Bangladesch: Dem Rest der Welt voraus

Die Menschen in Bangladesch bekommen den Klimawandel als Erste zu spüren – und sie nutzen ihre gesamte Kreativität, um sich an seine Auswirkungen anzupassen. Aber wird das ausreichen?
Eine Reportage von New Internationalist-Redakteurin Hazel Healy.

Zyklon Aila: Frau N., mit ihrem Enkelkind, zeigt die im Vorjahr verwüstete Flusslandschaft in Gabura.

Es ist kaum zu glauben, dass das Dorf einfach aus dem Boden gestampft wurde. Es sieht so aus, als ob es schon immer da gewesen wäre: gepflegte Küchengärten neben den strohgedeckten Lehmhäusern, die auf erhöhten Fundamenten stehen; Bananenstauden und Betelnusspalmen säumen die Wege, überall Hühner, Ziegen und spielende Kinder, ein paar wiederkäuende Kühe, angebunden an Pflöcken, und auf den Feldern wächst der junge Reis.

Vor drei Jahren, am 25. Mai 2009, als der Wirbelsturm Aila über Bangladesch hereinbrach, gab es hier nichts als Schlamm und zerstörte Häuser. „Man sagte uns, dass Gabura [ein Nachbardorf] überflutet war, zerstört“, sagt Nasima Ali, die in Mirgunj lebt, einem Dorf im Süden von Bangladesch. „Es blieben uns zehn Minuten, um die Leute zu warnen, bevor es passierte. Plötzlich standen wir bis zum Hals im Wasser.“

Die Flutwelle, die den Wirbelsturm Aila begleitete, war sechs Meter hoch und durchbrach die Dämme, hinter denen sie sich sicher gewähnt hatten. Entlang der Küste starben 190 Menschen, und das Vieh ertrank zu Hunderttausenden. Die Lehmhäuser zerfielen im Wasser. Die Menschen flüchteten auf die wenigen Ziegelhäuser, die noch standen. „Wir verloren alles – unser gesamtes Eigentum, Geld, Dokumente, die Tiere.“ „Selbst das Essen, das ich gerade kochte“, ergänzt eine Frau.

Erwärmen sich die Meere, steigt der Meeresspiegel, und tropische Wirbelstürme werden sowohl häufiger als auch heftiger, so die Prognosen. Die Menschen in diesen Dörfern sind aber entschlossen, auf keinen Fall wegzugehen. Ich bin in dieses abgelegene Gebiet in Bangladesch gereist, um herauszufinden, was sie und Millionen andere tun, um sich an die Auswirkungen des Klimawandels anzupassen.

„Adaptation“, Anpassung an den Klimawandel, das war früher einmal als resignative, passive Strategie verpönt. Aber das ist lange her. Seit mehr als zehn Jahren wissen wir, dass die Folgen der Erderwärmung genau jene Menschen als erste treffen werden, die am wenigsten dazu beigetragen haben. Während dieser Zeit haben die Treibhausgasemissionen rascher zugenommen als erwartet, und ihr Anstieg beschleunigt sich mit jedem Tag.

Selbst wenn wir ab morgen keine Treibhausgase mehr in die Atmosphäre blasen würden, müssten wir mit einem durchschnittlichen Temperaturanstieg von 2° C rechnen. Unter solchen Bedingungen würden bei Überflutungen in Bangladesch im Schnitt um 30% mehr Land unter Wasser stehen – und schon heute sind bis zu 70% des Landes betroffen. Was immer wir auch tun, um die Emissionen zu reduzieren, muss daher von Maßnahmen begleitet sein, den Ärmsten bei der Anpassung an die unvermeidlichen Auswirkungen zu helfen.

Bangladesch, mit einem CO2-Fußabdruck von bloß 0,3 Tonnen pro Kopf [2006; Österreich: 8,6 t, Anm. d. Red.], ist dafür ein Musterbeispiel. Das weitgehend flache Land, das großteils nur knapp über dem Meeresspiegel liegt, wird oft als „Ground Zero“ des Klimawandels bezeichnet. 160 Millionen Menschen leben hier auf nicht einmal der doppelten Fläche Österreichs. Drei mächtige Flüsse – Ganges, Brahmaputra und Meghna – fließen hier in den Indischen Ozean und fächern sich dabei in hunderte Nebenarme auf; sie bilden das – nach dem Amazonasdelta – zweitgrößte Flussdelta der Welt. Dieses Gewirr von Flüssen tritt jeden Monsun über die Ufer und überflutet – in einem guten Jahr – ein Fünftel des Landes.

