Genossenschaften: Ein Keil zwischen Markt und Staat

Genossenschaften sind vielleicht der einzige Ausweg aus unserer aktuellen Misere. Als demokratische und egalitäre wirtschaftliche Organisationsform sind sie eine attraktive Alternative, argumentiert NI-Redakteur Wayne Ellwood.

Gemeinsam statt Gegeneinander: Was die Fischer in Kapverde in der Nacht gefangen haben, kann am Vormittag nur mit vielen HelferInnen gemeinsam an Land gebracht werden.

Argentinien kapiert’s einfach nicht – so kann man es jedenfalls in den Mainstream-Medien lesen, und so lästern die HohepriesterInnen des freien Markts. Vergangenen Mai zog die internationale Wirtschaftspresse wieder einmal über das Land her. Stein des Anstoßes: die Verstaatlichung des spanischen Ölkonzerns YPF. Kaum Erwähnung fand die Tatsache, dass die Öl- und Gasindustrie Argentiniens erst Ende der 1990er Jahre privatisiert wurde – auf Druck des Internationalen Währungsfonds (IWF) und anderer kompromissloser VerfechterInnen der damals modischen neoliberalen Wirtschaftspolitik. Wie in vielen anderen Ländern weltweit befand sich die Ölindustrie in Argentinien in Staatseigentum.

Vor mehr als einem Jahrzehnt, 2001, wurden auch gerade die Messer gewetzt. Nach Jahren aufgezwungener Austerität und struktureller Anpassung steckte das Land bis über den Hals in Schulden, die Wirtschaft in einer Rezession, begleitet von enormer Arbeitslosigkeit. Die Vorschriften des IWF zur Sanierung der Wirtschaft – ein „flexibles“ Arbeitsrecht, Deregulierung, Lockerung der Kapitalverkehrskontrollen, Privatisierung von Staatseigentum – machten alles nur noch schlimmer.

Mit dem Kollaps der Wirtschaft und tausenden protestierenden ArbeiterInnen auf den Straßen warf die Regierung schließlich das Handtuch, stellte die Bedienung der Staatsschulden ein und wertete den Peso ab. Wie zu erwarten war, rasteten die Herren der Finanzmärkte aus und warnten, Argentinien würde in Elend und Chaos versinken. Nichts davon trat ein. In den folgenden zehn Jahren erhöhte sich die Wirtschaftsleistung des Landes um fast 90 Prozent, das stärkste Wachstum in ganz Lateinamerika. Die Armut ging zurück, die Beschäftigung nahm stetig zu; gleichzeitig erhöhte die Regierung langsam ihre Sozialausgaben.

Viele Faktoren waren für diesen erstaunlichen Umschwung verantwortlich, darunter auch die Entschlossenheit der ArgentinierInnen, eine unabhängige Wirtschaftspolitik zu verfolgen, die nicht von den Launen des Auslandskapitals abhängig war.

Einen nicht unwesentlichen Anteil daran hatte aber die in Argentinien stark verankerte Genossenschaftsbewegung. Mit den Wellen jüdischer und italienischer ImmigrantInnen Anfang des Jahrhunderts kam auch die genossenschaftliche Vision ins Land. Vor dem finanziellen und politischen Kollaps von 2001 waren Genossenschaften insbesondere in der Landwirtschaft weit verbreitet. Nach Angaben der International Co-operative Alliance (ICA) ist fast ein Viertel der 40 Millionen EinwohnerInnen direkt oder indirekt an Genossenschaften oder Gesellschaften auf Gegenseitigkeit beteiligt.

Als die Wirtschaft kollabierte und die Unternehmer des Landes das Handtuch warfen, Fabriken zusperrten und unrentable Produktionen verscherbelten, fiel den ArbeiterInnen etwas Besseres ein. Sie beschlossen, Genossenschaften zu bilden und die Fabriken selbst zu betreiben. Bekannt wurde die Bewegung unter dem Namen „las empresas recuperadas“ („reaktivierte Unternehmen“). Über die Hintergründe der Krise in Argentinien und die Geschichte einer dieser Firmenübernahmen kann man sich in einem beeindruckenden Dokumentarfilm von Avi Lewis und Naomi Klein informieren, „The Take“.

Es war wahrlich keine einfache Aufgabe. Allein in der Region von Buenos Aires wurden schätzungsweise knapp 4.000 Fabriken von ihren EigentümerInnen zugesperrt. Argentinien war von Jahrzehnten einer korrupten, klientelistischen Politik, gepaart mit einer opportunistischen, unfähigen Gewerkschaftsbewegung geprägt. Demokratisches Eigentum, Kontrolle durch die ArbeiterInnen, die ihre Firmen als Genossenschaften betrieben, das war alles nur schwer zu verkraften.

