Erinnerung im Aufbau

Vor vierzehn Jahren endete der Bürgerkrieg in Peru, der fast siebzigtausend Menschenleben forderte. Den Opfern soll am „Ort der Erinnerung“ in Lima gedacht werden. Doch dem Museum fehlt der Inhalt.

Von Knut Henkel
Die Orte der Erinnerung in Peru sind an einer Hand abzuzählen, die Widerstände gegen die Aufarbeitung der Vergangenheit massiv.

Freundlich blickt der Wachmann vor dem massiven Metalltor den BesucherInnen entgegen, die den schmalen Weg zum „Lugar de la Memoria, Tolerancia y Inclusión Social“ (LUM) entlang auf ihn zuschreiten. Der mächtige, in den Uferfels hineingegossene kalte Betonbau soll das jüngste Museum der peruanischen Hauptstadt beherbergen – und somit einen „Ort der Erinnerung, Toleranz und gesellschaftlichen Teilhabe“.

„Hier soll ein Platz für Versöhnung, für Verständigung entstehen, wo Opfer und Akteure ins Gespräch kommen können“, schildert Denise Ledgard eines ihrer Ziele. Die Juristin ist seit ein paar Monaten Direktorin des Museums und dafür zuständig, Veranstaltungen zu konzipieren, Gäste aus dem In- und Ausland einzuladen, Filme zu zeigen und zum Diskutieren anzuregen.

Das LUM, wie es der Kürze halber in Lima genannt wird, erinnert an den vor 14 Jahren beendeten, überaus brutal geführten Konflikt zwischen der Ordnungsmacht und den beiden Guerillaorganisationen Leuchtender Pfad und der revolutionären Bewegung Túpac Amaru. Das Gebäude selbst hat etwas von einer Festung. Im Stockwerk unter den beiden Ausstellungsetagen befindet sich das Auditorium, wo derzeit alle Veranstaltungen stattfinden. Da diskutieren ExpertInnen so unbequeme Fragen wie die der Reparationen, des Stellenwerts der Opfer in einer demokratischen Gesellschaft oder der Freiräume, die es in Peru für Erinnerung und Gedenken gibt. Die sind alles andere als großzügig bemessen, und wohl deshalb hat Direktorin Ledgard „Erinnerung im Aufbau“ auf die Broschüren des LUM drucken lassen.

69.280 Tote, deren Angehörige oft keine Entschädigung erhalten haben, lassen viele Fragen offen. Warum die Mehrzahl der Toten indigener Herkunft war, warum viele Täter bis heute nicht verurteilt sind oder warum nicht oder nur halbherzig ermittelt wird, zum Beispiel. Oder aber auch warum der schmutzige Krieg gegen die Guerilla bis heute kein Thema in den Schulen ist.

Fragen, die Frauen wie Adelina García Mendoza stellen. Die Vorsitzende der Opferorganisation Anfasep war bereits zweimal ins LUM geladen. Einmal, um das kleine Museum der Anfasep in Ayacucho, dem Zentrum des blutigen Konflikts vorzustellen, das zweite Mal, um Druck auf die Regierung von Präsident Ollanta Humala aufzubauen. „Die hat zwar einen Teil der Kosten des Museumsbaus übernommen, die Geschichte würde sie aber zu gern unter den Teppich kehren“, meint sie. Germán Vargas von der kirchlichen Menschenrechtsorganisation „Frieden und Hoffnung“ nickt zustimmend.

Der Grund könnte sein, dass sowohl Präsident Humala als auch sein politisch noch aktiver Vorgänger Alan García bei detaillierten Ermittlungen etwas zu befürchten hätten. „Der eine war als Hauptmann in einer Militärbasis aktiv, wo gefoltert und gemordet wurde, der andere hat als Präsident die Militärs angewiesen, brutal gegen einen Gefängnisaufstand und vermeintliche Anhänger des Leuchtenden Pfads vorzugehen“, erläutert Vargas die Hintergründe.

Die führen dazu, dass es auch fünf Jahre, nachdem die deutsche Kanzlerin Angela Merkel mit einer Spende von zwei Millionen Euro den Museumsbau initiierte, keine Dauerausstellung gibt. Bisher hat die mit der Konzipierung der Ausstellung betraute Kommission kein Konzept vorgelegt. Ein Dilemma, da das LUM eigentlich im Dezember eingeweiht werden sollte. Doch daran glaubt in Lima kaum jemand.

Auch Salomón Lerner Febres, ehemaliger Vorsitzender der Wahrheitskommission, winkt ab. „Erst wollte man Merkels Geschenk nicht annehmen, nun steht es da – ohne Ausstellung. Es gibt in Peru keine öffentliche Politik des Gedenkens“, kritisiert der Philosophieprofessor. Sein Traum von einem lebendigen Museum, das der Vergangenheit und dem Umgang damit Rechnung trägt, droht zu platzen. Daran kann auch Museumsdirektorin Ledgard kaum etwas ändern. Sie ist nur für das Rahmenprogramm verantwortlich – die Ausstellung muss politisch abgesegnet werden. Das kann dauern.

Knut Henkel ist Politikwissenschaftler und freiberuflicher Journalist mit Schwerpunkt Entwicklungspolitik.

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