mit solchen Angeboten werden wir täglich konfrontiert. Schon lange habe ich mich gefragt, wie es möglich ist, Kleidung zu solchen Preisen herzustellen. Aus meiner Erfahrung als Schneiderin war mir klar, dass der Aufwand für die Herstellung der Kleidungsstücke in keiner Relation zum hier angebotenen Preis steht.

Natürlich hatte ich schon von so genannten Billiglohnländern gehört. Kleidungshersteller produzieren in Bangladesch, Kambodscha oder Vietnam, zahlen extrem niedrige Löhne und können ihre Produkte deshalb zu „fabelhaften“ Preisen anbieten. Doch wirklich vorstellen konnte ich mir das Ganze nicht.

Sowohl als Schneiderin und Modestudentin als auch als Konsumentin bin ich ein Teil dieses Systems. Deshalb wollte ich besser verstehen, wie die Bekleidungsindustrie funktioniert. Durch Zufall erhielt ich einen Kontakt nach Bangladesch. Nach unzähligen E-Mails bekam ich dann endlich die Zusage für ein dreimonatiges Praktikum in einer Agentur in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Diese vermittelt zwischen europäischen Auftraggebern und den Produktionsbetrieben in Bangladesch.

Die Sache klang sehr interessant, doch noch war ich nicht dort: Ein Visum zu bekommen war schwerer als gedacht. Nach monatelangem Warten und Vertröstetwerden musste ich kurz vor dem Abflug noch persönlich in die Botschaft nach Berlin fahren, um mir ein Touristenvisum zu besorgen. Fast wäre mein Aufenthalt an den Hürden der Bürokratie gescheitert.

In Dhaka angekommen, begann ich gleich mit der Arbeit in der Agentur. Meine Aufgabe war es, neue Kollektionen zu entwerfen, die dann an europäische Firmen verkauft werden. Gleich bekam ich den Preisdruck zu spüren, der hier ausgeübt wird. Vor dem Entwerfen eines Kleidungsstücks steht schon fest, wie viel es in der Produktion kosten darf. Das Design richtet sich dann nach dem Preis und der vorgegebenen Produktionszeit.

Neben meiner Arbeit als Designerin bekam ich auch oft die Möglichkeit, Produktionsstätten zu besichtigen. Es gibt unzählige in der Hauptstadt. Die Bedingungen dort sind so, wie man es aus Berichten kennt. Sieht man die haarsträubenden Arbeitsbedingungen jedoch in der Realität, ist man schockiert: massenweise Menschen an Nähmaschinen, ohrenbetäubender Lärm, stickige Luft, unerträgliche Hitze. Häufig fällt der Strom aus, dann sitzen die ArbeiterInnen minutenlang im Dunkeln.

Nach wie vor wird die extrem gesundheitsschädliche Sandstrahl-Technik in der Jeans-Herstellung angewendet. Von Männern, barfuß oder in Sandalen, die als Schutz nur einen Stofffetzen über Mund und Nase gebunden haben. Frauen sitzen auf leeren Chemikalienbehältern und schleifen Jeans. Kinder schleppen den ganzen Tag Stoffrollen in die oberen Stockwerke. Alte Männer greifen mit bloßen Händen in die Waschmaschinen, die voll sind mit den Chemikalien für die Waschung von Jeans. In Hallen liegen riesige Haufen mit Kleidungsstücken von verschiedensten Marken, unter anderem auch T-Shirts aus Biobaumwolle.

Neben dem H&M-Haufen liegt einer für Calvin Klein, daneben ein Haufen für Wrangler und einer für Pimki. Alles wird in derselben Fabrik von denselben ArbeiterInnen und zu denselben Bedingungen hergestellt und liegt herum, als wäre es nichts wert. Der einzige Unterschied zwischen den Marken ist das Material und der Preis, für den die Kleidungstücke dann in den so genannten Industrieländern verkauft werden.

Im Schnitt kostet die Produktion einer Hose drei bis sechs US-Dollar. Die Gewinnspannen sind extrem, die Löhne auch: Der Chef der Firma erklärt mir, dass die normale Arbeitszeit für die ArbeiterInnen neun Stunden pro Tag beträgt, sechs Tage in der Woche. Pro Tag werden dann aber noch mehr oder weniger freiwillig vier Überstunden gemacht. Ohne die bezahlten Überstunden könnten viele der ArbeiterInnen wirtschaftlich nicht überleben. Im Durchschnitt verdienen sie ca. 30 bis 40 Euro, mit den Überstunden kommen sie auf etwa 50.

Einen großen Teil ihres Einkommens müssen sie für Miete bezahlen, auch wenn es nur eine Wellblechhütte in einem Slum ist. Mit dem Rest ernähren sie ihre Familien.