IPCC-Jargon


Mitigation (Minderung): Reduktion der Treibhausgasemissionen oder die Aufnahme von CO2 durch „Senken“ (z.B. Aufforstungen).

Adaptation (Anpassung): Verringerung der Gefährdung natürlicher und menschlicher Systeme durch Auswirkungen des Klimawandels.

Durch menschliche Interventionen hat sich das Problem verschärft. Staudämme in Indien haben die Wasserführung der Flüsse verringert, womit das Meerwasser mit den Gezeiten weiter ins Land vordringen konnte. Dämme, die Ackerland schützen sollten, blockierten die Entwässerung und setzten stattdessen große Flächen unter Wasser. Dazu kommen nun die Effekte des Klimawandels: im Norden schmelzende Gletscher im Himalaya, im Süden ein steigender Meeresspiegel (siehe Fakten S. 33).

Das Ausmaß der Gefährdung einer Gemeinschaft ist nicht bloß eine Funktion ihrer geographischen Lage, sondern hängt auch von ihrem Zugang zu Ressourcen ab. In Bangladesch konnte zwar die Armut wesentlich verringert und das Bevölkerungswachstum gesenkt werden, aber ein Drittel seiner Menschen sind mangel- oder unterernährt, 40 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze.

Andererseits wissen die Menschen in Bangladesch, wie man mit dem Wasser lebt, und sie waren schon seit Jahrhunderten mit immer neuen Umweltbedingungen konfrontiert. Diese Erfahrung scheint sich bezahlt zu machen. Heute wird das Land oft mit Bewunderung als ein Innovationslabor der Klimawandelanpassung beschrieben. ExpertInnen der Entwicklungszusammenarbeit und PolitikerInnen kommen hier zu Besuch, um sich anzusehen, wie gefährdete Gemeinschaften gelernt haben, mit Unsicherheit zurechtzukommen. Bangladesch, so lautet ihr Befund in der Regel, ist dem Rest der Welt weit voraus.

Auf der Straße von Dhaka Richtung Süden herrscht emsige Betriebsamkeit. Dreirädrige Lastenfahrräder, beladen mit allem Möglichen, von Baumstämmen bis zu Masthühnern, konkurrieren mit grell bemalten LKWs und Kamikaze-Bussen, die offenbar die Straße am liebsten für sich alleine hätten. An den Straßenrändern Frauen, die gekochten Reis zum Trocknen ausbreiten; Männer, die neben großen Waagschalen hocken und lebenden Fisch verkaufen; ein Bub, der ein Baby auf einem Floß im Süßwasserteich der Familie treiben lässt; Kinder, die Schlamm in Körben aus den Feldern tragen oder Brennholz sammeln. Sechs Stunden dauert die Fahrt, ohne dass dieser Strom von Aktivitäten und Menschen einmal eine Pause eingelegt hätte – ich befinde mich in einem der am dichtesten bevölkerten Länder der Erde.

Als wir in Mitradanga ankommen, ist es später Nachmittag. Die Sonne berührt bereits die Spitzen der Bambusspaliere, an denen sich Kürbispflanzen hochranken, darunter ein Meer von Wasserhyazinthen. Vögel fliegen tief über dem Wasser, ihre schwarze Silhouetten zeichnen sich vor einem pfirsichroten Himmel ab. Eine traumhafte Szenerie, was ich auch Shova Biswas sage, als sie uns begrüßt. Sie ist Vizepräsidentin des Sonalir Shopnaw Forum („Golden Dream Forum“). „Sie sollten das alles in der Regenzeit sehen“, meint sie nur lakonisch. Ich bin in der Zeit ins Dorf gekommen, in der das Land bearbeitet werden kann und keine Überschwemmungen drohen – zwei Monate im Jahr sind das.

Wir befinden uns im Bezirk Gopalganj, etwa auf halbem Weg zwischen Dhaka und der Küste, wo sich Ebbe und Flut bereits bemerkbar machen. Das Dorf liegt in der Nähe des Flusses Madhumati, auf einem schmalen Streifen Land, der wie ein Finger ins Wasser ragt, und es ist dreifach bedroht – vom Wasserrückstau, von Überflutungen und vom eindringenden Salzwasser.

