„Ein poetisch schönes Museum“

Worüber man im neu eröffneten Weltmuseum Wien staunen wird, erklärt Direktor Steven Engelsman im Gespräch mit Irmgard Kirchner.

Die Lieblingsvitrine des Direktors: „Sammlerwahn“ von Thronfolger Franz Ferdinand.© Daniela Klemencic

Steven Engelsman, promovierter Mathematiker und damals Direktor des renommierten Volkenkundemuseums in Leiden in den Niederlanden, übernahm 2012 die Leitung des Völkerkundemuseums in Wien und konzipierte es als Weltmuseum Wien neu. Die Umgestaltung kostete 21,8 Mio. Euro.

Das Museum für Völkerkunde war jetzt 13 Jahre geschlossen. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Zweimal hat es Versuche gegeben, das Museum neu einzurichten, beide sind gescheitert. Gescheitert weniger inhaltlich als organisatorisch. Inhaltlich war viel aufgearbeitet, als ich kam. Alle Beteiligten wollten, dass es jetzt endlich zu einem Erfolg wird. Alle haben sich wahnsinnig gut eingesetzt für das Ganze. Es war ein Traum, wie gut es gelaufen ist und mit welcher Riesengeschwindigkeit wir die Neugestaltung machen konnten.

Wo steht das Museum, wenn man es mit thematisch ähnlichen Museen in Europa vergleicht?

Es wird ein kleines Juwel: ein poetisch schönes Museum. Nicht überfrachtet mit Ideologie oder Theorie. Ein Museum, das schwelgt in schönen Geschichten und in den schönen Sammlungen, die es zeigt. Mit der vorhandenen Architektur und der Einrichtung haben wir einen sehr hohen Qualitätsanspruch. Es ist kein staubiges Hobbymuseum mehr. Das Museum wird der Umgebung und der Qualität der Umgebung gerecht. Und es ist ein Museum, das es in dieser Art und Weise nur hier in Wien geben kann. Es sind diese Wiener Geschichten, die Sammlungen, die nach Wien gekommen sind, durch die die Geschichte Österreichs und der weiten Welt manifest geworden ist. Es ist kein regional orientiertes Museum, es ist auch kein anthropologisch-thematisches Museum. Wir haben ganz klipp und klar gesagt: Wir erzählen Geschichten und zwar die Geschichten, die sich lohnen.

Haben Sie das schon so im Kopf gehabt, als Sie nach Wien gekommen sind?

Ich bin ohne feste Vorstellungen nach Wien gekommen. Aber es gab bereits ein ziemlich ausgearbeitetes und ziemlich ambitioniertes Konzept „Museum neu“, das nicht umgesetzt wurde (siehe Chronik; Anm. d. Red.) Inhaltlich waren unheimlich viele gute Ideen drin. Das Problem war das Organisatorische. Alle thematischen Grundprinzipien des Hauses lassen sich nie nebeneinander so ausarbeiten. Das wäre ein überfrachtetes Museum geworden.

Bedauern Sie, dass die Bestände des Volkskundemuseums jetzt nicht Teil des Weltmuseums sind?

Da ist eine großartige Chance verpasst worden. Sollte es doch noch dazu kommen, dass wir mit dem Volkskundemuseum zusammenfinden, dann ließen sich hier locker noch drei, vier oder fünf Säle füllen mit Geschichten, die aus dem Volkskundemuseum kommen und die genauso spannend sind wie die Geschichten, die wir hier erzählen.

Sie haben fünf Säle an das geplante Haus der Geschichte verloren. War diese Verkleinerung des neuen Weltmuseums konflikthaft?

Das war eine Riesenenttäuschung. Aber es war eine Entscheidung der Politik und sie hat bei uns das ganze Projekt um ein Jahr verzögert.

Was ist dieser Redimensionierung zum Opfer gefallen?

Das begehbare Schaudepot, „Korridor des Staunens“ genannt, und das Zoom Kindermuseum. Was mehr weh tut, könnte ich gar nicht sagen.

Ein Blick vorab auf ein Prunkstück: Direktor Steven Engelsman zeigt das Modell einer Daimyō-Residenz aus Japans Edo-Zeit.© Daniela Klemencic

Beim Weltmuseum Wien handelt es sich um mehr als eine architektonische Neugestaltung. Was ist mit dem alten Völkerkundemuseum passiert?

Das Wichtigste ist, dass wir den Begriff der Völkerkunde überhaupt losgelassen haben. Die Völkerkunde ist schon vom Namen her ein Hindernis für eine Beziehung auf Augenhöhe – zu den Menschen, über deren Kultur man etwas erzählen will. Deshalb haben wir den Namen Weltmuseum Wien. Es geht um Menschen. Und es geht um einen Ort der Begegnung für Menschen aller Kulturen. Es geht um Begeisterung für und Wertschätzung von kultureller Vielfalt. Das ist die Mission des Hauses.

Und wie wird diese Begeisterung vermittelt?

Das Konzept, das wir für das Haus ausgewählt hatten, ist eine systematische Eklektik. Wir haben 14 Säle. In diesen 14 Sälen erzählen wir 14 Geschichten, in denen wir die unglaublich schönen Sammlungen des Hauses vorstellen und zeigen, wie sie nach Wien gekommen sind. Wir lassen Kolleginnen und Kollegen aus Herkunftsländern zu Wort kommen, welche Bedeutung diese Sammlungen für sie haben. Die Sammlungsschätze werden mit ihren eigenen Geschichten präsentiert, in jedem Saal aus einer anderen Perspektive. Und dann gibt es noch eine Reihe von Sonderausstellungen.

