Caldonó hilft sich lieber selbst

Wieso die Indigenen in der Provinz Cauca im Südwesten Kolumbiens trotz Friedensprozess noch nicht aufatmen können und sich weiterhin lieber selbst organisieren, hat Knut Henkel vor Ort recherchiert.

Im regionalen indigenen Rat (CRIC) sind fast 90 Prozent der indigenen Gemeinschaften des Cauca vertreten. Gemeinsam kämpfen sie für ihre politischen, ökonomischen und kulturellen Rechte.© Knut Henkel

Winkend steht María Cecilia Valencia vor der Bodega, dem Lagerhaus und Treffpunkt der Kaffeebäuerinnen und -bauern in der Stadt Caldonó auf der Bergkette, rund 1.900 Meter über dem Meeresspiegel. Ein weißer Pick-Up steuert auf sie zu und hält an. Freudig begrüßen Agrartechniker Hernán Castellano und Agronom Juan Carlos Guampe die quirlige Frau. Doña Cecilia, wie sie respektvoll genannt wird, koordiniert in der Kleinstadt die KaffeebäuerInnen und -bauern der Region. Caldonó liegt rund fünfzig Kilometer nördlich von Popayán, der Hauptstadt der Provinz Cauca im Südwesten des Landes. Die aromatischen Bohnen sind ein traditionelles Exportprodukt Kolumbiens und Cauca ist eine der wichtigen Anbauregionen. Hier leben zehn indigene Ethnien, die gemeinsam ökonomische Perspektiven aus Quinoa und eben vor allem Kaffee schaffen.

Fast alle Familien gehören der CENCOIC, der zentralen Indigenen-Kooperative an. „Wir bereiten uns gerade auf die Ernte vor, koordinieren die Arbeit, beraten die Bäuerinnen und Bauern, feilen an den Strukturen“, erklärt Doña Cecilia.

Umkämpfte Region. In der Provinz Cauca ist der Krieg trotz des am 24. November 2016 unterzeichneten Friedensvertrages zwischen den Rebellen der FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) und der kolumbianischen Regierung noch nicht zu Ende. „Es hat in den vergangenen Monaten mehrere Morde an Umwelt- und Landrechtsaktivisten gegeben. Vor allem durch paramilitärische Gruppen, aber auch die ELN ist hier aktiv“, schildert Guampe die Situation auf der Rückfahrt nach Popayán. Die Region gehört zu den gefährlichsten in Kolumbien.

Die ELN (Nationale Befreiungsarmee) ist die zweite, kleinere in Kolumbien aktive Guerilla. Mit ihr haben die Friedensverhandlungen erst kürzlich begonnen, weil die Regierung die Freilassung eines verschleppten Ex-Abgeordneten zur Bedingung gemacht hatte. Zwischen 3.000 und 5.000 Kämpferinnen und Kämpfer soll sie unter Waffen haben. „Sie wird von der Regierung unterschätzt, weil sie nicht im Zentrum des Landes aktiv ist“, glaubt Andrés Antonio Almendra vom regionalen indigenen Dachverband. „In der Zeit, als der Friedensvertrag mit den FARC gerade unterzeichnet wurde, haben die Aktionen der Paramilitärs im Süden des Cauca zugenommen. Uns war früh klar, dass, wenn die FARC sich zurückzieht, neue Akteure nachrücken.“

Von der Regierung des Präsidenten Juan Manuel Santos haben die indigenen Organisationen wenig zu erwarten, denn die wirbt bei jeder Gelegenheit um Investoren – nicht nur beim Bergbau, sondern auch beim Bau von Wasserkraft- und anderen Infrastrukturprojekten. Kritik oder gar Widerstand von Umwelt-, Landrechts- und Bauernorganisationen ist nicht erwünscht.

Selbstorganisation. Die Menschen hier mussten immer schon auf die eigene Kraft vertrauen. In der zweitgrößten Stadt des Cauca, in Santander de Quilichao, werden regelmäßig Seminare in den Schutzgebieten angeboten, um neue Strategien der pazifistischen Selbstverteidigung zu verbreiten.

„Wir haben 1980 die indigene Kooperative gegründet, um die ökonomischen Strukturen in den indigenen Gemeinden zu stärken“, erklärt Guampe. Er leitet den Kaffeesektor der CENCOIC und arbeitet eng mit dem regionalen Rat der Indigenen zusammen. In sechs der 42 Gemeinden des Cauca fördert die CENCOIC den Kaffeeanbau, in anderen die Produktion von Quinoa oder Beeren, die zu Saft verarbeitet werden. Rund 2.100 Familien ernten derzeit unter dem Dach der Kooperative ihren Kaffee, der dann sortiert, klassifiziert und vermarktet wird.

In Caldonó gibt es 370 Mitglieder der CENCOIC, davon 16 Bio-Kaffeebauern, und es werden mehr. Jairo Alos ­­­­Ulago ist einer von ihnen. Der 37-Jährige will zukünftig Biokaffee produzieren und hat mit Doña Cecilia angefangen, Kompost und Biodünger herzustellen. „Das machen wir in kleinen Gruppen. Hier sind wir zu viert“, erklärt sie und geht auf einen mit blauer Plane und Holzleisten zusammengezimmerten Schuppen zu, in dem ein paar Fässer, Trichter und etwas Biomasse lagern. Agrartechniker Hernán Castellano öffnet eines der Fässer und prüft den Biodünger, der auf Basis von Biomasse und Mikroorganismen entstanden ist. Zufrieden nickend geht er zu den Kaffeesträuchern, greift in den aufgelockerten Boden. „Das sieht gut aus“, lobt er und wirft noch einen prüfenden Blick auf die Blätter der Kaffeesträucher, die reichlich grüne Kaffeekirschen tragen.

