Botschaft an die Welt

Er fordert auf Bildern, Mauern und Straßen Frieden ein. Ein Porträt des kenianischen Slum-Künstlers Solo 7.

Von Anna Mayumi Kerber
Wahlheimat: Er gehört zu Kibera, „seinem“ Slum in Nairobi: Solomon Muyundo alias Solo 7 (rechts in seinem Studio) kommt ursprünglich aus dem Westen Kenias. In der Hauptstadt fand er zur Kunst.

Solomon Muyundo kommt aus der Stadt Kakamega im Westen Kenias. Er wurde am 7. 7. 1977 geboren, als siebter von neun Geschwistern. Sein Vorname und Nachname haben beide sieben Buchstaben. Künstlername: Solo 7.

Mit sieben Jahren begann Solomon zu malen. Sein Bruder inspirierte ihn. 2003 kam er nach Kibera, einen Slum im Südwesten von Nairobi. Er suchte Arbeit, aber es war nicht einfach: Aushilfsjobs, Taglohn – die Kunst blieb lange mehr ein Hobby. Doch immerhin gab es hier Arbeitsmaterialien. „Auf dem Land ist das schwierig. Du bekommst nur einfache Farbe. Hier in Nairobi gibt es Acryl- und Ölfarben und Pinsel. Selbst Leute aus Tansania kommen, um diese Sachen hier zu kaufen.“

Zunächst war Solo 7 Teil des Künstlerkollektivs „Masaai Mbili“. Heute teilt sich der Straßenkünstler mit einem Kollegen ein Studio. Szenen aus dem Slumleben, einfache Botschaften und der kritische Blick auf soziale Themen zeichnen seine Arbeit aus. Viele seiner Gemälde sind Collagen. „Ich schaffe Textur mit Sägespänen oder mit alten Vorhängen und arbeite viel mit Acryl. Heutzutage wollen die Leute moderne Kunst, die abstrakt ist. Jemand hat mir einmal gesagt: ‚Wenn du realistische Kunst willst, dann mach doch ein Foto anstatt so viel Zeit zum Malen zu verwenden.‘ Ich glaube, die Technologie hat Künstlern den Realismus streitig gemacht.“

Slum-Leben. Auf den engen Straßen von Kibera herrscht reges Treiben. Es ist ein buntes Durcheinander von Menschen und Hühnern, Hunden und Karren. Der Slum inspiriert Solos Arbeit: „Es ist ein lebendiges Viertel. Die Menschen sind freundlich und kennen einander“, beschreibt er das Leben hier. „In den Häusern ist es heiß, wegen der niedrigen Wellblechdächer.“

Der Maler zeigt auf einen großen Baum, der etwa 20 Meter vor dem Studio auf einem Platz steht: „Wegen der Hitze treffen sich die Leute dort unter dem Blätterdach.“ Eine Frau flechtet die Haare einer anderen. Eine weitere brät Fisch in einer großen Pfanne mit Öl auf einem einfachen Kohleofen. Ein Betrunkener wankt über den Platz. Ein paar Burschen kicken einen abgewetzten Fußball umher.

Held der Nachbarschaft. Man kennt sich hier im Slum. Solo 7 kennt man sowieso. In der Nacht zum 30. Dezember 2007, als die Stimmen der kenianischen Präsidentschaftswahl ausgezählt wurden, kippte die Atmosphäre im ganzen Land. Raila Odinga vom ODM (Orange Democratic Movement) war bis dahin in Umfragen deutlich vorne gelegen. Nun hatte plötzlich sein Konkurrent Mwai Kibaki von der PNU (Party of National Unity) eine Million Stimmen mehr und wurde zum Sieger erklärt. Es kam in den folgenden Monaten zu Unruhen, bei denen Schätzungen zufolge bis zu 1.500 Menschen starben, 250.000 flüchteten.

Hotspot Kibera. Der Slum von Solo 7 war eine ODM-Hochburg. Und wurde zu einem der Hotspots für Straßenkämpfe, Anarchie und brutale Übergriffe der Polizei. Solo 7 war mittendrin. „Die Leute hatten primitive Waffen: Macheten, Steine“, erinnert er sich zurück. Es wurde geplündert, vor allem jene Geschäfte, die nicht ODM-AnhängerInnen gehörten. „Ich beobachtete das und nahm ein Stück Kohle, das auf der Straße lag. Dann schrieb ich ‚ODM‘ auf Marktstände und Kartoffelsäcke. Diese blieben unangetastet.“ Der Künstler war fasziniert von dem Effekt, den diese einfache Aktion hatte. „Ich dachte, wenn ein paar Buchstaben so viel bewirken können, muss mehr gehen. Ich begann ‚Peace wanted‘ (‚Friede gesucht‘, Anm.) auf Wände zu malen. Später dann ‚Peace wanted alive‘ und ‚Keep peace alive‘ (‚Friede lebendig gesucht‘ bzw. ‚Lasst den Frieden am Leben‘, Anm.)“. Kibera brannte, und Solo malte.

Kunst statt Konfrontation. Manchmal sei es besser, jemanden nicht direkt mit Kritik zu konfrontieren, erklärt Solo 7 seinen Denkansatz. „Wenn ich jemandem gesagt hätte ‚Leg die Machete weg!‘, hätte ich vielleicht sogar draufgehen können. Aber wenn man diese Botschaft überall sieht, dann denkt man vielleicht doch einmal darüber nach.“

Bald waren seine Sprüche überall in Kibera und anderen Slums zu lesen. Auf Wänden von Häusern, Hütten und sogar an einer Polizeistation und auf den Straßen, auf denen protestiert wurde. Fotos davon gingen um die Welt. Andere trugen seine Botschaft weiter. Der Aktionismus von Solo 7 war ein voller Erfolg. 

Seit damals arbeitet der Maler in seinen Gemälden die Slogans immer wieder ein. „Du weißt ja nie wer deine Werke kauft – von wo er kommt und wie die Atmosphäre dort ist. Frieden wird immer gebraucht. Hier lernen wir das jeden Tag.“

Anna Mayumi Kerber lebt als freie Journalistin in Kenia.

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