Das letzte Buch über Fidel Castro

Carlos Widmann

Sachbuch. Hanser Verlag, München 2012, 336 Seiten, € 20,50

Carlos Widmann, in Buenos Aires geboren, in Deutschland aufgewachsen, war langjähriger Auslandskorrespondent des Qualitätsblattes „Süddeutsche Zeitung“ und des Wochenmagazins „Spiegel“. Laut Verlagswerbung habe kein anderer deutscher Reporter Fidel Castro so gut gekannt wie Widmann. Diese enge Bekanntschaft hat in ihm offenbar keine Faszination oder zumindest Sympathie ausgelöst wie bei vielen anderen AutorInnen, die Castro persönlich kennen lernten, wie etwa der US-Journalist John Lee Anderson oder der kolumbianische Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez.

Der Deutsch-Argentinier schreibt so etwas wie eine Skandalchronik über den bärtigen Revolutionsführer. In jedem Kapitel eröffnet er den Lesenden eine neue Schattenseite des Oberkommandierenden der kubanischen Revolution. Und der Rezensent stellt den Wahrheitsgehalt der Enthüllungen in Frage. Kann es sein, dass sich der renommierte Reporter in dieser „letzten“ (wieso eigentlich?) Biografie systematisch darum bemüht, das Bild eines Despoten zu zeichnen, der schon seit den Tagen seines Jus-Studiums in Havanna den Einsatz von Gewalt als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele praktiziert?

Die Fragwürdigkeit der Objektivität des Autors entfaltet sich wohl am besten in dem Kapitel, in dem er Parallelen in den Karrieren von Adolf Hitler und Fidel Castro zieht. Ohne Worte.

Carlos Widmann verfolgt die politische Laufbahn Castros von seinen Aktivitäten als junger Studentenführer über seine Putschpläne bis zum triumphalen Einzug in der Hauptstadt am 1. Jänner 1959. Interessant ist die ausführliche Analyse der tiefen Freundschaft zwischen Fidel und Gabo, wie Gabriel García Márquez im Freundeskreis genannt wird. Doch auch hier scheint wieder die Abneigung des Autors gegen das Subjekt seiner Biografie durch. Der kolumbianische Nobelpreisträger diene dem versinkenden Greisenregime der Gebrüder Castro als Prestigebringer und Legitimationsnachweis, erklärt Widmann. Auf García Márquez hingegen übe die Aufnahme in den inneren Zauberkreis der Macht des Oberkommandierenden eine starke Anziehungskraft aus. So einfach lässt sich Geschichte mit Scheuklappen erklären.
Werner Hörtner

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