Anfang März werden sie sich rot färben und dann kann ein paar Wochen lang geerntet werden. „Die Kaffeebohnen werden erst vom Fruchtfleisch befreit, dann gewaschen, getrocknet und in Säcke verpackt. Die produzieren wir selbst, aus den Fasern einer Agavenart“, erklärt Doña Cecilia lächelnd. Sie setzt sich für den Bioanbau in der Region ein, der derzeit noch kaum zehn Prozent der Produktion ausmacht. Auf 30 bis 40 Prozent der Produktion soll er anwachsen. Die Nachfrage vor allem aus den USA und Europa sei da.

Friedlicher Widerstand. Die Indigenen sitzen seit Jahren zwischen den Stühlen. Denn Neutralität gibt es in Kolumbiens Bürgerkrieg nicht: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns, lautet die Logik der Bewaffneten“, betont Indigenen-Vertreter Almendra. „Von der Regierung werden wir gern als Sympathisanten der Guerilla bezeichnet. Unser pazifistischer Widerstand ist ihr ein Dorn im Auge.“

So machte im Juli 2012 die Räumung des Militärstützpunkts auf dem heiligen Berg Cerro el Berlín in Toribío, nordwestlich von Caldonó, durch mehrere tausend Angehörige der Nasa Schlagzeilen. Soldaten wurden genauso ins Tal heruntergetragen wie Sandsäcke, Funkmasten und Holzbohlen. Die Bilder der gewaltfreien Demilitarisierung des Berges gingen um die Welt.

Die indigenen Organisationen der Region wurden danach landesweit angefeindet. „Unsere Rechte sind zwar in der Verfassung fixiert, werden aber oft nicht akzeptiert. Das gilt auch für die indigene Rechtsprechung“, kritisiert Almendra.

Bestes Beispiel sei die Verurteilung von Feliciano Valencia, eines prominenten Repräsentanten der Nasa, der größten indigenen Ethnie im Cauca. Er hat das Urteil eines indigenen Gerichts umsetzen und einen Offizier mit 20 Stockschlägen züchtigen lassen, der bewaffnet in einem indigenen Schutzgebiet spioniert hatte. Valencia wurde daraufhin ein halbes Jahr im Gefängnis in Isolationshaft gesteckt, bevor die 18 Jahre lange Haftstrafe in Hausarrest umgewandelt wurde. „Ein Akt der Ignoranz gegenüber indigenem Strafrecht“, nennt Almendra dieses Vorgehen.

In María Cecilia Valencias Leben dreht sich alles um die Kaffeebohne. Sie koordiniert die Arbeit der Indigenen-Kooperative.© Knut Henkel

Zurück zum Ursprung. Lange hat  La Roya, eine Pilzerkrankung der Pflanzen, viele vor existenzielle Probleme gestellt. Durch die Einführung neuer resistenter Sorten sei nun wieder alles im grünen Bereich. „Wir haben uns anfangs an die Empfehlungen des nationalen Kaffeeverbandes gehalten und die neue Sorte Castilla angepflanzt, die resistent gegen den Pilz ist“, erklärt Agratechniker Castellano. „Allerdings waren wir mit der Qualität der Bohnen, dem Aroma und den Ansprüchen von Castilla nicht zufrieden und empfehlen den Bäuerinnen und Bauern jetzt alte Kaffeesorten.“

Gute Erfahrungen mit der Widerstandsfähigkeit und dem Aroma traditioneller Sorten hat Francisco Medina gemacht. Der 61-jährige Nasa verkauft selbstgezogenes Saatgut und bewirtschaftet wie viele andere in der Region weniger als einen Hektar. „Wir Nasa haben kaum Anbaufläche, obwohl wir als erste hier waren. Letztlich leben wir seit der Ankunft der Spanier im Krieg, müssen unser bisschen Land permanent verteidigen“, kritisiert der kantige kleine Mann. Er lebt mit seiner Familie an einem Hang, kann über ein Tal hinweg weit in die Region blicken. Zwei, drei Hektar Fläche hätte er gern, aber daran ist nicht zu denken, denn im Cauca konzentriert sich das fruchtbare Land in der Hand einiger Dutzend Familien.

Ein Spiegelbild der landesweiten Verhältnisse: knapp 90 Prozent der Flächen gehören Großgrundbesitzern. Das war auch ein zentraler Grund, weshalb 1964 der Bürgerkrieg mit der Gründung der beiden Guerillaorganisationen FARC und ELN begann. An den Verhältnissen hat sich seither nichts geändert. Während des Konflikts sei die Landvertreibung weitergegangen, kritisieren etwa Expertinnen und Experten des kirchlichen Forschungs- und Bildungszentrums CINEP. Dessen Anwälte unterstützen vertriebene Kleinbäuerinnen und -bauern bei der Rückkehr auf ihre Farmen.

Herausforderungen gewohnt. Die indigenen Kaffeebäuerinnen und -bauern aus Caldonó könnten bald vor neuen Herausforderungen stehen: Auf der Bergkette wird Gold, Platin, Kupfer oder gar Coltan vermutet. Wenn Indigenen-Vertreter Almendra von neuen Akteuren spricht, die nun in der Gegend aktiv werden könnten, dann meint er damit auch internationale Konzerne: „Wir müssen unser Land und seine sensiblen Ökosysteme verteidigen, denn Wasserkraftwerke genauso wie Bergbauunternehmen bedrohen unsere Lebensgrundlagen.“

Derzeit macht sich doch darüber noch niemand konkret Sorgen. Jetzt wird einmal die Ernte der Kaffeekirschen vorbereitet. 

Knut Henkel ist Politikwissenschaftler und freiberuflicher Journalist mit Schwerpunkt Entwicklungspolitik.

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