Auf Wiedersehen, Zukunft!

Libyen wird im Kampf zwischen Milizen und neuerdings dem „Islamischen Staat“ aufgerieben. Mirco Keilberth liefert ein Stimmungsbild aus der Hauptstadt Tripolis und folgt der Exil-Route nach Tunesien.

Rauch über Tripolis: Im August 2014 kämpften Milizen um die libysche Hauptstadt. Anfang 2015 wurde hier der „Islamische Staat“ aktiv.

Mohamed Mikati wird wehmütig. Die Nachmittagssonne scheint durch die italienisch anmutende „Straße der Unabhängigkeit“. Das Zentrum von Tripolis wurde von den ehemaligen Kolonialherren einst als Kopie der Heimat geplant. „Der Algerien-Platz mit dem berühmten Aurora Café, wo schon Sophia Loren gedreht hat, hat bis in die späten 1960er Jahre mediterranen Charme wie Neapel oder Rom versprüht“, strahlt Mikati. Der Libanese betreibt eines der ältesten Restaurants am Platz. Schon seit Monaten ist es meist gähnend leer.

Mikatis alter Freund Ogur Acarbey, der aus der Türkei stammt, zündet sich nervös eine Zigarette nach der anderen an. Der Ingenieur und der Wirt gehören zu den wenigen verbliebenen Ausländern in Tripolis. Acarbey lebt seit 16 Jahren in Libyen. Fast alle Großprojekte im Land entstanden unter Leitung internationaler Konzerne. Selbst nach dem Sturz Muammar Gaddafis kehrten sie zurück, trotz großer Unsicherheit: Zu verlockend war die Aussicht auf jahrzehntelang üppige Gewinne. Bis im Jahr 2014 der Krieg nach Libyen zurückkam. Seit vergangenem Sommer kämpft die selbst ernannte Anti-Terror-Allianz Karama („Würde“) um den ehemaligen Gaddafi-General Chalifa Haftar gegen das Milizenbündnis Fajr („Morgendämmerung“), das mit Islamisten verbündet ist und weite Teile des Westens und der Hauptstadt Tripolis kontrolliert. Es gibt zwei Regierungen, eine in Tripolis, eine in der ostlibyschen Stadt Beida (siehe Info-Kasten S.13). Libyen droht am Kampf der Milizen zu zerbrechen. In der jüngeren Zeit kam eine weitere Bedrohung dazu: der selbsternannte Islamische Staat (IS).

Abschied. Mit Tränen in den Augen umarmt Ogur Acarbey seinen Freund Mohamed Mikati. Sie werden sich wohl sobald nicht wieder sehen, der Türke verlässt Libyen in Richtung Istanbul, der umtriebige Libanese wird bald seinen nach Südamerika ausgewanderten Kindern folgen. „Libyen sieht düsteren Zeiten entgegen“, flüstert der Restaurantbesitzer. „Absurd, dass die wenigen Extremisten nun am Drücker sind“, ergänzt Acarbey.

Nachdem die Lage in der Saharahauptstadt Sabha immer unsicherer wurde, zog die türkische Baufirma, für die Acarbey arbeitete, auch ihre letzten Mitarbeiter in die libysche Hauptstadt ab. In Tripolis täuschte lange ein ruhiger Alltag über die vielen Machtkämpfe im Land hinweg.

Am 27. Jänner griffen zwei gerade einmal volljährige Extremisten das „Corinthia Hotel“ im Stadtzentrum an, den beliebten Treffpunkt für Geschäftsleute im ölreichsten Staat Afrikas. Elf Menschen starben. Der IS bekannte sich zum Anschlag.

