„Der Neoliberalismus wird zu wenig in Frage gestellt“

Wieso Medien in Österreich zu wenig kritisch sind und der Augustin daher eine neue Rolle einnehmen will, erklärt Robert Sommer, Mitbegründer und langjähriger Redakteur der Straßenzeitung im Interview mit Richard Solder.

© Alexander Chitsazan

Sie sind seit Anfang 2017 im Ruhestand. Was hat sich dadurch verändert?

Arbeitsmäßig nicht viel. Ich schreibe mehr, als freier Mitarbeiter. Als Redakteur ist viel Organisatorisches angefallen.

Was kommt beim Augustin durch Ihren Weggang in Bewegung?

Bei einem Generationswechsel entsteht immer eine Aufbruchsstimmung, neue Ideen werden entwickelt. Es fühlt sich schon etwas komisch an, dass ich daran nicht mehr direkt teilhaben kann kann.

Ich denke, die neue Redaktion arbeitet an einer Veränderung. Ich habe vollstes Vertrauen, dass die Richtung stimmt.

Was wird anders?

Stichwort Investigativ-Journalismus: Da will der Augustin zukünftig mehr machen. Bisher war der Fokus zudem voll auf den Rand der Gesellschaft. Nun soll der Fokus auch mehr in der Mitte sein, z.B. beim Thema Wohnen und Mieten. Thematisch könnte der Augustin dadurch breiter werden.

Politisch entwickelt sich vieles derzeit so stark Richtung Autoritarismus, dass die Redaktion sich auf der politischen Ebene nun mehr mit Parteien, Regierungen etc. auseinandersetzen will, Themen wie Umwelt- oder Entwicklungspolitik inklusive.

Der Augustin will sich also stärker im gesellschaftlichen Diskurs zu Wort melden?

Genau. Der Augustin will mehr politisches Subjekt werden. Bisher habe ich das mehr arbeitsteilig mit anderen Medien gesehen. Wir waren dabei die Lobby für die Schwächsten.

Und diese Arbeitsaufteilung funktioniert nicht mehr?

Nein, die Qualitätsmedien kommen ihrer Aufgabe nicht mehr nach. Der Neoliberalismus wird zu wenig in Frage gestellt. Es muss klargemacht werden, dass viele selbsternannte Kämpfer gegen das Establishment selber aus dem Establish­ment kommen. Das beste Beispiel ist US-Präsident Donald Trump.

Fehlt etwas hierzulande in der Medienszene?

Ja, mehr kritischer Journalismus. Medien mit dem Blick eines Le Monde Diplomatique. Medien, die Themen genau und ausführlich analysieren. Deswegen gibt’s ja das Südwind-Magazin, oder?

Danke für die Blumen. Der Augustin selbst versteht sich als Instanz der Gegenöffentlichkeit. Was heißt das?

Wir formulieren radikale Gesellschaftskritik, aber nicht in der Sprache der radikalen Linken. Wir versuchen, sie zu übersetzen. Manifeste etwa sind oft so verfasst, dass nur kleine Gruppen sie verstehen. Der Augustin schafft es, radikale linke Ideen in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Wir werden von unterschiedlichen Menschen gelesen. Gegenöffentlichkeit ist für mich auch die Kritik an totalen Institutionen: Obdachlosenheime, Gefängnisse, Erziehungsheime, teils auch Pensionistenheime und Spitäler.

Sollen die reformiert oder ganz abgeschafft werden?

Es gibt beim Augustin Meinungspluralismus. Kolleginnen und Kollegen sprechen sich etwa in der Zeitung für die Vermenschlichung solcher Institutionen aus. Die Hauptrichtung war aber, etwa das Gefängnis ganz in Frage zu stellen.

Was den Augustin noch zu einem speziellen Medium macht: Wir klären darüber auf, dass unsere Gesellschaft den Rand bewusst reproduziert. Die Menschen am Rand übernehmen verschiedene wichtige Funktionen, etwa Ausländer, Muslime oder Roma die der Sündenböcke. Viele Branchen brauchen den Rand ökonomisch. Beispiel Lohndruck: Wer marginalisiert ist, arbeitet für jeden Lohn.

Wie steht der Augustin finanziell da?

Die Situation war schon besser. Der Höhepunkt in Hinblick auf die verkaufte Auflage war 2007, damals haben wir 35.000 Hefte in zwei Wochen verkauft, heute sind es 25.000. Bei 30.000 würden wir keinen Verlust machen. Ausgeglichen wird das aktuelle Defizit durch 333 sogenannte Augustin-Liebhaber, die uns monatlich mit 25 Euro unterstützen.

Ist der Augustin mehr Medium oder soziales Projekt?

Eine Symbiose aus beidem.

War von Anfang an klar, dass auch MigrantInnen den Augustin verkaufen sollen?

Ja. Wir hatten den Anspruch, ein möglichst niederschwelliges soziales Projekt zu sein. D.h. jeder, der sich arm fühlt, kann bei uns anfangen, egal woher er kommt und ob er legal da ist oder nicht. Viele dachten lange, der Augustin wurde für Wiener Sandler gegründet. Im Unterschied zum Megaphon in Graz, das anfangs nur von afrikanischen Verkäuferinnen und Verkäufern vertrieben wurde.

Und dann kamen auch beim Augustin Afrikanerinnen und Afrikaner dazu. 

Die ersten hatten mit viel Ressentiments zu kämpfen, von Seiten der Käufer und anderer Kolporteure. Damals waren Afrikaner die Sündenböcke der Gesellschaft. Jene Medien, die heute täglich über Vergewaltigungen durch arabische Flüchtlinge berichten, berichteten einst täglich über dealende Nigerianer.

Heute bestehen die rund 500 Kolporteure aus drei Gruppen: Ein Drittel sind Alteingesessene, ein Drittel Afrikaner und ein Drittel Obdachlose aus Ost­europa.

Gibt es Kolporteure mit arabischem Hintergrund?

Nein. Auch keine Türken, die werden zumeist von den familiären Strukturen aufgefangen.

Es gibt immer wieder Debatten um Kolporteure mit falschen Ausweisen.

Ja, da bekommen wir viele Beschwerden. Das wirkt sich schon auf das Image des Augustins aus. Meist sind es Bettler, die glauben, als Augustin-Verkäufer besser geschützt zu sein. Manche kommen ein paar Tage nach Wien, um den Augustin zu verkaufen. Es gibt ganze Siedlungen in der Slowakei, deren Bewohner davon leben müssen, weil es sich mit der niedrigen slowakischen Sozialhilfe sonst nicht ausgeht. Und diese Fälle werden sich häufen, da die Ungleichheit in Europa immer mehr zunimmt. Der Augustin versucht, darüber zu informieren.

Fokus des Augustins ist Wien. Wie wichtig sind Weltoffenheit und der Blick über den eigenen Tellerrand in der Berichterstattung?

Sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr. Wir sehen Wien als Ort, in dem sich die Probleme der Welt widerspiegeln. Das schafft manchmal auch ein Gefühl der Unsicherheit. Das ist aber der Preis dafür, in einer Metropole zu leben, mit all ihren Annehmlichkeiten. Es wird nie etwa eine Stadt ohne Kriminalität geben. Der Augustin will zu einer Stadt beitragen, in der man ohne Angst anders sein kann.

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