Ein Projekt mit Straßenkindern

Die Traumfänger.

Von Werner Hörtner
Deutsch/Englisch/Spanisch. Fotografien von Christian Söser, Lyrik von Ulrike Grasser. Verlag der Provinz, Weitra 2008, 116 Seiten, € 24,00

Bolivien ist eines der Armenhäuser dieser Welt – auch wenn Evo Morales, der erste indigene Präsident des Landes, alles unternimmt, um die Lebensumstände der seit Jahrhunderten marginalisierten Bevölkerungsmehrheit zu verbessern. In allen größeren Städten leben Kinder auf der Straße, ohne Familie, ohne Zukunft, in einer desolaten Gegenwart. Sie versuchen sich als Schuhputzer, als Ausrufer in Bussen oder einfach als Bettler. Sie schlafen überall dort, wo es halbwegs warm ist.
Auch in Cochabamba, der drittgrößten Stadt des Landes. Dort unterstützt die oberösterreichische Initiative „Sandmann“ (siehe Beitrag Seite 9) eine bolivianische Hilfseinrichtung für Straßenkinder – und hatte eine bestechende Idee. Auf einem abgesperrten Straßenstück im Stadtzentrum wurden Rechtecke ausgemessen, in die die Straßenkinder mit Kreide ihre Zukunftsvisionen und -träume aufzeichneten – und sich gleich als lebende Skulptur einbringen konnten. Von einem Hochgerüst herab fotografierte der in Gmunden lebende Fotograf Christian Söser die ausdrucksvollen Zeichnungen mitsamt den lebenden Akteuren.
Die in der bibliophilen Ausgabe des Kleinverlages aus dem Waldviertel wiedergegebenen S/W-Fotos illustrieren die Träume der Kinder: in die Schule gehen, ein Haus, Familie, ein Auto, Pilot sein, Fußballspieler usw. Der tristen Gegenwart der Kinder wird eine hoffnungsvolle Zukunft entgegengesetzt. Der Traum wird sozusagen eingefangen durch die graphische Formulierung; nun kann der Weg beginnen, die Zukunftsvision zu verwirklichen.
In den einfühlsamen poetischen Begleittexten von Ulrike Grasser wird der „Werdegang“ eines Straßenkindes nachgezeichnet. Am Anfang steht häufig das Ausbrechen aus der häuslichen Gewalt, die Flucht vor sexuellem Missbrauch, vor den Schlägen des betrunkenen Vaters. Die Straße bietet wenigstens einen einigermaßen erträglichen Familienersatz an, die Gemeinschaft der Leidenden, der Ausgestoßenen.
Eine künstlerisch gelungene Edition – die obendrein einem guten Zweck dient. Ein Geschenkbuch für sich selbst – oder besser noch gleich für mehrere Freunde ...

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