Das Dorf der Erkenntnis

New Internationalist-Redakteur Chris Brazier kehrte immer wieder nach Sabtenga im westafrikanischen Burkina Faso zurück. Seit 1985 hat er das Dorf alle zehn Jahre besucht.

Sabtenga, das Dorf in der Sahelzone, in der Erinnerung von 2005.© New Internationalist

Im Sommer 1985 verbrachte ich meinen 30. Geburtstag in Sabtenga. Ich war erst kurze Zeit beim New Internationalist und hatte die Aufgabe bekommen, eine Bäuerin zu finden, die wir in unserem Fernsehfilm über den Hunger in Afrika („Man-Made Famine“) porträtieren könnten. Ich schlug vor, sie in Burkina Faso zu suchen – eine etwas verwegene Idee: In dem westafrikanischen Land war gerade eine turbulente Revolution im Gange. Dass wir in Sabtenga fündig wurden, einem Dorf im Südosten nahe der Grenze zu Ghana und Togo, war allerdings nicht mir zu verdanken, sondern Kontakten der Regisseure, und alles in allem war ich das wohl unnützeste Mitglied des Teams.

Anstatt sinnlos bei den oft ermüdenden Dreharbeiten herumzustehen, spazierte ich daher im Dorf herum, begleitet von einer jungen Frau namens Mariama Gamené, die in das lokale „Komitee zur Verteidigung der Revolution“ gewählt worden war. Sie hatte in der Schule ausreichend Französisch gelernt, um als meine Dolmetscherin und Führerin dienen zu können.

Der Gegensatz zwischen den Lebensverhältnissen im Dorf und dem Leben in der westlichen Welt hätte kaum größer sein können. Die Menschen lebten von Subsistenzlandwirtschaft und plagten sich damit ab, der widerspenstigen Erde der Sahelzone wenigstens das Notwendigste abzuringen. Die meisten hatten offenbar nicht einmal Zugtiere, die ihnen bei der Feldarbeit helfen konnten, sondern bearbeiteten die Erde mit Hacken, den so genannten Dabas. Das Wasser musste in großen Krügen auf dem Kopf von oft weit entfernten Wasserstellen hergeholt werden. In den meisten Familien war es üblich, dass der Mann, der unumstrittene Haushaltsvorstand, mehr als eine Frau hatte. Im Dorf gab es weder eine Schule noch ein eigenes Gesundheitszentrum.

Kurz, es handelte sich um ein Dorf, in dem keine Spur jener „Entwicklung“ festzustellen war, über die in unserem Magazin ständig diskutiert und die zumindest als Idee in den Führungsetagen der Vereinten Nationen oder der Weltbank herumgeisterte.

Enorme Kluft. Trotz dieser enormen sowohl kulturellen wie auch materiellen Kluft zum Westen waren die Menschen in Sabtenga offenbar nicht viel anders als bei uns in den reichen Ländern, wie ich zu meiner Überraschung feststellte. So Feuer und Flamme ich damals für globale Gerechtigkeit und Gleichheit war, hatte ich doch bis dahin tief im Inneren sämtliche AfrikanerInnen in eine Art Büchse der Pandora gesteckt, in eine Schublade namens „Armut, Hunger, Konflikt etc.“. Damals begriff ich, emotional und nicht bloß mit dem Kopf, dass jeder Mensch eine einzigartige Geschichte zu erzählen hat, die sich zumeist darum dreht, wie man über die Runden kommt und Kraft aus der Unterstützung durch Familie und Freunde schöpft. Und so spürte ich auch, dass ich die enorme materielle und kulturelle Kluft überbrücken und hier Freundschaften schließen konnte.

Der Schlüssel dazu war natürlich Mariama. Dass sie mir so viel Zeit widmete, war ebenso erstaunlich wie die Offenheit, mit der sie mit mir über ihr Leben und ihre Einstellungen sprach. Ihre Beliebtheit und ihre geachtete Stellung öffneten mir alle möglichen Türen, die ansonsten für einen Journalisten fest verschlossen gewesen wären.

Was ich 1985 in Sabtenga erlebte, brachte mich dazu, die Welt mit anderen Augen zu sehen und lag allem zugrunde, was ich in den folgenden zehn Jahren schrieb. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass ich noch mehr aus dieser einzigartigen Chance machen konnte. Also überredete ich den New Internationalist, mich 1995 wieder nach Sabtenga zu schicken, um über die Veränderungen im Leben der Gemeinschaft nach einem weiteren Jahrzehnt der „Entwicklung“ zu berichten.