Krabbenzucht in Mirganj: Alternative Erwerbsmöglichkeiten sind gesucht.

Shova macht auf einige der Verteidigungsmaßnahmen in Mitradanga aufmerksam, die sich in unserem Blickfeld befinden. Der Reis in den Feldern ist ein salzresistenter Tiefwasserreis; die Enten, die in ihre Ställe watscheln, gehören zu einer besonders produktiven Legerasse; ihre Eier dienen auch als Einkommensquelle, um die sinkenden Reiserträge wettzumachen. Die Häuser und Wasserpumpen stehen auf Sockeln, die hoch genug sind, um die Überschwemmungen der nächsten 30 Jahre zu überstehen, ebenso wie die großen Wasserbehälter, in denen Regenwasser gesammelt und gespeichert wird. Und zuletzt noch die schwimmenden Gemüsebeete, eine weiterentwickelte traditionelle Anbaumethode, aber mit neuen Nutzpflanzen wie Kurkuma (Gelbwurz), Okra, Gurken und Chili.

Der Einsatz dieser Technologien verdankt sich einem Forschungsprojekt zur Klimawandelanpassung. Die Wahl fiel auf Mitradanga, weil sich die Probleme des Dorfs durch stärkere Niederschläge und den steigenden Meeresspiegel verschlimmern werden. Die Mittel stammen von der britischen Hilfsorganisation Christian Aid, die Umsetzung hat eine lokale NGO übernommen, die Christian Commission for Development in Bangladesh (CCDB). Die Idee, so Projektkoordinator Evan Sarkar, ein charismatischer Baptist: „Wenn die nächste Krise kommt, werden sie darauf vorbereitet sein.“

Im Dorf gibt es einen großen, wenn auch etwas verfallenen Hochwasserschutzbau. Der Weg dorthin ist bereits der Erosion zum Opfer gefallen. Er bietet Platz für Menschen, schützt aber weder Tiere noch Häuser, die bei starken Überflutungen während des Monsuns oft weggeschwemmt werden.

Um den Menschen zu helfen, nach diesen Katastrophen wieder auf die Beine zu kommen – das Dorf war auch von den Ausläufern des Wirbelsturms Sidr 2007 betroffen – hat CCDB die ärmsten Frauen dabei unterstützt, ein Spar- und Kreditprogramm einzuführen. 1.000 Dollar kamen dabei bisher zusammen. Das Geld wurde dazu verwendet, den Bestand an Kühen zu erhöhen, eine gutmütige und anpassungsfähige Rasse, keksfarben mit schwarzgeränderten Augen.

Schwimmendes Gemüsebeet mit Gelbwurz.

Geld, Hochwasserschutz, Einkommensmöglichkeiten: Es klingt nach einer ganzen Menge. Aber bei einem Treffen des Golden Dream Forum in einer rostigen Baracke (zum „Klimawandelanpassungszentrum“ erkoren) dämmert mir langsam, warum das alles vielleicht nicht genug ist. „Meerwasser ist in unser Gebiet vorgedrungen“, sagt Subash Chandra Roy, ein pensionierter Lehrer. Reis verfault in den Feldern; die Kürbiserträge sind drastisch gesunken. Fische in den Flüssen der Umgebung bekommen Geschwüre und verenden.

Die meisten Leute hier betreiben Subsistenzlandwirtschaft. Sie klagen darüber, dass es nicht mehr sechs, sondern nur mehr drei Jahreszeiten gibt. Das Wetter spielt Kapriolen – durch erratische Regenfälle und überraschende Kälteperioden sterben die Setzlinge ab, dichter Nebel führt zu Blattlausbefall der Feldfrüchte und zu Schäden an den Mangobäumen. Eine Frau, Champa, mit von Betelnüssen rot gefärbten Zähnen, beklagt sich über Milbenausbrüche durch das stehende Wasser. In der Trockenzeit ist das Wasser salzig und ungenießbar. Jedes Hochwasser ist von einer Hygienekrise begleitet, und durch Wasser übertragene Krankheiten brechen aus. Viele DorfbewohnerInnen sind daran gestorben.