Wie baut man ein traditionsgemäß hierarchisches Managementsystem um, in dem MitarbeiterInnen in einem konkurrenzbestimmten Arbeitsumfeld Anweisungen von Vorgesetzten auszuführen haben? Allein auf psychologischer Ebene musste ein gewaltiger Schritt getan werden. Aber wo ein Wille, da ein Weg, besonders in Zeiten der Not. Allen Widrigkeiten zum Trotz, darunter angriffslustige Ex-Chefs, halsstarrige Eigentümer, die zu keinen Kompromissen bereit waren, und ein widerwilliger Verwaltungsapparat, wurde die Idee in die Tat umgesetzt.

2004 gab es 161 „reaktivierte“ Firmen in Argentinien, heute sind es über 200, mit mehr als 9.000 Beschäftigten. Die meisten sind Kleinbetriebe, was ihr Management in Eigenregie etwas einfacher macht. Drei Viertel der Firmen haben weniger als 50 MitarbeiterInnen, nur vier beschäftigen mehr als 200 Menschen. Sie sind in zahlreichen Branchen tätig, von der Schuhproduktion über Textilien bis zur Fleischverarbeitung und im Transportwesen. 1)

Was nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch von 2001 als mutiges Experiment begann, ist zu einem dynamischen und etablierten Teil der Wirtschaft geworden. „Die Arbeiter haben gelernt, dass es eine gangbare Alternative ist, ein Unternehmen selbst zu führen“, erläutert Andrés Ruggeri von der Universität Buenos Aires. „Das war vorher undenkbar … Das sind Arbeiter, die ohne fremde Hilfe wieder auf die Beine gekommen sind.“ 2)

Eine gute Idee etabliert sich

Werden Produktionsstandorte stillgelegt, können sie von genossenschaftlich organisierten MitarbeiterInnen weitergeführt werden. Die Bewegung der „empresas recuperadas“ breitet sich in Lateinamerika aus. Es gibt 69 „reaktivierte“ Fabriken in Brasilien, rund 30 in Uruguay, 20 in Paraguay und eine Handvoll in Venezuela.

Wie in der argentinischen Krise von 2001 offenbart sich der Gemeinschaftsgeist oft genau in den schlimmsten Zeiten, wenn die Wirtschaft zusammenbricht und der soziale Zusammenhalt sich aufzulösen droht. In einer solchen Situation suchen die Menschen nach Alternativen, wie auch ein kurzer geschichtlicher Rückblick zeigt.

Die erste dokumentierte Genossenschaft wurde 1769 von Webern im schottischen Fenwick gegründet. Die moderne Genossenschaftsbewegung begann aber erst mit der Rochdale Society of Equitable Pioneers („Gesellschaft der redlichen Pioniere von Rochdale“) im Dezember 1844. Großbritannien stand im Zeichen der Industriellen Revolution, und eine bedrohliche Form des Kapitalismus überrollte das Land, in dem fast buchstäblich kein Stein auf dem anderen blieb. Tausende verloren ihre Arbeit an die neuen Dampfmaschinen; Armut und Krankheiten breiteten sich aus, der schwarze Ruß der Schwerindustrie verdüsterte den Himmel; in den boomenden Fabriken arbeiteten Männer, Frauen und Kinder 70 Stunden die Woche unter lebensgefährlichen Bedingungen.

In ganz Europa riefen radikale Denker zum Widerstand gegen das Wüten dieses neuen Industriekapitalismus auf. Proudhon, Fourier, Owen, Marx und Engels propagierten eine Gesellschaftsordnung, in der der Mensch wichtiger war als der Profit und in der das Miteinander im Zentrum stand und nicht das Gegeneinander.

In Rochdale, einer geschäftigen Fabrikstadt nördlich von Manchester, legten 30 Bürger, darunter zehn Weber, ihre Ersparnisse zusammen und eröffneten ein kleines Geschäft, wo sie Kerzen, Butter, Zucker, Mehl und Haferflocken verkauften. Durch ihren Zusammenschluss konnten sie sich grundlegende Dinge leisten, die sie normalerweise nicht kaufen konnten. Bald hatten sie auch Tee und Tabak im Angebot. Das Konzept war erfolgreich und fand zahlreiche Nachahmer – eine neue Bewegung war geboren. In der zweiten Hälfte des 19. Jhdts. breiteten sich Genossenschaften und Kreditvereine in ganz Europa und sogar weltweit aus.