Was ist Ihre Lieblingsgeschichte?

Ich mag sie alle unglaublich gerne. „1873 – Japan kommt nach Europa“ ist für mich eine beispielhafte Geschichte. Erst 1868 entscheidet sich Japan, sich der ganzen Welt gegenüber zu öffnen. Und schon 1873 bei der Wiener Weltausstellung zeigt man sich zum ersten Mal der ganzen Welt. Man bringt massenhaft Sammlungen von Objekten nach Europa, die in Wien ausgestellt werden und die hier bleiben. Viele sind in unsere Sammlung gewandert, wie das Modell einer Daimy-Residenz der Edo-Periode 1600 bis 1868. Wir stellen Japan aus, wie es sich selbst 1873 in Wien ausgestellt hat. Ganz Europa kommt zur Weltausstellung in Wien und wird begeistert von Japan. Der ganze Japonismus fängt hier in Wien an, bei dieser Sammlung.

Haben Sie eine Lieblings-Vitrine?

Ja. Eine Vitrine mit zahlreichen Sammlungsgegenständen vom Habsburger Thronfolger Franz Ferdinand im Saal „Sammlerwahn. Ich leide an Museomanie“. Diese Unmäßigkeit! Und die Schönheit dieser Unmäßigkeit!

In einem der 14 Säle mit dem Namen „Im Schatten des Kolonialismus“ stellt sich das Museum seiner eigenen kolonialen Vergangenheit. War es für das Haus leicht, sich der Geschichte zu stellen?

Das hat sehr gut geklappt und das hat in einer ehrlichen Weise stattgefunden. Es wird einen zehnminütigen Zeichentrickfilm zur Geschichte des Hauses geben. Da wird auch die nationalsozialistische Geschichte dieses Hauses offen angesprochen und nicht weggeschoben. Es sind Sammlungen in unser Haus gekommen, die enteignet wurden. Die Restitutionen waren bereits sorgfältig und gründlich abgearbeitet, bevor ich nach Wien kam.

In diesem Kolonialismus-Saal soll ein Bewusstsein für die koloniale Vergangenheit geschaffen werden, auch um daraus zu lernen. Was kann man denn aus der Geschichte lernen?

Schöne Frage. Ich verwende kaum so große Worte wie „aus der Geschichte muss man lernen“. Aber Sie wollen, dass ich eine Antwort gebe. Das absolut Wichtigste ist die Beziehung zu anderen Menschen, eine Situation auf Augenhöhe herbeizuführen. Das haben die Museen bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts überhaupt nicht hingekriegt. Kulturelle Vielfalt wurde im Rahmen einer Entwicklungstheorie oder Evolutionstheorie gesehen. Im Sinne von: wir sind die Spitze der Zivilisation und die anderen sind noch nicht so weit. Damit kann man nett umgehen, man kann helfen, man kann fördern. Aber der Zugang war immer herablassend.

Finden auch die gegenwärtigen Beziehungen Österreichs zur Welt Eingang ins Museum?

Im Saal „Welt in Bewegung“, dem Migrationssaal, geht es natürlich um Beziehungen zwischen Österreich und der weiten Welt. Aus der Sicht unseres Hauses und der Geschichte, wie wir sie darstellen, ist Migration Motor für kulturelle Vielfalt und Motor für kulturelle Veränderung und Entwicklung. Migration gibt es einfach. Das lässt sich nicht leugnen. Der Sonne und dem Regen können wir uns auch nicht verweigern. Und wie Sonne und Regen der Natur helfen, sich weiterzuentwickeln, so hilft die Migration den Menschen dabei.

Angenommen, Sie als Museumsgestalter sollten in einer Vitrine unsere jetzige Lebensweise in Österreich dokumentieren. Welche Gegenstände wären da drinnen?

Als Witz würde ich ein Dirndl und Trachten zeigen. Und ein iPhone 6S. Mein Brompton-Faltrad würde ich auch reintun.

Werden im Weltmuseum gleich viele Objekte gezeigt wie seinerzeit im Völkerkundemuseum?

Bis 2004 wurde auch jene Fläche bespielt, die uns Minister Josef Ostermayer für das Haus der Geschichte genommen hat. Es dürften etwa 5.000 Objekte gewesen sein. Jetzt sind es 3.127. Es werden anderthalb Prozent der Bestände des Museums gezeigt. Das ist eine Kennzahl, die in Museen international ziemlich üblich ist.

Sie haben ein Museum voller Überraschungen angekündigt. Was hat Sie selbst bei Ihrer Arbeit am neuen Museum am meisten überrascht?

Dass es geklappt hat, in jedem Saal etwas zu machen, zu dem man sagt: Wow, was ist hier los! Das ist ja großartig. Jeder Saal hat seinen eigenen Höhepunkt.

Ist die Neupositionierung des Völkerkundemuseums als Weltmuseum Wien ein Musterprojekt?

Ja, das kann man schon sagen. Wir haben finanziell und letztlich auch im Zeitplan eine Punktlandung hingelegt.

Das Eröffnungsfest – kuratiert von André Heller – findet am 25. Oktober ab 19 Uhr Open Air am Wiener Heldenplatz bei freiem Eintritt statt. Im Anschluss kann das neue Museum bis 1 Uhr nachts erkundet werden. Am 26. Oktober ist das Museum bei freiem Eintritt von 13 bis 21 Uhr geöffnet.

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