Die Kolleginnen an meinem Arbeitsplatz kommen ohnehin nicht aus Bangladesch, sondern hauptsächlich aus Indien und Sri Lanka und werden als „Expertinnen“ in der Agentur eingestellt. Ihre Gehälter sind hoch, und nach einigen Jahren gehen sie samt ihren Ersparnissen zurück in ihre Heimat. Sie sind ein gutes Beispiel dafür, wie sich Menschen und Unternehmen aus dem Ausland an den Zuständen in Bangladesch bereichern.

Die Ausbeutung der ArbeiterInnen funktioniert erschreckend gut. Sie werden permanent in Angst versetzt und zu schnellerem Arbeiten angetrieben. Hier spielt auch das Verhältnis zwischen Männern und Frauen eine Rolle. Ein Experte aus der Qualitätsabteilung meiner Agentur erzählte mir einmal, wie die Fabriken funktionieren. Etwas 80% der ArbeiterInnen in den Bekleidungsunternehmen sind Frauen. Sie arbeiten hauptsächlich als Näherinnen, als Druckerinnen oder in der Verpackung. Die Männer übernehmen die Kontrolle des Arbeitsablaufs und verbreiten Angst unter den Frauen; körperliche und verbale Gewalt gehören zum Alltag.

Sich gegen die Arbeitsbedingungen zu wehren ist zwecklos: man verliert nur seine Arbeit und sein Einkommen, an dem die ganze Familie hängt. Und zahllose Menschen stehen bereit, um in den Fabriken zu arbeiten. Gewerkschaftliche Organisation und Proteste werden teils gewaltsam unterdrückt.

Die EinkäuferInnen aus Europa kommen meist nur ein bis drei Tage nach Bangladesch. Von den Arbeitsbedingungen sehen sie nichts, sie halten sich meist in der Agentur auf, die – was Einrichtung und Betreuung der KäuferInnen betrifft – sehr westlich orientiert ist. Am Abend werden von der Agentur dann luxuriöse Parties für die europäischen Gäste veranstaltet. Diener (so werden sie in Bangladesch tatsächlich bezeichnet) erfüllen ihnen jeden Wunsch.

Als ich einmal einen Käufer fragte, was er denn von den Arbeitsbedingungen in Bangladesch halte, antwortete er mir: „Ja, die Menschen sind wirklich sehr arm hier, das ist furchtbar, aber sie können froh sein, dass sie durch uns in den Produktionsstätten soviel Arbeit bekommen. Zum Glück sind sie zu arm, um sich einen Fernseher zu leisten, sonst würden sie sehen, dass es nicht überall auf der Welt so aussieht wie in Bangladesch.“ Am nächsten Morgen setzt sich dieser Käufer dann wieder ins Flugzeug und fliegt nach Hause zur Familie ins schöne Europa. Seine Aussagen sind zwar zynisch, doch leider wahr. Vor unserer Agentur standen immer wieder Fabriksbesitzer, die regelrecht um Aufträge bettelten, um ihre ArbeiterInnen nicht entlassen zu müssen.

Meine dreimonatige Tätigkeit in der Agentur in Dhaka hat mir einen interessanten und schockierenden Einblick in die Funktionsweise der Bekleidungsindustrie ermöglicht. Einige Monate nach meiner Rückkehr sind nun auch die Kleidungsstücke, die ich in den Produktionsstätten gesehen habe, in den Geschäften in Wien eingetroffen. Wenn ich sie jetzt sehe, ist es schwer vorstellbar, dass das dieselben Stücke sind, die damals auf einem riesigen Haufen in der Fabrik gelegen sind.

In den schicken Filialen bekommen die Kleidungsstücke dann ihren Wert; wo sie herkommen und zu welchen Bedingungen sie hergestellt wurden, sieht man ihnen nicht an. Ich verstehe das System jetzt zwar besser, doch einige Fragen sind immer noch unbeantwortet. Gerade bei teuren Marken verstehe ich nicht, warum den ArbeiterInnen nicht mehr bezahlt wird. Die hohen Preise, die die KonsumentInnen für die Kleidungsstücke bezahlen, würden dies sicher ermöglichen, lediglich die Gewinnspanne würde sich um ein paar Prozent verringern. Sowohl als Konsumentin als auch als Produzentin von Kleidung beschäftigt mich die Frage nach Alternativen, die sowohl vom Preis als auch vom Design her für ein breites Feld an KäuferInnen in Frage kommen.

Maiken Domenica Kloser studiert derzeit an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. 2009 absolvierte sie ihre Meisterprüfung als Schneiderin.

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