Laut ICA sind heute mehr als eine Milliarde Menschen an genossenschaftlichen Unternehmungen beteiligt – als Mitglieder, KundInnen, Beschäftigte oder als arbeitende MiteigentümerInnen. Genossenschaften und Gesellschaften auf Gegenseitigkeit generieren weltweit mehr als 100 Millionen Arbeitsplätze – um 20 Prozent mehr als multinationale Konzerne. Es gibt sie in praktisch jeder Branche, ob im produzierenden Gewerbe, im Einzelhandel oder als Konsumgenossenschaften. Wer dabei ist, profitiert von günstigeren Preisen, einem freundlicheren Service oder einem besseren Marktzugang, aber insbesondere sind es die Mitglieder, die aufgrund der demokratischen Struktur von Genossenschaften letztlich das Sagen haben.

Ein Grundprinzip lautet „ein Mitglied, eine Stimme“. Aus diesem Gefühl der Teilhabe entsteht Sozialkapital, und deshalb sind Genossenschaften oft eine wichtige Quelle der lokalen Identität. Die Gewinne können in das Unternehmen reinvestiert, unter den Mitgliedern verteilt oder an die lokale Gemeinschaft abgeführt werden. Da sie zum Nutzen ihrer Mitglieder existieren und nicht dazu, die Tasche privater EigentümerInnen zu füllen, sind Genossenschaften grundsätzlich demokratischer. Sie sorgen dafür, dass die Menschen mehr Einfluss haben. Sie sind gemeinschaftsbildend und sie stärken die lokale Wirtschaft.

Der erstaunliche Erfolg der Genossenschaftsbewegung ist an sich Grund genug, 2012 als Internationales Jahr der Genossenschaften zu feiern. Der Zeitpunkt ist aber auch aus anderen Gründen günstig. Wir leben in einem Wirtschaftssystem, das wenigen Menschen ungeheuren Reichtum auf Kosten der Mehrheit verschafft. Das Modell funktioniert nicht mehr, und der Schaden für Menschen, Gemeinschaften und Natur wird immer größer. Nach der Finanzkrise von 2008 und mit der anhaltenden Instabilität der Weltwirtschaft besteht nicht nur ein dringender Bedarf, die Dinge wieder ins Lot zu rücken, sondern auch eine tiefe Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Gleichheit. Niemals waren Alternativen nötiger als heute.

„Das wahnsinnige Projekt der endlosen kapitalistischen Expansion, des ungezügelten Konsums, der sinnlosen Ausbeutung und des industriellen Wachstums bricht nun zusammen“, schrieb der US-amerikanische Gesellschaftskritiker und Autor Chris Hedges. 3)

Genau so ist es. Aber wir müssen uns auf einiges gefasst machen. Die Kapitaleigentümer werden wahrscheinlich nicht freiwillig auf ihre Macht verzichten. Die Occupy-Bewegung hat einen wunden Punkt aufgezeigt, und neue Forschungsarbeiten bestätigen, dass viele gesellschaftliche Probleme in der Ungleichheit verwurzelt sind. Einkommensunterschiede schwächen den Zusammenhalt in der Gesellschaft und machen alles für alle schlimmer, nicht nur für die Armen. „Sich aktiv in ihrer Gemeinschaft und an der Wirtschaft beteiligen zu können, danach sehnen sie sich da draußen auf den Straßen“, meint Pauline Green, Präsidentin der ICA zur Occupy-Bewegung. „Das ist es, was sie wollen.“

Aber die Ungleichheit nimmt fast überall zu, und die Herrschenden sehen offenbar keinen Grund, daran etwas zu ändern. In den USA, wo der Glaube an den freien Markt so tief verwurzelt ist wie in keinem anderen Land, stiegen die Einkommen des reichsten Prozents zwischen 1993 und 2010 um 58 Prozent, die Einkommen der übrigen Bevölkerung nur um 6,4%.

Wider die Vernunft und entgegen wissenschaftlichen Erkenntnissen werden die alten Glaubensvorstellungen weiter beibehalten: „Der Markt wird alles in Ordnung bringen. Das Wirtschaftswachstum und die Technik werden uns retten.“ Und doch spüren die Menschen, dass etwas faul ist im Staate Dänemark, auch wenn sie nicht genau wissen, was es ist. Die Mittelschicht kann ihren Lebensstandard nur mehr mit knapper Not halten. Junge Leute können keine sinnvolle Arbeit oder keine leistbare Wohnung finden; die Armen werden immer mehr; die Sozialleistungen werden mit dem Abbau des Wohlfahrtsstaats zusammengestutzt. Die Menschen haben den Glauben an den allmächtigen Staat, an die großen Banken, an die Wall Street und die City of London verloren. „Alles, was fest ist, löst sich in Luft auf“, schrieb Karl Marx über die enormen gesellschaftlichen Umwälzungen seiner Zeit – ein Bild, das auch auf die heutigen Zeiten zutrifft.

