„Das Geschäft mit den Flüchtlingen ist ‚nachhaltiger‘“

Wie in Nordafrika und im Nahen Osten eine Entführungs-Industrie entstand und wieso kriminelle Organisationen mit Geflüchteten besonders gut verdienen, erklärt die Terrorismus-Expertin Loretta Napoleoni im Gespräch mit Robert Lessmann.

Loretta Napoleoni, geboren 1955 in Rom, schrieb mit dem Buch „Terror Incorporated“ (2004) einen Beststeller.© lorettanapoleoni.net

Loretta Napoleoni hat Temperament, und einen kühlen Kopf. Sie ist Expertin für den sogenannten Islamischen Staat (IS) und wurde dafür bekannt, die Finanzierung des Terrorismus zu analysieren. In ihrem neuen Buch „Menschenhändler. Die Schattenwirtschaft des islamischen Terrorismus“, beschreibt die italienische Journalistin und politische Analystin die Entstehung einer Entführungs- und Schleuserindustrie in Nordafrika und im Nahen Osten.

Dass sich bewaffnete Aufständische aus kriminellen Aktivitäten finanzieren ist an und für sich nichts Neues. Für den Sendero Luminoso in Peru, die FARC in Kolumbien und die Taliban in Afghanistan wurden diese über die Jahre mehr und mehr zum Daseinszweck. Doch in den vergangenen Jahren haben Entführungen sowie Menschenhandel und -schmuggel stark an Gewicht gewonnen, so Napoleoni.

„Nach den Anschlägen vom 11. September 2001“, sagt die Terror-Expertin, „ist die Zahl der Entführungen durch Dschihadisten enorm angestiegen und gleichzeitig auch die Lösegeldsummen.“ Reichten im Irak im Jahr 2004 zwei Millionen US-Dollar, um eine Geisel frei zu bekommen, so sei es heute oft das Fünffache.

Fokus Sahara. Durch die Sahara laufen Drogen- und Menschenschmuggel parallel. Es sind dieselben Organisationen und dieselben Routen. Mit dem „Patriot Act“ vom Oktober 2001, der Al-Kaida die Finanzen entziehen sollte, sei die Geldwäsche in den USA auch für kolumbianische Kokainkartelle erschwert worden, analysiert Napoleoni. Daher kooperierten die Kartelle mit der italienischen Mafia, es entstand eine neue Route über Venezuela und Westafrika nach Europa. Der Fall der „Air Cocaine“ brachte das 2009 ans Licht. Eine Boeing 727 voll mit Kokain beladen war aus dem venezolanischen Maracaibo gekommen. Ihr ausgebranntes Wrack wurde in der Wüste von Mali gefunden. Sie war gestrandet, die Piloten hatten die Maschine nach dem Entladen der Ware angezündet.

Doch die Entwicklung, über Nordafrika zu schmuggeln, hatte laut Napoleoni bereits um 2005 herum eingesetzt. Man benutzte alte Routen und Organisationen, die Erfahrung hatten, beispielsweise mit Zigarettenschmuggel.

Teilweise waren das Mudschaheddin, Rückkehrer aus Afghanistan. Die erkannten schließlich, wie viel Geld mit Entführungen zu verdienen ist. Anfangs traf es JournalistInnen und EntwicklungshelferInnen, für die europäische Regierungen hohe Lösegelder zahlten. So wurde das Geschäft mit den Geiseln lukrativ und etablierte sich. Doch es sprach sich auch herum, dass die Gegend gefährlich ist, und die Leute wurden vorsichtiger.

Zielgruppe Geflüchtete. „Das Geschäft mit den Flüchtlingen ist ‚nachhaltiger‘“, betont Napoleoni. Schon unter Präsident Muammar Gaddafi wurden im vergangenen Jahrzehnt in Libyen Flüchtlinge, die durch die Sahara geschleustworden waren, direkt den Behörden übergeben, von diesen als „Illegale“ verhaftet und in ein Lager im Süden an der Grenze zum Sudan gebracht. Dort versuchte die Lagerleitung, Geld von ihren Angehörigen zu erpressen. Kamen sie frei, begann die Odyssee von neuem.

Neues Epizentrum. Das Zentrum der Entführungsindustrie lag also lange in Nordafrika, rekapituliert Napoleoni. Doch die Terror-Expertin betont, dass etwa auch für somalische Piraten Menschenschmuggel zum neuen Kerngeschäft wurde, seit Schiffe bewacht wurden und nicht mehr so einfach gekapert werden konnten.

Heute verorten Napoleoni das Epizentrum im Irak und vor allem in Syrien. Die US-Intervention beziehungsweise die Niederschlagung des Arabischen Frühlings hätten dort zu einem Machtvakuum geführt, das die Region zum Tummelplatz einer unüberschaubaren Vielzahl krimineller (Dschihadisten-)Gruppen gemacht habe. Sowohl diese, als auch die sogenannten Sicherheitskräfte des Assad-Regimes leben laut Napoleoni von Erpressung.

Und der Konflikt lässt das Geschäft florieren: Vor zehn Jahren zahlte man einem Schleuser 7.000 Dollar, um von Westafrika nach Italien gebracht zu werden. Im Sommer 2015 kostete schon die relativ kurze Strecke von Syrien über die Türkei nach Griechenland so viel. Die Menschenhändler strichen dort jeden Monat 100 Millionen Dollar ein. Napoleoni: „Der IS verdiente damit in jener Zeit mehr als mit Ölverkäufen.“

Welchen Anteil die verschiedenen Aktivitäten – Ölverkäufe, Entführungen, Menschenhandel, Waffen und Drogen – jeweils bei der Finanzierung des IS haben, lässt sich laut Napoleoni nicht eruieren: „Was man aber sagen kann ist, dass sie nichts auslassen, und sei es auch noch so ‚gegen den Koran‘.“ Beim Drogenhandel profitiere der IS hauptsächlich von seiner Territorialität. Er erlaube den störungsfreien Transit der Ware und verlange dafür Zoll.

Profitable Balkanroute. Auch aktuell verdiene der IS weiterhin, nicht zuletzt, weil die Anarchie in Syrien hier im Westen wenig zu interessieren scheint, wie Napoleoni kritisiert. Die sogenannte Schließung der Balkanroute bedeute höhere Preise für die Dienstleistungen der Kriminellen. Wer es sich leisten kann, komme weiter über den Balkan. Wer nicht, müsse den Umweg über Ägypten und Libyen nehmen, wo wieder der IS sitzt und noch einmal kassiert.

Neunzig Prozent der Migrantinnen und Migranten, die nach Europa kommen, bekamen bei ihrer Reise Unterstützung von kriminellen Organisationen, habe Rob Wainwright, der Direktor von Europol ihr gesagt, so Napoleoni.

Die Politik in den USA und Europa erkennt der Analystin zufolge nicht, dass die Wurzel für das Problem in der Reaktion auf 9/11 liegt, in einer Destabilisierung durch die Folgen der Globalisierung und im erstarkenden kriminellen Dschihadismus.

Robert Lessmann ist promovierter Soziologe und Politologe, Lateinamerika- und Drogenexperte. Er arbeitet als freier Journalist und Autor in Wien.

nach oben