Schon vor dem 27. Jänner fühlten sich vor allem Ausländerinnen und Ausländer, politische Aktivistinnen und Aktivisten sowie Geschäftsleute nicht mehr sicher. Doch nun packten viele ihre Sachen. Das Attentat hat es im Schatten der zahlreichen weltweiten Krisenherde nicht auf die Titelseiten westlicher Medien gebracht. Dabei hat nun erstmals eine neue Generation von jungen Dschihadisten die Hauptstadt eines nordafrikanischen Landes im Würgegriff. „Ihre Botschaft ist einfach: Wir können überall zuschlagen“, sagt der libysche Sicherheitsexperte Faisal Swehli, der davon überzeugt ist, die Täter hätten Informanten im Hotel gehabt.

Rückzugsgebiet für Terroristen. Tausende Jugendliche aus Tunesien, Ägypten, Algerien und Sudan wurden in den vergangenen Jahren von salafistischen Netzwerken in libyschen Trainingscamps ausgebildet. „Libyen wird zum Sprungbrett des Terrors nach Europa, wenn man dem Chaos weiter zuschaut“, sagt ein Polizist, der die Aufräumarbeiten vor dem Hotel bewacht. Es sind Migranten aus Ghana oder Nigeria, die in ihre Heimat geflohenen ägyptische Gastarbeiter ersetzen und hier anpacken. Tausende Illegale kommen jede Woche durch die Sahara nach Tripolis.

Der Geschäftsmann Osama Swed hat lange Hotels in Tunesien geleitet und auch in London gelebt. Der 38-Jährige sympathisiert mit der Fajr-Milizenallianz, deren Macht in Tripolis nun vom IS herausgefordert wird. Ein Islamist sei er sicher nicht, sagt er. Es gehe auch gar nicht um Ideologie in Libyen, sondern um eine jahrelang empfundene Ungerechtigkeit: Zu stark hätten Gaddafis Regime und seine Allianzen mit bestimmten Stämmen das Leben in dem Land mit seinen fünf Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern geprägt.

Die Fajr-Allianz verbindet ein Dutzend Städte, die vor der Revolution keinen Zugang zu Macht und Geld hatten. Mit der Freiheit kam die Hoffnung auf Wohlstand.

42 Jahre hatte Gaddafi seinen Untertanen eingebläut, Libyen hätte als reichstes Land Afrikas über Jahrhunderte ausgesorgt. Über 70 Prozent der Berufstätigen der sozialistischen Volksrepublik waren direkt beim Staat angestellt – wer von der Vetternwirtschaft profitierte, glaubte gerne den Versprechungen des Langzeitdiktators.

Verinnerlicht sind zudem seine Warnungen, „der Westen“ warte nur darauf, sich das schwarze Gold, also das Öl Libyens, unter den Nagel zu reißen. Geschichten über Spione und Verschwörungen gehören zu jeder unterhaltsamen Runde in den zahlreichen Cafés in Tripolis. Auch anderen Landsleuten wurde gerne misstraut. Viele Libyerinnen und Libyer reisen kaum, kennen oft nicht einmal die Nachbarregion. „Das hat es Gaddafi und nun den Islamisten leicht gemacht, Regionen und Städte gegeneinander aufzubringen“, sagt Osama Swed.

Revolution und Bürgerkrieg 

Mitte Februar 2011
Beginn des Aufstandes gegen Muammar Gaddafi, der im Laufe der Zeit zum Bürgerkrieg wird. 

20. Oktober 2011
Gaddafis Geburtsstadt Sirte wird eingenommen. Gaddafi wird gefangengenommen und unter ungeklärten Umständen getötet. Wenige Tage später wird der Bürgerkrieg für beendet erklärt.

7. Februar 2012
Erste freie landesweite Parlamentswahlen. Gewählt wird der Allgemeine Nationalkongress, der den Nationalen Übergangsrat ersetzt. Von 2012 bis 2014 ist der Allgemeine Nationalkongress die höchste Legislativbehörde Libyens.

Frühjahr 2014
Der politische Prozess gerät ins Stocken.

25. Juni 2014
Parlamentswahlen werden abgehalten, nationalistische und liberale Faktionen erobern die Mehrheit der Sitze.