Woran es insbesondere mangelt, ist wirtschaftliche Demokratie. „Politik und Wirtschaft sind bei uns derart verflochten, dass die unausgewogenen Vermögens- und Eigentumsverhältnisse unsere politische Demokratie ausgehöhlt haben“, diagnostiziert Marjorie Kelly, Kritikerin der Macht der Unternehmen. „Um das Problem zu beseitigen, müssen wir den wirtschaftlichen Aspekt der Souveränität demokratisieren.“ 4)

Und genau dazu können Genossenschaften einen Beitrag leisten. Sie bieten eine Möglichkeit, das Eigentum zu demokratisieren und dem Auseinanderdividieren der Menschen und der Ungleichheit in der Marktwirtschaft entgegenzuwirken. Das Genossenschaftsmodell ist eine Art Antithese zum konkurrenzorientierten aktuellen Kapitalismus, der nur Sieger und Verlierer produziert. Genossenschaften zeigen vor, dass sich der Markt auch auf eine Weise organisieren lässt, bei der es nicht bloß um Profite geht und bei der, theoretisch zumindest, Fairness quasi institutionell verankert ist und die Menschen im Zentrum des Entscheidungsprozesses stehen.

Aber können Genossenschaften tatsächlich den Kapitalismus verdrängen? Zumindest können sie eine wichtige Rolle dabei spielen, den demokratischen Raum zu erweitern, meint Erik Olin Wright, Soziologe an der Universität Wisconsin. Genossenschaften tragen dazu bei, den öffentlichen Raum zurückzuerobern und einen Keil zwischen Markt und Staat zu treiben. Wright spricht von einer „symbiotischen“ Transformation, bei der die Genossenschaften an der Spitze einer breiteren Demokratisierungsbewegung zur Stärkung der Zivilgesellschaft stehen und dort Fuß fassen, wo das bestehende System aus den Fugen gerät.

Zu einer ausschlaggebenden Kraft werden Genossenschaften aber nur werden können, wenn einige entscheidende wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen geändert werden, betont Wright. Etwa benötigen Genossenschaften Zugang zu öffentlich finanzierten Krediten mit Zinssätzen unter dem Marktsatz (um das Problem der Unterkapitalisierung zu lösen), und „die Quersubventionierung und das Risikopooling“ unter den Genossenschaften selbst müsste ausgebaut werden.

Gegenseitige Hilfe funktioniert, das steht außer Zweifel. Das zeigt etwa Mondragón, ein genossenschaftlicher Konzern aus dem spanischen Baskenland mit Umsätzen von 23 Mrd. Dollar. Nur einer der 270 Mitgliedsbetriebe des Konzerns musste während der aktuellen Krise in Spanien Konkurs anmelden, und alle MitarbeiterInnen fanden in anderen Genossenschaften Arbeit.

Dass Mondragón erfolgreich ist, ändert aber nichts daran, dass wir in einem Wirtschaftssystem leben, das dem Geist der Kooperation entgegenwirkt. Seine Parolen sind Wettbewerb und Effizienz.

Ayn Rand, das Idol der politischen Rechten, mystifizierte den ungezügelten Kapitalismus als höchste Verwirklichung der Freiheit, aber den Vogel schoss zweifellos Margaret Thatcher ab: „Es gibt keine Gesellschaft“, erklärte sie 1987 in ihrer Attacke auf den „nanny state“ (Bevormundungsstaat). Ihr aktueller Nachfolger in Westminister, David Cameron, ist sowohl zynischer als auch doppelzüngiger. Sein Konzept der „Big Society“ sieht vor, dass die BürgerInnen mit den Folgen einer Einstellung aller staatlichen Sozialleistungen selbst zurechtkommen: Helft euch gegenseitig, denn ihr seid auf euch allein gestellt. Die Vision ist letztlich dieselbe.

