Boliviens weißes Gold

Wie Lithium der Wirtschaft des Landes neue Impulse geben soll, berichtet Robert Lessmann nach einem Lokalaugenschein.

Über 10.000 km2, eine Fläche über 30 Mal so groß wie der Neusiedlersee, erstreckt sich die Salzwüste Uyuni.© Robert Lessmann

Höhe: 3.660 Meter. Das Licht ist so gleißend, dass die schneeweiße Ebene an ihren Horizonten mit dem Stahlblau des Himmels zu verschmelzen scheint. Wer mit dem Jeep durch die Salzwüste, den Salar de Uyuni unterwegs ist, braucht einen erfahrenen Fahrer. Der größte Salzsee der Welt hat noch Zuläufe: Es gibt Wasserlöcher und an den Rändern nur wenige Stellen, an denen man hineinkommt und wieder heraus.

Vor mehr als 10.000 Jahren entstand er durch Austrocknen aus einem großen Binnenmeer. Aus dessen Resten, den Seen Uru Uru und Poopó bei der Minenstadt Oruro, die durch den Rio Des­­­­­­­­agua­­­­­­­­dero vom Titicacasee gespeist werden, droht gerade das letzte Wasser zu verschwinden. Für die indigenen Fischer der Uros und Chipayas, die dort leben, stellt das eine Überlebensfrage dar. Mit seinen 10.000 Quadratkilometern hat man im Salar auch bei schneller Fahrt den Eindruck, auf der Stelle zu stehen. Felsinseln mit übermannshohen Kakteen unterstreichen die surreale Anmutung.

Leichtmetall für Akkus. In dieser ökologisch hochempfindlichen Landschaft liegt das Material, das Bolivien im 21. Jahrhundert reich machen soll: Lithium, ein silberweißes, weiches Leichtmetall. Weil es eine hohe Fähigkeit besitzt, chemische Reaktionen einzugehen, kommt es in der Natur nicht elementar vor, sondern als Bestandteil von Mineralien und Salzen. Bereits bei Berührung der Haut kann es aufgrund der Feuchtigkeit schwere Verätzungen hervorrufen. In Form von elementarem Metallstaub ist es sogar luft­­­­­­­­ent­­­­­­­­zünd­­­­­­­­lich und wird daher unter Luftabschluss meist in Petroleum gelagert.

Häufigste Verwendung sind Lithium-Ionen-Akkus für Laptops, Smartphones, Elektroautos und E-Bikes. Der Markt boomt und die Erwartungen noch mehr, besonders durch die angekündigte Massenproduktion von Elektrofahrzeugen, aber auch im Zusammenhand mit der Speicherung erneuerbarer Energien. Lag der Preis für eine Tonne Lithium im Jahr 2001 bei 1.450 US-Dollar, so wurden im Frühjahr 2016 auf dem chinesischen Markt 26.000 Dollar bezahlt; die Durchschnittspreise dürften sich im fünfstelligen Bereich einpendeln. Bis 2016 wurden weltweit Lithiumvorkommen von etwas mehr als 40 Millionen Tonnen identifiziert, allein neun Millionen davon in Bolivien, gefolgt von Chile (7,5 Mio.), USA (6,7 Mio.), Argentinien (6,5 Mio. ) und China (5,1 Mio.); 2015 waren die größten Produzenten Australien (13.400 Tonnen) vor Chile (11.700) und Argentinien (3.800).

Partner gesucht. Vizepräsident Àlvaro García Linera berichtet euphorisch von japanischen und koreanischen Autobauern, die an die Tür klopfen – neben Interessenten aus China, Russland, Brasilien und den USA. Ziel sei die Gründung eines gemeinschaftlichen Unternehmens. Partner wolle man, keine Bosse. Und nicht Rohstoffe wolle man exportieren, sondern Batterien, am besten sogar Autos „Made in Bolivia“. Zu lange fühlte man sich im ressourcenreichen Andenland als „Bettler auf dem goldenen Thron“.

Der Reichtum des Landes – zunächst durch Silber, später Zinn – hat stets anderen genützt, während der Großteil der Bevölkerung arm blieb. Nach der Nationalisierung von Erdöl und Erdgas 2006 wurden Rohstoffressourcen in der neuen Verfassung vom Jänner 2009 zum Eigentum des bolivianischen Volkes erklärt, verwaltet durch den Staat. Für elementare Lebensmittel wie Wasser gilt ein Privatisierungsverbot.

Allerdings: Beim Lithium braucht Bolivien ausländisches Know-how. Seit 2007 läuft bereits ein Pilotprojekt der staatlichen Bergbaugesellschaft COMIBOL. Dabei wurde aber überwiegend mit chinesischem Lithiumkarbonat experimentiert.

Erst seit 2013 produziert Bolivien laut eigenen Angaben selbst geringe Mengen davon in Marktqualität. Man erreicht einen Reinheitsgrad von 96 Prozent, bräuchte zur Produktion von Batterien aber 99,5 Prozent.

Hoher Wasserbedarf. Seit 2015 arbeiten Ingenieure einer thüringischen Firma am Salar de Uyuni an einer neuen Fertigung, die im Jahr 2020 die Batterieproduktion aufnehmen soll. 30.000 Tonnen Lithiumkarbonat will man dafür jährlich gewinnen. Das deutsche Unternehmen betont, dass man mit deutschen Arbeits- und Umweltstandards arbeiten wird. Die Bäuerinnen und Bauern der Zone fürchten, dass der große Wasserverbrauch zulasten des Grundwassers und der Landwirtschaft gehen könnte. Offiziellen Angaben zufolge könnte die Lithium-Industrie über 400.000 Kubikmeter Wasser pro Monat benötigen. Das würde den Bauernfamilien fehlen, die hier u.a. vom Anbau von Quinoa leben. Sie kritisieren, dass sie nicht in die Planungen einbezogen oder informiert worden seien, wie es die neue Verfassung eigentlich vorsieht.

Auch nach zehn Jahren Pilotprojekt wird noch kein Lithium verkauft oder exportiert. Es deutet derzeit nichts auf einen Ausverkauf der Ressourcen hin. Denn Präsident Evo Morales wird vermehrt dafür kritisiert, dass Bolivien Ex­­­­­­­­traktivismus betreibe, also die Wirtschaft nicht im Sinne der Nachhaltigkeit umgestalte, sondern den Rohstoffabbau sogar forciere. In der Tat: Bis zu 80 Prozent der Staatseinnahmen kommen aus dem Export von Erdöl und Erdgas. Ob der langsame Fortschritt beim Lithium mehr auf Vorsicht vor ausländischen Abhängigkeiten beruht oder auf den begrenzten eigenen Möglichkeiten, ist noch eine offene Frage. ExpertInnen sehen aber auch die Gefahr, dass Bolivien den Anschluss verlieren und dann nur Lithium minderer Qualität zu niedrigen Preisen anbieten könnte.

Robert Lessmann ist langjähriger Südwind-Magazin-Mitarbeiter und Autor von Das neue Bolivien, Rotpunkt Verlag, Zürich, 2010.

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