Die Menschen sorgen sich um die Zukunft. Wird das Land ihre Kinder erhalten, und wird man sie bis dahin überhaupt ernähren können? Plakate an den Wänden warnen vor dem Treibhauseffekt, und alle nicken mit dem Kopf, wenn die Rede davon ist. „Wegen der Menschen im Westen müssen wir uns mit vielen Krisen herumschlagen“, sagt Shova. „Unsere Erträge gehen zurück.“ Diese langsame Aushöhlung der Lebensgrundlagen macht keine Schlagzeilen, aber ist deshalb um nichts weniger verheerend. Alle sind sich darin einig, dass die Unterstützung zwar hilfreich ist, aber nicht ausreicht. Und sie haben eine Lösung: „Hört damit auf, die Luft zu verschmutzen, und gebt uns die finanziellen Mittel, damit wir das überleben können.“

Das Projekt in Mitradanga befindet sich noch im Anfangsstadium. Anpassungsmethoden werden ausprobiert und bewertet. „Am Anfang sagten die Leute, das ist zu viel, das ist ein globales Problem“, erzählt Dwijen Malik vom Bangladesh Center for Advanced Studies, das technische Hilfe leistet. „Aber jetzt sind genau dieselben die Aktivsten in der Gemeinschaft; im Vergleich zu vor drei Jahren ist die Stimmung hier ganz gut. Unsere größte Herausforderung besteht darin, herauszufinden, wie man die Landwirtschaftsproduktion steigern kann.“

Später besuche ich das Centre for Environmental and Geographical Information Services (CEGIS) in Dhaka, das sich auf Wassermanagement und Gewässermodellierung spezialisiert hat. Fida Khan, Leiter Klimawandelforschung, zeigt mir eine animierte Grafik zu den Auswirkungen des Meeresspiegelanstiegs. Ich sehe, wie Gopalganj langsam von einer sich ausbreitenden roten Fläche, der fortschreitenden Versalzung, verschluckt wird, und frage mich, was selbst alle Enten der Welt dagegen ausrichten können. Ein Großteil des intensiv bebauten Landes ist von Versalzung betroffen. Die Erträge könnten bis 2050 um bis zu 32% zurückgehen, bei einer Bevölkerung, die bis dahin um 130 Millionen zugenommen haben wird.

Ich will auch mit Menschen zusammenkommen, die mit etwas anderen, akuteren Problemen zu kämpfen haben. Daher reise ich weiter nach Südwesten, in die Sundarbans. Hier befinden sich die letzten großen Mangrovenwälder der Erde, ein natürlicher Schutzwall gegen Stürme und Erosion; allein in Bangladesch leben hier zwei Millionen Menschen.

Je näher ich dem Indischen Ozean komme, desto mehr weichen die üppigen Reisfelder einer kargeren, sumpfigen Landschaft. Überall sind halbtote Bäume zu sehen, das Markenzeichen der Garnelen-Aquakultur. Da das Wasser immer salziger wurde, haben sich einige Grundbesitzer auf Garnelen verlegt, mit denen sich ein paar Exporteure eine goldene Nase verdient haben. Die Garnelenzucht benötigt aber nur einen Bruchteil der Arbeitskräfte, die früher das Land als TaglöhnerInnen bearbeiteten, und mit dem brackigen Wasser aus den Garnelenteichen nimmt die Salinität weiter zu, Bäume sterben und die Umweltzerstörung schreitet voran.

In Munshiganj werde ich von Shahriar Dider und Anny Parveen begrüßt, zwei Eheleuten, die beide für die lokale NGO Shushilan arbeiten. Mit dem Motorrad fahren wir auf einer Dammstraße einen Kanal entlang. Auf dem Weg halten wir an, um mit einer Gruppe von Bauern und Bäuerinnen zu sprechen. Sie treffen sich gerade, um die TeilnehmerInnen an einer freiwilligen Katastrophenschutzschulung auszuwählen. Das Gebiet hier dürfte nach sämtlichen Karten über den zukünftigen Meeresspiegelanstieg als eines der ersten überflutet werden, irgendwann in den nächsten 40 Jahren. Einige Leute haben das Dorf bereits verlassen, aus Angst vor Naturkatastrophen und weil sich die Plagerei, dem versalzten Boden eine Ernte abzuringen, nicht mehr lohnte (siehe „Der große Klimaexodus“ auf S. 34).