Die Artikel dieses Themas wurden zuerst im Monatsmagazin „New Internationalist“ (Ausgabe 454, Juli/August 2012) veröffentlicht. Wir danken den KollegInnen in Großbritannien für die gute Zusammenarbeit. Der „New Internationalist“ kann unter der Adresse: McGowan House 10 Waterside Way Northampton, NN4 7XD, UK bezogen werden (Jahresabo: 37,85 Pfund; Telefon: 0044/ 1604 251 046). www.newint.org. Redaktionelle Bearbeitung und Kürzung der Artikel: Irmgard Kirchner. Übersetzung: Robert Poth.

Dabei sind wir von Natur aus eine höchst kooperationsfähige Art. Wie ließe es sich sonst erklären, dass wir in jedem Eck dieses Planeten überleben und gedeihen können, auf den Permafrostböden der Arktis genauso wie im glühend heißen australischen Busch? Für Martin Novak, Professor für Mathematik und Biologie in Harvard, ist Kooperation sogar der „Hauptarchitekt“ der Evolution.

Natürlich entspricht die Wirklichkeit nicht immer der Theorie. Genossenschaften operieren in einem Marktumfeld. Der Wettbewerb ist unbarmherzig, und wer nicht mithalten kann, geht einfach unter. Kooperation kann ab und zu zu bloßer Vereinnahmung verkommen. Und die Menschen selbst sind manchmal gemein, selbstsüchtig, eigensinnig, faul, starrköpfig. Kooperation zum gegenseitigen Nutzen ist eine gute Idee, aber der Weg ist mit Stolpersteinen gepflastert.

In seinem jüngst erschienenen Buch, „Wired for Culture“, vertritt der Evolutionsbiologe Mark Pagel die Ansicht, dass Kultur auf sozialem Lernen beruht, das seinerseits von Kooperation abhängig ist. Die Evolution ermöglicht eine weitreichende Kooperation innerhalb von Gruppen – aber nicht unbedingt zwischen Gruppen.

„Was unsere Kooperation funktionieren lässt, ist dieses Gefühl einer sozialen und kulturellen Verbundenheit, das uns Menschen auszeichnet … wir spüren einen Drang, uns gegenüber anderen korrekt zu verhalten; aber wenn andere als ‚anders‘ wahrgenommen werden, und sei der Unterschied auch noch so klein, kann daraus letztlich Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und extreme Gewalt entstehen.“ 5)

Derselbe Drang, der Menschen zusammenbringt, kann sie auch dazu veranlassen, sich gegen beliebige andere zu wenden, die als Bedrohung wahrgenommen werden. Die Liste der menschlichen Gräueltaten ist endlos: Stalins Gulag, die Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung durch die Nazis, das Blutbad in Ruanda, das Gemetzel in Ex-Jugoslawien. Der Drang zur Kooperation ist stark und angeboren, aber was daraus resultiert, ist nicht immer eitel Sonnenschein. Menschen können sich genauso zu guten wie zu bösen Zwecken zusammenschließen. Operationsteams arbeiten zusammen, aber das tun auch Straßenbanden. Brücken des gegenseitigen Verstehens zu bauen und die Schranken zwischen den verschiedensten Gruppen abzubauen, das muss bei der genossenschaftlichen Vision ganz am Anfang stehen.

Wir sind mit Problemen konfrontiert, die unser Überleben als Art bedrohen, und wir werden auf weltweiter Ebene kooperieren müssen, um das nächste Jahrhundert ohne Katastrophe zu überstehen. Klimawandel, Erschöpfung der natürlichen Ressourcen, Zusammenbruch der Ökosysteme, ausufernder Konsumwahn: Nur wenige Führungspersönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft haben den Mut, sich diesen Herausforderungen zu stellen.

Wir können uns die Exzesse des freien Markts, den ungezügelten Staatskapitalismus in China oder die Erblast des traditionellen Kommunismus nicht mehr leisten. Wir müssen etwas Besseres zustande bringen. Genossenschaften können den Weg zu einem alternativen Wirtschaftsmodell weisen, in dem die Menschen das Kapital kontrollieren und nicht das Kapital über die Menschen herrscht.

Copyright New Internationalist

1) „Las Empresas Recuperadas en la Argentina“, Andrés Ruggeri, Open Faculty Programme, Universität Buenos Aires 2010.
2) „Worker-run factories in Argentina continue to thrive, boosting the economy and influencing workers in other countries“, Marcela Valente, IPS, 12. Nov. 2010.
3) „The implosion of capitalism“, Chris Hedges, Truthdig, 30. April 2012.
4) „Can there be good corporations?“, Marjorie Kelly, Yes Magazine, Frühjahr 2012.
5) „Wired for Culture“, Mark Pagel, W.W. Norton 2012.

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