„Die Welt hat ein verzerrtes Bild Afghanistans“

Wie Filme gegen Klischees wirken können. Sara Oberthaler traf die afghanische Regisseurin Shahrbanoo Sadat beim Internationalen Filmfestival Innsbruck.

Shahrbanoo Sadat© Simon Jug

Ihr Film „Wolf and Sheep“ begleitet die Kinder Sediqa und Qodrat in einem kleinen afghanischen Dorf. Hat die Geschichte etwas mit Ihrer eigenen Kindheit zu tun?

Ja, die Geschichte ist zwar fiktiv, basiert allerdings auf Erfahrungen der Kindheit eines Freundes und meiner eigenen. Ich wurde in Teheran als afghanisches Flüchtlingskind geboren. Als ich elf Jahre war, zog meine Familie nach Afghanistan. Es war anfangs sehr schwer für mich, da ich mich nicht mit den anderen Kindern verständigen konnte. Ich sprach schließlich Persisch und nicht Hazaragi, wie die anderen Leute in Zentralafghanistan. Als ich 18 war, bin ich nach Kabul übersiedelt und lernte dort einen Mann kennen, der im selben Dorf wie ich gelebt hatte, allerdings schon in den 1970er Jahren. Wir wurden trotz des großen Altersunterschieds sehr enge Freunde.

Welche Herausforderungen brachte der Dreh mit sich?

Es stellte sich rasch heraus, dass wir den Film aufgrund der politischen Situation und des hohen Sicherheitsrisikos nicht in Afghanistan drehen konnten. Wir mussten auf das Nachbarland Tadschikistan ausweichen und damit das gesamte Team von 38 Personen für den Dreh aus Afghanistan einfliegen lassen. Zudem wollte ich das Setting des Films so authentisch wie möglich gestalten. Deshalb mussten wir ein komplett neues Dorf bauen, ausgehend von meinen Kindheitserinnerungen. Bei meinem Perfektionismus war das gar nicht so einfach (lacht).

„Wolf and Sheep“ zeigt ein langsames, ruhiges Leben in den Bergen Afghanistans. Ist der Film ein Statement gegen stereotype Darstellungen?

Definitiv. Im Zuge der Suche nach Fördermitteln in Europa ist mir aufgefallen, dass die Welt ein verzerrtes Bild meines Heimatlandes hat. Meine Ansuchen wurden oft mit der Begründung abgelehnt, ein Film über Afghanistan ohne den Aspekt des Krieges sei nicht relevant. Das hat mich ungeheuer wütend gemacht. Ich sollte doch am besten wissen, wie das Leben in Afghanistan ist. Die Medien sind so überschwemmt von blutigen Szenen und Bildern der Zerstörung. Dabei wird ausgeblendet, dass es trotz allem auch einen Alltag gibt, der sich gar nicht so stark von dem in anderen Ländern unterscheidet.

Welche Bedeutung hat das Medium Film, wenn es um die Bekämpfung solcher festgefahrenen Bilder geht?

Gerade wir Filmemacher aus medial mit Krieg und Terror behafteten Ländern müssen eine zentrale Vermittlerrolle einnehmen. Ein authentischer Film kann für internationales Publikum sehr reich an neuen Eindrücken sein. Viele waren überrascht, dass Frauen in meinem Film keine Burka tragen. Einige sagten, dass sie ein neues Afghanistan kennengelernt haben. Das macht mich sehr glücklich und bestätigt mich in meiner Arbeit.

Kann der Film auch den Blick der Menschen in Afghanistan auf ihr Land verändern?

Es ist leider sehr unwahrscheinlich, dass der Film je in Afghanistan gezeigt werden wird. Wir haben aktuell keine Kinos, Kultureinrichtungen organisieren wegen des hohen Sicherheitsrisikos auch keine Filmvorführungen mehr. Allerdings denke ich, dass es für die Beteiligten am Film den Blickwinkel auf ihr eigenes Leben und die Zukunft ihrer Kinder verändert hat. Die meisten der Schauspieler etwa sind noch nie zuvor in ein anderes Land gereist. Die Erfahrung, zwei Monate mit Menschen aus fremden Ländern zu verbringen, hat ihnen die Möglichkeit eröffnet, neue Perspektiven zuzulassen. Es war definitiv ein Abenteuer und hat ihnen viel bedeutet.

Sara Oberthaler arbeitet beim Internationalen Filmfestival Innsbruck mit.

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