Sie präsentieren uns eine lange Liste der Dinge, die passieren müssten, damit sie weiter im Land ihrer Vorfahren bleiben. An erster Stelle: Die Regierung muss die Deiche an den Küsten instandsetzen und erhöhen sowie tausende zusätzliche Schutzbauten als Zuflucht bei Wirbelstürmen errichten. „Wir wollen Wege finden, wie wir hier weiter leben können“, sagt Selina Said, Mutter zweier Kinder. „Wir brauchen neue Ideen und andere Technologien.“

In ihrem Dorf werden ähnliche Anpassungsmethoden wie in Mitradanga angewendet. Sie züchten Krabben und pfanzen Chilis, um die sinkenden Reiserträge zu kompensieren, und verwenden Biokompost, um dem salzigen, ausgelaugten Boden Nährstoffe zuzuführen. Ob das ausreichen wird, weiß niemand.

Das Quaken der Frösche wird lauter, während wir auf den Mangrovenwald zufahren, einen der letzten Zufluchtsorte der Königs- oder Bengaltiger. Sie haben gute Chancen, in den nächsten 50 bis 90 Jahren gemeinsam mit den Eisbären der Arktis zu den ersten Opfern eines Habitatverlusts zu werden, der vom Klimawandel verursacht wird.

Die Menschen, die am Rand des Waldes auftauchen und uns begrüßen, sind Landlose; Anny bezeichnet sie als „hardcore poor“. Sie leben ausschließlich vom Wald, wo sie Honig und Holz sammeln und Junggarnelen und Krabben aus den sumpfigen Wasserläufen fischen. Dazu müssen sie sich aber immer tiefer in Tigergebiet vorwagen. Sie nennen den Tiger „babu“ (Onkel) – aus Respekt, aber auch aus Angst. Zur Gruppe gehört eine Frau, deren 25-jähriger Sohn von einem Tiger getötet wurde. Sie haben sich aber auch schon andere geschnappt – einen Onkel, einen Schwager, einen Schwiegervater.

Seit dem Wirbelsturm Aila sind sie nicht mehr richtig auf die Beine gekommen. Sie verloren damals alles, was sie besaßen – ihre Boote, ihre Kleidung, ihr Vieh. Auch drei Jahre danach leben sie von der Hand in den Mund. „Wenn wir dem Wald etwas abgewinnen können, essen wir. Wenn nicht, dann nicht“, sagt eine Frau, Jhori Dashi. Sollte es zu einer weiteren Katastrophe kommen, droht diesen Menschen das absolute Elend.

Am folgenden Tag nimmt mich Shahriar mit zur Versuchsfarm, wo er salztolerante Gemüsesorten ausprobiert. Es gibt dort auch eine Mangroven-Baumschule für die Wiederaufforstung von Straßendämmen. Vier Meergänse watscheln vorbei. Anny betrachtet sie mit gemischten Gefühlen. „Wir versuchen Wege zu finden, um den Menschen hier zu helfen, aber es ist eine enorme Herausforderung“, sagt sie – „das Geld der Geber wird vielleicht nicht immer fließen.“ „Die Leute in Bangladesch haben ständig irgendwelche Probleme, und sie rappeln sich auch immer wieder auf. Aber mit diesen Wirbelstürmen wird das für sie immer schwieriger“, fügt Shahriar hinzu.

Shahriar und Anny sind mit ihren Sorgen nicht allein. Praktisch alle Entwicklungsagenturen im Land sehen die Situation ähnlich. Größere internationale Organisationen stellten sich bereits vor einigen Jahren von Katastrophenmanagement auf „Resilience“, auf Widerstandsfähigkeit um. Ob CARE, Plan, Rotes Kreuz, Practical Action, Oxfam, Christian Aid, Action Aid oder der WWF, alle haben auf den Klimawandel abgestimmte Programme, und sie sind alle in Bangladesch präsent.

Practical Aid hat im Norden Mehrzweck-Hochwasserschutzbauten für Menschen und Vieh gebaut und große Erfolge mit dem Kürbisanbau auf Sandbänken erzielt; das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) testet „katastrophensichere“, rundherum von Dämmen geschützte Dörfer mit Häusern auf Betonstelzen. Auch nationale NGOs haben bedeutende Innovationen hervorgebracht. Shidhulai Swanirvar Sangstha hat eine Flotte schwimmender, mit Solarenergie versorgter Schulen gebaut, eine andere Organisation segelt als mobiles Krankenhaus die Küste entlang.