Sommer 2014
Konflikt zwischen Karama-Allianz und Islamisten-Allianz Fajr entzündet sich. Die international anerkannte Regierung muss aus Tripolis in den Osten des Landes fliehen.

Herbst 2014
Der Islamische Staat (IS) wird in Libyen aktiver, nicht zuletzt in der ostlibyschen Hafenstadt Derna. Aber auch Sirte, Tarhouna und Sabrata entwi-ckeln sich zu ISHochburgen.

Anfang 2015
Die Vereinten Nationen versuchen, in Verhandlungen eine Lösung der Konflikte zu erreichen. Die Versuche scheitern.

27. Jänner 2015
Anschlag auf das Corinthia Hotel in Tripolis. Elf Menschen sterben. Der IS bekennt sich zum Attentat.

Februar 2015
Nach der Ermordung 21 koptischer Christen durch den IS bombardiert Ägypten IS-Stellungen in Libyen. Der Ruf nach einer neuen UN-Mission in Libyen wird laut. Zu Redaktionsschluss war die Entscheidung noch offen.

Nur raus aus Tripolis. Ogur Acarbey macht sich mit dem Sammeltaxi auf den Weg an die tunesische Grenze. Die wenigen verbliebenen Flüge vom ehemaligen Militärflughafen Maitiga im Stadtzentrum sind entweder ausgebucht oder unerschwinglich.

Am Vortag vor Acarbeys Abreise machten Gerüchte über schwarze IS-Flaggen in Vororten von Tripolis die Runde. Was dahinter steckt konnten sie zwar nicht in Erfahrung bringen, aber fünf „Westler“ reichen diese Gerüchte, um sich zusammen mit Acarbey in einem Mercedes-Transporter an die tunesische Grenze bringen zu lassen.

Die mittägliche Blechlawine zehrt an den Nerven. Am Stadtrand wird der Verkehr plötzlich spärlich. Wer kann, vermeidet Überlandfahrten außerhalb der Stadt.

Rechts ziehen die verwaisten Sandstrände der libyschen Mittelmeerküste vorbei, links von der Straße erinnern die zahlreichen Unfallwracks daran, dass mangels Polizeikontrollen mehr junge Libyerinnen und Libyer im Straßenverkehr als bei den diversen lokalen Milizenkämpfen sterben. „Wir brauchen gar kein Öl, Tourismus an den 2.000 Kilometern Strand würde viel mehr Arbeitsplätze schaffen“, schreit der Fahrer in den Fahrtwind und zeigt auf das türkise Wasser.

Still wird es im Mercedes-Transporter, wenn man an Kontrollpunkte der Milizen kommt. Vor dem Ortseingang von Sabrata, rund 70 Kilometer westlich der Hauptstadt und etwa auf der Hälfte des Weges zur Grenze nach Tunesien, taucht bereits der zehnte Kontrollpunkt seit Tripolis auf. Woher man denn käme, ist die übliche Frage der meist mit Kalaschnikows bewaffneten Milizionäre, von denen der Reisende oft nicht weiß, zu welcher Einheit sie gehören. Die Antwort muss wohl überlegt sein, denn sie kann freie Fahrt oder Gefängnis bedeuten. Die Städte des Landes und einzelne Stadtteile haben sich entweder der Fajr-Allianz oder der regierungstreuen Karama-Bewegung Ostlibyens angeschlossen. Der im Personalausweis verzeichnete Wohnort macht den Inhaber, ob er will oder nicht, parteiisch. In Sabrata sind mittlerweile auch IS-Milizen aktiv. Das Auto wird schließlich durchgewunken.

Der Grenzposten Ras Jadir liegt rund 170 Kilometer von der libyschen Hauptstadt Tripolis an der Grenze zu Tunesien an der Mittelmeerküste. Neben Schmugglern passieren auch immer häufiger Dschihadisten die Grenze - in beide Richtungen.

