Der Riss

Claudia Piñeiro

Roman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Zürich, Unionsverlag 2011, 253 Seiten, EUR 20,50

Der Architekt Pablo Simó arbeitet seit Jahren im Architekturbüro Borla & Compagnons und noch länger ist er mit seiner Frau Laura verheiratet. Pablo folgt immer den gleichen Regelmäßigkeiten: er skizziert jeden Tag ein elfstöckiges Gebäude, das er niemals bauen wird, richtet seine Stifte exakt auf seinem Schreibtisch aus und fährt jeden Tag die gleiche Strecke mit der Metro. Sein Leben fließt ereignislos dahin – bis auf einen Tag vor drei Jahren, als seine Kollegin Marta aufgelöst anruft und er mithelfen muss, eine Leiche verschwinden zu lassen. Der Tote war Nelson Jara, ein älterer Herr, der die Architekten aufsuchte, weil er an seiner Wohnungswand einen Riss entdeckte, den er durch die Baustelle nebenan verursacht meinte.

Immer hartnäckiger versuchte er, Entschädigung für diesen Missstand einzufordern. Als nun plötzlich ein junges Mädchen auftaucht und nach Jara fragt, geraten die Beteiligten von damals in Aufruhr. Claudia Pineiro hat keinen Krimi im klassischen Sinn geschrieben, denn von Anfang an weiß der Leser, dass es einen Toten gibt und dass Pablo Simó eine wichtige Rolle in dessen Leben gespielt hat. Die Autorin beschreibt aus Pablos Sicht die Gegenwart und flechtet dabei wiederholt Reminiszenzen an seine Begegnungen mit Nelson Jara ein. So entsteht eine gelungene Mischung, die Stück für Stück aufdeckt, was damals wirklich geschehen ist, und auch Pablo einen neuen Blick auf die Vergangenheit entdecken lässt.

Die Spannung bleibt durch unerwartete Wendungen bis zum Schluss aufrecht und lebt von den nachdenklichen Kommentaren Pablos. Vielleicht wäre es treffender, dieses Buch als eine Charakterstudie zu sehen, denn genau das tut die Autorin: Sie deckt Schritt für Schritt den Charakter Pablo Simós auf und lässt ihn ungeahnte Wege gehen – eine Herausforderung nicht nur für die LeserInnen, sondern auch für Pablo selbst.
Ruth Papacek

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