In Bangladesch wimmelt es vor Projekten zur Klimawandelanpassung. Die Idee ist klar: Wer gut vorbereitet ist, wird weniger zu leiden haben. Was ich aber nach wie vor nicht weiß: Was davon bürgt für Erfolg? Und woran erkennt man das?

In der Hauptstadt Dhaka spreche ich mit dem Wissenschaftler Saleemul Huq, einem führenden Experten für Klimawandelanpassung und Mitverfasser der Berichte des Weltklimarats IPCC. „Es gibt keine statischen, Ein-für-Alle-Mal-Lösungen des Problems“, meint Huq, „aber bei der Projektkonzeption müssen als erstes die langfristigen Auswirkungen des Klimawandels berücksichtigt werden. Ob das gelungen ist, wird man erst in zehn Jahren wissen.“

„Bangladesch ist in vielerlei Hinsicht besser angepasst als sogar die USA“, fügt Huq hinzu. „Ein Beispiel ist der Hurrikan Katrina. Ein technologisch fortgeschrittenes und reiches Land sieht die Katastrophe kommen, ist aber nicht fähig, die eigenen Bürger zu schützen – insbesondere seine ärmeren Bürger. Ich habe die letzten zehn Jahre in den ärmsten Ländern Afrikas und Asiens zur Klimawandelanpassung gearbeitet, und Bangladesch ist jedem anderen Land mehrere Schritte voraus.“

Bangladesch hat auf internationaler Ebene sicherlich geschickt agiert. Regierungsmitglieder haben die reichen Länder aufgefordert, ihre Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen. Sie verfassen schonungslose Kommentare in führenden Medien und lassen keinen Zweifel daran, dass einzig und allein die Länder mit hohen Emissionen für das Problem verantwortlich sind. Und sie sind auch die ersten, die sich um Mittel für die Klimawandelanpassung anstellen.

Bloß ist bisher nicht viel davon ins Land geflossen – 18 Mio. Dollar, um genau zu sein. Der Großteil der Mittel der reichen Länder ging unter dem Titel „Mitigation“ an große Wirtschaften wie China und Indien, zur Steigerung der Energieeffizienz (sprich: etwas emissionsärmere Kohlekraftwerke als zuvor). Zwischen 2004 und 2011 erhielten kleine Inselstaaten wie Tuvalu und andere Atolle im Pazifik, zusammen mit den am wenigsten entwickelten Ländern Asiens, aus zweckgewidmeten Klimafonds lediglich 35 Mio. Dollar.

Rachel Berger, Klimawandelberaterin von Practical Action, ist Mitglied des Boards des Adaptation Fund, der mit dem Kyoto-Protokoll ins Leben gerufen wurde. Sie befürchtet, dass westliche Länder sich mittels „gebundener Hilfe“ mehr Geld zurückholen als sie geben. „Ausschlaggebend für die Prioritäten bei der Anpassung könnte dann sein, ob es dem Privatsektor nützt und nicht den Ärmsten.“ NGOs kämpfen bereits dafür, dass die UNO die Mittel verwaltet, die Verwaltungskosten niedrig gehalten und die Top-Down-Programme der Weltbank blockiert werden, bei denen lokale Bedürfnisse und lokales Wissen keine Rolle spielen.

Bei den UN-Klimagesprächen wurde mittlerweile vereinbart, bis 2020 einen Grünen Klimafonds mit jährlich 100 Mrd. Dollar auszustatten, sowohl für Mitigation als auch Adaptation. Das entspricht in etwa der gesamten weltweiten Entwicklungshilfe. Es geht also um Einiges, auch wenn der Westen erst 2,4 Mrd. der 30 Mrd. Dollar bereitgestellt hat, die bis 2013 zugesagt wurden.