Zwischenstopp Zuwara. Ein Stück weiter Richtung Tunesien erreichen Acarbey und seine Reisegefährten die Berberstadt Zuwara. In Zuwara trifft man junge Revolutionäre wie Ayoob Sufyan. Der 26-jährige Jungpolitiker und politische Aktivist hatte sich bei den Parlamentswahlen 2012 als landesweit jüngster Kandidat beworben. „Wir jungen Leute sind im Februar 2011 aus Solidarität mit den Bürgern in Bengasi auf die Straße gegangen (2011 war Bengasi ein Zentrum des Aufstands gegen das Gaddafi-Regime, Anm.). Viele aber auch aus Protest gegen ihre Eltern, die in dem korrupten System Libyens mitgemacht haben“, sagt der liberal-säkular orientierte Revolutionär im Rückblick. Seit damals habe sich die libysche Zivilgesellschaft landesweit vernetzt, erklärt er. „Dann brachen im vergangenen Jahr die Wunden auf, die durch den Krieg von 2011 entstanden sind.“

Der Stadtrat von Zuwara entschied, sich mit den eigentlich unbeliebten Islamisten der Fajr-Allianz gegen die arabischen Nachbarstädte zu verbünden, deren Banden Gaddafi 2011 auf die Berberstadt gehetzt hatte.

„Mangelnde Aufarbeitung der Verbrechen während des Regimes und während der Revolution ist der Motor für alle neuen Konflikte“, sagt Radi Dan, ein Freund von Sufyan, und legt sich seine Prothese an. Der 25-Jährige ist behindert, seit Angreifer aus dem Nachbarort Dschmel ihm 2011 bei einem Verhör den Fuß zertrümmert haben. Er nimmt Medikamente gegen den Schmerz. „Ich habe aber keine Zeit zu jammern“, erklärt er und lächelt höflich.

Kleider, Benzin, Waffen. Am Grenzposten Ras Jadir, rund 60 Kilometer von Zuwara entfernt, treffen Ogur Acarbey und seine Mitreisenden Sufyan wieder. Der Revolutionär ist seit dem Sturz Gaddafis mit anderen aus seiner Heimatstadt (und in Absprache mit der Fajr) für die Grenzwache mitverantwortlich.

Rund um die tunesisch-libysche Grenze hat sich ein reger Schmuggel entwickelt, von elektronischen Geräten über Kleidung bis zu Benzin. Trucks umfahren den Grenzposten über Wüstenrouten. Der Gewinn der Schmuggler ist immens. Ein Liter vom libyschen Staat subventioniertes Benzin kostet in Zuwara umgerechnet rund acht Cent, in Tunesien dagegen über einen Euro.

Sufyan, jetzt in Tarnuniform, versucht das Chaos rund um die lange Warteschlange in den Griff zu bekommen. Und Waffen zu finden: Zunehmend überqueren Extremisten die Grenze in beide Richtungen. Durch die Gegend verläuft zudem eine der Routen, auf der Drogen von der Sahara her weiter Richtung Europa transportiert werden.

Während in der Politik Libyens wieder die alten Männer das Sagen haben, kontrolliert hier die junge Generation die Straßen. „Vor vier Jahren war ich noch Student, nun habe ich mit Schmugglern zu tun. Das ist alles ein bisschen viel“, sagt Sufyan und lacht. Wenig später meint er: „Wenn wir hier nicht Verantwortung übernehmen, wird Libyen zur Gefahr für die ganze Region.“

Ogur Acarbey hat nach fünf Stunden Wartezeit nun tunesischen Boden unter den Füßen. „Die jungen Leute an der Grenze geben sich Mühe, die Lage in den Griff zu bekommen. Aber sie haben keine Erfahrung.“ Der türkische Ingenieur dreht sich noch einmal kurz zur libyschen Grenze um und sagt leise: „Wenn sie es schaffen, komme ich wieder.“

Mirco Keilberth berichtet als freier Journalist seit Anfang 2011 aus Libyen und den angrenzenden Ländern. Er lebt eigentlich in Tripolis, pendelt aber seit der Eskalation der Lage zwischen Libyen und Tunesien.

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