„Es reicht!“

Von Redaktion · · 2013/03

Welche Rolle spielen die reaktionären und feudalen Kastenräte, die Khap Panchayats, bei der Unterdrückung der Frauen? Darüber sprach Südwind-Mitarbeiterin Brigitte Voykowitsch mit der indischen Frauenrechtsaktivistin Jagmati Sangwan.

In dem westlich von Neu-Delhi gelegenen Bundesstaat Haryana wurden im Herbst 2012 fast täglich neue Fälle von Vergewaltigung bekannt. Nicht nur die Gewalt an sich, sondern auch die Reaktionen seitens der Polizei und der Politiker schockierten die Frauen. Eine besonders frauenfeindliche Position nehmen die Khap Panchayats – Dorfräte auf Basis des Kastenwesens – ein. Jagmati Sangwan, eine der führenden Frauenrechtsaktivistinnen in Haryana, und ihre Mitstreiterinnen von AIDWA, der gesamtindischen demokratischen Frauenorganisation, haben immer wieder den Dialog mit den Khap Panchayats gesucht.

Südwind-Magazin: Warum haben die Khap Panchayats einen so großen Einfluss?
Jagmati Sangwan:
Die Khap Panchayats sind Kastenräte, die es in verschiedenen Kasten gibt, sie sind aber in der mächtigen Bauernkaste der Jatsin Haryana besonders aktiv. Es handelt sich um absolut feudale und patriarchale Organisationen, die den Frauen und den Dalits keine Rechte zugestehen wollen. Als Reaktion auf die jüngste Vergewaltigungsserie haben sie gefordert, dass Mädchen wieder möglichst früh verheiratet werden sollten, dass man also das gesetzliche Mindestheiratsalter von 18 Jahren herabsetzen solle.

Die Khap Panchayats sind aber keine verfassungsmäßigen Organisationen. Warum greift die Landesregierung nicht ein?
Da die Khaps eine so große Rolle in der Gesellschaft spielen, hofieren die Politiker die Khaps als Stimmenbeschaffer für die Wahlen. Man muss ja bedenken, dass Politiker, Beamte und Mitglieder der Sicherheitskräfte selbst oft soziale Normen vertreten, die demokratischen Werten zuwider laufen. Diese Leute gehören zum Teil selbst der Kaste der Jats oder ähnlichen Gruppen an, die sich infolge des gesellschaftspolitischen Wandels ebenfalls bedroht fühlen. Bei der Kontrolle über die Frauen geht es ja auch um die Wahrung des Besitzstandes, des eigenen sozialen Status und der gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Wenn Frauen alle Rechte haben und auch erben können, wenn Dalits, die ehemals Unberührbaren, Land erwerben dürfen und sozial aufsteigen, dann verschieben sich die Machtverhältnisse zuungunsten der Jat-Männer.

Sie haben Gespräche mit Vertretern von Khap Panchayats geführt. Wie sind sie gelaufen? Wie stehen die Chancen auf positive Veränderungen?
Wir haben mehrfach Treffen gehabt, doch inzwischen sind wir zu dem Schluss gekommen, dass solche Treffen überhaupt keinen Sinn machen. Denn Vertreter der Khaps haben uns gegenüber unter anderem Indiens ersten Premierminister Jawaharlal Nehru beschimpft, weil er für eine moderne Verfassung eintrat, die Indien dann auch bekam. Die Khaps lehnen diese Verfassung und die Rechte, die sie den lange unterdrückten Bevölkerungsgruppen – und insbesondere auch den Frauen – gibt, ab. Auf dieser Basis kann man keine Gespräche führen. Stattdessen machen wir heute Druck auf die jeweilige gewählte Landesregierung und auf die legitimen staatlichen Institutionen.

Laut der Volkszählung von 2011 hat Haryana das ungleichste Geschlechterverhältnis aller 28 indischen Bundesstaaten. Auf 1.000 Männer kommen nur 877 Frauen. Gibt es einen politischen Willen, die Rechte der Frauen zu verteidigen und die Frauen vor Gewalt zu schützen?
Die staatlichen Behörden kommen ihren Pflichten nicht nach. Die derzeitige Regierung von Haryana nimmt das Problem nicht ernst genug, die Politiker verstehen die Dimension der Gewalt nicht wirklich. In ihren Reaktionen auf die jüngsten Vergewaltigungsfälle insinuierten eine Reihe von Beamten, Politikern und Polizisten, dass die Frauen wohl Fehler begangen haben müssten. Das heißt, sie wären zur falschen Zeit unterwegs gewesen oder ihre Kleidung, vielleicht auch ihr Verhalten müsse unzüchtig gewesen sein, womit sie ihre Angreifer wohl provoziert hätten. Der Chief Minister (entspricht etwa einem Landeshauptmann; Anm. d. Red.) von Haryana erklärte, dass es sich in 90 Prozent aller Fälle gar nicht um Vergewaltigung, sondern um freiwilligen Sex handle. Das sagt doch alles.

Es gibt doch eine Polizeieinheit, die vor einigen Jahren speziell für Gewaltfälle an Frauen geschaffen wurde, und eine Frauenkommission auf Landesebene?
Die Polizeieinheit hat erst vor kurzem ihr erstes Treffen abgehalten. Es wäre so wichtig, dass solch eine Einheit gut funktioniert, denn die Polizei weigert sich ja häufig, Gewaltfälle zu registrieren. Statt eine vergewaltigte Frau zu unterstützen, macht die Polizei oft Druck auf die Frau, den Fall zu verschweigen oder aber den – respektive einen der – Angreifer zu heiraten. Die Täter haben also wenig zu befürchten. Die staatliche Frauenkommission für Haryana hat noch nicht einmal richtig ihre Arbeit begonnen. Sie hat zu wenige Mitglieder, und die Frauen, die man in diese Kommission berufen hat, verstehen nicht einmal ihre Aufgabe. Wie sollen solche Frauen die Einhaltung von Gesetzen überprüfen oder geeignete Maßnahmen für die Förderung von Frauenrechten ausarbeiten? Das gleiche gilt für viele lokale Frauenkomitees. Wie soll sich da etwas ändern? Selbst der Innenminister von Haryana wurde im vergangenen Jahr wegen des Verdachts auf sexuelle Ausbeutung von Frauen festgenommen.

Ihre Organisation engagiert sich seit bald drei Jahrzehnten auch gegen Ehrenmorde in Haryana. Gibt es hier positive Veränderungen?
Die Khaps haben wiederholt Paare, die über Kasten- und Klassengrenzen hinweg geheiratet hatten, ermorden lassen. In einem Fall aus jüngster Zeit sind zumindest die Täter verurteilt worden. Doch diese Ehrenmorde haben eine lange Tradition. Wer sich nicht an Kasten- und Subkastenregeln bei der Wahl des Ehepartners hielt, wurde im Dorf ausgegrenzt oder physisch angegriffen, manche wurden des Dorfes verwiesen oder getötet. Diese hierarchischen Strukturen sind so tief verwurzelt, dass Ehrenmorde von vielen Menschen akzeptiert werden. Es läuft immer wieder auf eines hinaus: Eine Entwicklung in Richtung einer egalitäreren Gesellschaft untergräbt traditionelle Kastenhierarchien. Das wollen die Khaps verhindern.
Frauenorganisationen müssen den Politikern und den Khaps endlich klar machen: Es reicht!

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