Was Verlässlichkeit betrifft, ist der Ruf der reichen Länder allerdings nicht gerade der beste. Daher meinen viele hier in Bangladesch, man sollte am besten gar nicht damit rechnen. „Dieses Geld wird es nicht geben“, sagt etwa der Aktivist Rezaul Chowdhury. „Selbst als es ihren Wirtschaften gut ging, haben sie nichts herausgerückt. Wir werden uns auf unser Sozialkapital stützen müssen: Partizipation, Opferbereitschaft und Führungsqualitäten.“

Wir befinden uns in seinem staubigen Büro in Dhaka. Aufkleber mit dem Text „Ecological reparations now!“ zieren seinen Laptop. Rezaul ist Chef von COAST, einer radikalen Mikrofinanzorganisation für KüstenbewohnerInnen, sowie einer Koalition für Klimagerechtigkeit namens „Equitybd“. Bei dem verheerenden Wirbelsturm von 1991, bei dem mehr als 138.000 Menschen ums Leben kamen, verlor er einige nahe Familienangehörige und sein Haus auf der Insel Kutubdia. Diese Erfahrungen verleihen seinem Engagement einen leidenschaftlichen Aspekt. Zur Adaptation hat er sich erst spät bekannt („Am Anfang war ich absolut dagegen“), ist sich aber über ihre Grenzen im Klaren. „Mitigation muss meiner Meinung nach an erster Stelle stehen. Meine Regierung hat in Durban versagt, weil sie sagte: ‚Wir brauchen Geld!‘“

Nehmen wir einmal an, Bangladesch bleibt auf sich allein gestellt. Welche Chancen hat die Regierung, die am meisten gefährdeten Menschen zu schützen?
Einige Entwicklungen sind ermutigend. Bangladesch hat die Zahl der Todesopfer von Naturkatastrophen gesenkt, mit Schutzbauten und Frühwarnsystemen, und in landwirtschaftliche Forschung investiert. Die regierende Awami League hat sogar mit ihren Erzrivalen in der Opposition so etwas wie eine parteiübergreifende Vereinbarung zur Klimawandelpolitik zustande gebracht.

Bangladesch war auch das erste Entwicklungsland, das eine Nationale Strategie und einen Nationalen Aktionsplan zum Klimawandel erstellte. Für seine Umsetzung sind jährlich 100 Mio. Dollar aus dem Budget zweckgewidmet. Es regnet zwar Zusagen ausländischer Geber für den so genannten „Climate Change Resilience Fund“, aber sechs Mrd. Dollar werden bei weitem nicht zusammen kommen – soviel wird es laut Regierung kosten, zusätzliche Wirbelsturm-Schutzbauten zu errichten und Küstendeiche mit einer Gesamtlänge von 7.000 km instandzusetzen, die in den 1960er Jahren gebaut wurden.

Bei den technischen Kapazitäten gibt es jedoch Engpässe, und zwischen politischen Vorgaben und ihrer Umsetzung klafft eine riesige Lücke. Im Korruptionsindex von Transparency International belegt Bangladesch einen der schlechtesten Plätze. Geld, das für Hochwasserschutzmaßnahmen im Unterbezirk Dacope der Division Khulna im Südwesten [Bangladesch ist in sieben Divisionen unterteilt, Anm. d.Red.] bestimmt war, tauchte nie auf; manche Dämme wurden nie gebaut, andere nicht so hoch oder massiv wie in den Plänen vorgesehen. Zum Missbrauch von Geldern äußern sich MitarbeiterInnen von NGOs sehr offen, ein tiefer Zynismus ist unverkennbar. Sie erwähnen neue Organisationen, die „über Nacht“ entstehen, oder „Briefkasten-NGOs“, die das Geld abräumen. Immerhin hat die Regierung aufgrund vergangener Kritik die Durchführung der nächsten Finanzierungsrunde für NGO-Projekte zur Klimawandelanpassung an eine Mikrofinanzinstitution ausgelagert.

