Flüchtlingsdrama in Garian

Wieso MigrantInnen durch Kämpfe in Libyen in dramatische Situationen kommen, und was das mit Rom und Brüssel zu tun hat. Mirco Keilberth berichtet.

In einem Aufnahmelager für MigrantInnen südlich der libyschen Hauptstadt Tripolis warten 9.000 Flüchtlinge im Herbst wochenlang auf ausreichend Lebensmittel, warme Kleidung und medizinische Versorgung. Die Westafrikaner flüchteten vor den Kämpfen in der Küstenstadt Sabratha, die zuvor zwischen Schmuggler-Milizen, Einheiten der libyschen Armee und Islamisten ausgebrochen waren.

Die Flüchtlingswelle hat erstmals zu einer großen Hilfsaktion unter der Bevölkerung für die sonst mit Rassismus konfrontierten MigrantInnen geführt. Die Behörden der Stadt Garian mit ihren 80.000 EinwohnerInnen sind mit dem anhaltenden Ansturm überfordert und starteten schon nach wenigen Tagen einen verzweifelten Hilferuf. „Seitdem bringen Einwohner und private Initiativen aus der Stadt und den umliegenden Nafusa-Bergen Decken, Essen und Verbandsmaterial“, berichtet der Aktivist Hamza El Najh.

Der 37-Jährige versorgte zusammen mit anderen Freiwilligen der Initiative Lapor die vielen bei den Kämpfen an der 90 Kilometer entfernten Küste verletzte MigrantInnen: „Wir und die internationalen Organisationen sind verpflichtet zu helfen, aber wir sind auf uns alleine gestellt.“

Der Kommandeur des Zivilschutzes und der Polizei in Garian, Dahoul Shahana, rief den Notstand aus und bat die Einheitsregierung von Premier Fayez Mustafa al-Sarraj in Tripolis um Matratzen, Ärzte und logistische Hilfe, doch ein weiterer lokaler Konflikt zwischen Garian und Tripolis macht die Straßen für die Freiwilligen des Roten Halbmondes zu gefährlich.

Die Regierung Serraj und IOM, die internationale Organisation für Migration, waren auf die Flüchtlingsbewegung von der libyschen Küste nach Süden nicht vorbereitet. „Obwohl wir davor gewarnt hatten, dass die Kämpfe in Sabratha eine Katastrophe für die Migranten sind“, so Kommandeur Shahana gegenüber dem Südwind-Magazin.

Machtkämpfe. In Sabratha kämpfte in den vergangenen Wochen und Monaten eine Allianz von der Armee nahestehenden Milizen gegen die Islamisten. Es geht um die Vormacht in einer strategisch wichtigen Stadt, um Macht und Geld: Italienische Delegationen, so hört man in Sabratha, machten Milizenführern, etwa dem Schmugglerkönig Ahmed Dabashi, das Angebot, sie für die Einstellung des Menschenschmuggels zu bezahlen. Aus Milizen werden legale Sicherheitskräfte. „Feinde Europas werden zu deren Partner“, lacht der Menschenrechtsaktivist Mohamed Salama.

Die aus Sabratha geflüchteten MigrantInnen berichteten derweilen von anhaltend dramatischen Zuständen im Al Hamra-Camp, das 30 Kilometer nördlich von Garian liegt und in dem ansonsten höchstens 3.000 MigrantInnen untergebracht werden. Obwohl IOM aus Al Hamra seit Anfang des Jahres Rückführungen in die Heimat per Flugzeug organsiert, versuchen die meisten Westafrikaner von Al Hamra aus wieder an die Küste zu gelangen. „Individuell gibt es keine Möglichkeit, durch Libyen und die Sahara zurück nach Agadez in Niger zu gelangen, von wo alle ihre Reise starten“, erklärt Aktivist El Najah, „aufgrund der schlechten Sicherheitslage in Tripolis und den anderen westlichen Küstenstädten ist Al Hamra zur Zeit der einzig sichere Ort.“

Obwohl Al Hamra 2016 nach dem so genannten Berlusconi-Gaddafi-Deal mit Hilfe der Europäischen Union eingerichtet wurde, haben weder EU noch IOM ein Büro oder Vertreter vor Ort.

Auch der Wetterumschwung macht den dichtgedrängt auf den LKW-Ladeflächen transportierten Menschen aus Westafrika zu schaffen. In den Bergen rund um Al Hamra sinken die Temperaturen nachts unter zehn Grad.

Ausnahmezustand. Die italienische Botschaft schickte Ende Oktober Hilfsgüter für 3.000 Hilfsbedürftige in die Küstenorte Zuwara und Sabratha, wo nach Angaben des Leiters der Behörde gegen illegale Migration noch immer mehr als 4.000 MigrantInnen auf von Schmugglern angemieteten Farmen auf die Beruhigung der Lage warten.

Auch in anderen Aufnahmelagern für MigrantInnen in Westlibyen, Tarik Al Matar, Esseka, Tajoura und Qasr Bin Ashir, herrscht nach den Evakuierungen von Sabratha permanenter Ausnahmezustand. Nach Angaben des Roten Halbmondes mangelt es in zehn Einrichtungen an Trinkwasser, Nahrung und Verbandsmaterial.

Salah Zopek, Garians Vertreter im libyschen Parlament, verband seine scharfe Kritik an der Regierung und den internationalen Organisationen mit der Bitte an seine Landsleute, eine Katastrophe zu verhindern: „Wir haben keine Mittel mehr, um die Ausbreitung von Hepatitis und anderen Krankheiten zu verhindern und die vielen Schusswunden zu behandeln.“

Sabratha liegt in Trümmern. Den meisten gestrandeten MigrantInnen in Al Hamra wird nichts anderes übrig bleiben, als zu versuchen, sobald wie möglich wieder an die Küste zu gelangen. Bald werden Schmuggler wieder ihre Boote auf das Meer schicken, da sind sich viele einig. „Heimlich werden schon wieder Ablegeplätze für die Boote am Strand gegen Schutzgeld vergeben“, weiß Aktivist Salama zu berichten.

Mirco Keilberth berichtet als freier Journalist seit Anfang 2011 aus Libyen bzw. aus dem benachbarten Tunesien.

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