Positive Veränderungen. Wie sich herausgestellt hatte, war es unmöglich, mit den Menschen im Dorf brieflich in Kontakt zu bleiben. Ich hatte daher keine Ahnung, was mich erwartete – ich wusste nicht einmal, ob die Menschen, die ich am besten kannte, noch am Leben waren. Bei unserem Aufenthalt in 1985 durchlebte das Dorf gerade schwierige Zeiten. Der Regen war ausgeblieben, und die Nahrungsmittelvorräte waren fast zur Gänze aufgebraucht. Es war also möglich, dass das Dorf von weiterem Unheil heimgesucht worden war – die generell erschreckenden Armuts- und Gesundheitsstatistiken Burkina Fasos ließen einige düstere Fantasien zu. Außerdem war die so vielversprechende egalitäre Revolution durch den neuen, korrupten Präsidenten Blaise Compaoré abgewürgt worden, der sich 1987 an die Macht geputscht hatte; sein visionärer früherer Genosse Thomas Sankara wurde dabei ermordet. Doch zu meiner großen Freude waren 1995 nicht nur alle meine wichtigen Kontaktpersonen noch am Leben, sondern es hatte sich auch Vieles zum Positiven verändert. Etwa gab es nun eine Schule mit drei Klassenzimmern, was zwar nur für die Hälfte der Kinder im Schulalter reichte, aber dennoch als klarer Fortschritt zu bewerten war. Und die „Klinik“, zuvor nur ein leeres Gebäude ohne Medikamente oder Personal, hatte sich zu einem voll funktionsfähigen Gesundheitszentrum gemausert, betreut von einem Krankenpfleger und seiner Frau, die sich insbesondere um die Mütter und ihre Kinder kümmerte.

Die Geburtshelferin vieler dieser Babies war Mariama, die ganztags gegen eine sehr bescheidene Bezahlung im Zentrum arbeitete, ohne formelle Ausbildung, doch gestützt auf die Erfahrung, die sie sich in der Praxis angeeignet hatte. Jetzt, 1995, war sie 38 Jahre alt und hatte sieben Kinder. Zehn Jahre früher hatte sie mir gesagt, dass ihr die vier Kinder reichten, die sie damals hatte; sie wollte einfach mehr aus ihrem Leben machen, im Bewusstsein der Belastungen, die eine Elternschaft mit sich brachte. Doch ihr Mann Issa hatte sich durchgesetzt. Er vertrat die traditionelle bäuerliche Auffassung, dass mehr Kinder auch mehr Hilfe bei der Arbeit auf dem Feld und mehr Sicherheit im Alter bedeuteten. Verlässliche Verhütungsmittel waren zudem erst Anfang der 1990er Jahre von der Hauptstadt bis ins Dorf gelangt.

Info-Kampagne gegen Genitalverstümmelung Mitte der 1990er Jahre.© Claude Sauvageot

Aus für Genitalverstümmelung. Die wichtigste und vielversprechendste Entwicklung, von der ich 1995 berichten konnte, stand auch unmittelbar mit dem Leben Mariamas in Zusammenhang. Zehn Jahre davor hatte ich herausgefunden, dass sie die erste und einzige Mutter im Dorf war, die sich gegen die Praxis der Verstümmelung der weiblichen Genitalien (FGM, Female Genital Mutilation) wehrte. Sie hatte nicht zugelassen, dass ihre älteste Tochter Memnatu beschnitten wurde, wie es ihr selbst widerfahren war.

Was in den Jahren danach geschah, war wirklich bemerkenswert. Nicht nur waren Memnatu und ihre Schwester Aseta nach wie vor unversehrt. Irgendwie war es sogar gelungen, im Dorf einen Meinungsumschwung in Sachen FGM herbeizuführen, der sich offenbar den Aktivitäten von Frauen wie Mariama und offiziellen Informationskampagnen über die verheerenden gesundheitlichen Folgen der Praxis verdankte. Der alte, fast blinde Dorfchef erzählte mir, wie und warum er davon überzeugt wurde, dass FGM nicht mehr praktiziert werden sollte – und selbst eine der alten Frauen, die bis drei Jahre davor noch mit dem Rasiermesser unterwegs war, hatte sich die neue Auffassung zu eigen gemacht.

Ousmane war 2005 einer der ersten Besitzer eines Mobiltelefons.© New Internationalist

Die 1995 erschienene Reportage im New Internationalist („Heart and Soul: ten years of change in an African village“) wurde als so erfolgreich betrachtet, dass ich offene Türen einrannte, als ich vorschlug, die Reportage zehn Jahre später zu wiederholen. 2005 war das Dorf zwar im Großen und Ganzen nach wie vor eine bäuerliche Gemeinschaft, die von Subsistenzlandwirtschaft lebte und in der man generell nur zu Geld kommen konnte, wenn es einem aus dem Ausland geschickt wurde. Doch es gab eine Fülle anderer Fortschritte, über die berichtet werden konnte – insbesondere im Hinblick auf die Deckung der grundlegenden Bedürfnisse.

Der vierte Besuch. 2005 gab es bereits einige Mobiltelefone im Dorf, auch wenn man zum Aufladen in den Nachbarort Garango gehen mussten, der eben an das Stromnetz angeschlossen worden war.

Mein vierter Besuch 2016 war daher keine Reise ins Ungewisse mehr wie früher – ich konnte Mariama per Textnachricht davon verständigen, dass ich wieder auf dem Weg zu ihnen war und ihnen genau sagen, wann sie mich zu erwarten hatten. Nun bin ich wieder im Dorf. Welche Veränderungen im Leben der Menschen werde ich dieses Mal feststellen können?

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