Trotzdem: Es erscheint etwas abwegig, über die mangelnden Kapazitäten eines 40 Jahre alten Landes wie Bangladesch zu lästern, mit einer vom Westen verursachten Krise zurechtzukommen. Ein Aspekt, der Iftekhar Mahmud, dem Umweltredakteur der führenden bengalischsprachigen Tageszeitung Prothom Alo, nicht entgangen ist: „Umweltschäden sind Teil des Entwicklungsprozesses. Gut, eure Wirtschaft steht gut da, es herrscht Recht und Ordnung, aber ihr produziert Umweltschäden, die sich auf die ganze Welt auswirken. Wir wissen, dass wir uns in punkto Regierungsführung verbessern müssen. Aber wie steht es damit, dass es euren Demokratien nicht gelingt, die Konzerne unter Kontrolle zu bringen?“

Letzten Endes wird es allein die Regierung sein, mit all ihren Schwächen, auf die sich die Bangladeschis stützen werden müssen. Die Organisationen sollten daran arbeiten, Kapazitäten auf der untersten Ebene der Bezirksverwaltung aufzubauen, meint Zakir Kibria, Politikberater der nationalen NGO Uttaran: „Auf sich allein gestellt werden die meisten NGOs scheitern. Und das sage ich als Vertreter einer NGO.“

Fachkenntnisse und Ideen gibt es in Bangladesch mehr als genug. Es ist wie ein spannendes Puzzle: Man sieht zwar alle Teile, weiß aber nicht, wie sie zusammengehören. Die Antwort, meint Kibria, muss eine kollektive Anstrengung von Regierung, Zivilgesellschaft und wissenschaftlichen Institutionen sein. Letztere brauchen dringend Ressourcen für eine Klimamodellierung, um die Art und Dimension der zukünftigen Risiken bestimmen zu können.

Die Artikel dieses Themas wurden zuerst im Monatsmagazin „New Internationalist“ (Ausgabe 451, April 2012) veröffentlicht. Wir danken den KollegInnen in Großbritannien für die gute Zusammenarbeit. Der „New Internationalist“ kann unter der Adresse:

McGowan House, 10 Waterside Way, Northampton, NN4 7XD, UK

bezogen werden (Jahresabo: 37,85 Pfund; Telefon: 0044/ 1604 251 046). www.newint.org

Redaktionelle Bearbeitung und Kürzung der Artikel: Irmgard Kirchner. Übersetzung: Robert Poth.

Aus all dem spricht ein gewisser Optimismus. Aber ist er gerechtfertigt? Wird das, was jetzt getan wird, sich in zehn oder 20 Jahren als sinnvoll erweisen, ganz zu schweigen von der prognostizierten Welt von 2050?

So lange werden wir nicht auf die Antwort warten müssen, meint Kevin Anderson, stellvertretender Direktor des britischen Tyndall Centre for Climate Research, ein Experte, der sich im Grenzbereich zwischen Politik und Klimawissenschaft bewegt. Er befasst sich mit Energiesystemen, mit der Stromerzeugung, mit der Generierung von Wirtschaftswachstum. Wenn er meint, schlimmer könnte die Lage gar nicht sein, neige ich daher dazu, ihm zu glauben.

„Wir sind schon über das Worst-Case-Szenario des IPCC hinaus, und wir entfernen uns weiter davon“, versichert er. „Wenn man Wissenschaftler in ausreichender Entfernung von Mikrofonen befragt, sagen sie alle, dass wir uns auf eine Temperaturerhöhung um 4° C hin bewegen, vielleicht sogar schon bis 2050. Viele Leute haben argumentiert, dass plus 4° eine Bewegung auslösen werde, die alle Möglichkeiten einer organisierten, strukturierten Anpassung übersteigt.“ Und das gilt für alle Länder, nicht nur für Bangladesch.

Rezaul Chowdury von COAST hegt keine großen Hoffnungen. „Ich war [bei den UN-Klimaverhandlungen] in Bali, in Cancún, Kopenhagen und Durban. Ich bin nicht enttäuscht, ich bin völlig demoralisiert. Es war eine reine Zeitverschwendung. Ich hätte auf meinen Inseln bleiben sollen. Die Konferenzen erzeugen nur mehr Wirbelstürme, mehr Überschwemmungen, mehr tote Menschen. Als ob die Demokratie versagen würde.“

Also legt er die Sache in meine Hände: „Ihr müsst eine riesige Kampagne in eurem Land starten, die Leute informieren, erziehen. Wenn ihr eure Regierungen unter Druck setzt, wird es zu Mitigation – und Adaptation – kommen. Andernfalls nicht. Und vielleicht dauert das 50, 100 Jahre. Bis dahin trocknet uns Indien mit seinen Staudämmen aus und errichtet Stacheldrahtzäune, während die Welt unser Land unter Wasser setzt. Wir werden alle ertrinken.“

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