Friede in Sicht

Im März 2014 schloss die Moro Islamic Liberation Front ein Friedens­abkommen mit der philippinischen Regierung. Nach mehr als 40 Jahren Gewalt und mehreren gescheiterten Versuchen gibt es auf der Insel Mindanao Hoffnung auf Frieden.

Von Ralf Leonhard
Geschichte und Landeskunde kompakt: Per Seminar werden die BewohnerInnen auf die bevorstehende Autonomie vorbereitet.

Im Kindergarten des Dorfes Nala­paan, einem nackten grauen Ziegelbau, haben sich um die 30 Personen in die kleinen Plastiksessel gezwängt und lauschen andächtig den Worten von Toto Gamboa und Maggie Laus, die weit in die Geschichte der Insel Mindanao zurückgreifen. Es gibt keinen Strom, weshalb die PowerPoint-Präsentation ausgedruckt und an die Tafel geklebt wird. Mindanao sei doppelt so groß wie die Schweiz und dreimal so groß wie Belgien, erfahren die Bauern. Die meisten wussten bisher nichts von der Existenz Belgiens. Aber sie kennen die Naturschätze der Insel, die den Rest der Philippinen mit Tropenfrüchten versorgt, für 100% des Bananenexports verantwortlich ist und deren Gold- und Silbervorkommen von transnationalen Bergbaukonzernen abgebaut werden. Trotzdem sei Mindanao ein Entwicklungsgebiet, in dem die Armut grassiere.

Das Dorf Nalapaan gehört künftig zu Bangsamoro, jenem Gebiet in Zentralmindanao und auf den Sulu-Inseln, das demnächst unter autonome Verwaltung kommt. So wurde es im Friedensabkommen festgelegt, das die Moro Islamic Liberation Front (MILF) im März 2014 mit der Regierung unterzeichnete.

Beim Seminar im Dorf wird daran erinnert, dass noch vor weniger als hundert Jahren die muslimischen Völker die große Mehrheit auf der Insel Min­da­nao stellten. Die Spanier scheiterten an der Unterwerfung der von arabischen Händlern islamisierten Bevölkerung.

Landauf, landab sind in Zentralmindanao muslimische, christliche und säkulare Organisationen unterwegs, die die Bevölkerung auf die Entstehung des Autonomiegebiets vorbereiten wollen. Schulungen aller Art und interreligiöser Dialog haben Hochkonjunktur. Es gelte, Vorurteile und Ängste auszuräumen, sagt Robert Layson, dessen Organisation OMI-IRD (Oblaten der Unbefleckten Empfängnis – Interreligiöser Dialog) von der österreichischen Dreikönigsaktion unterstützt wird. „Die wichtigste Ursache für Gewalt ist Unwissen“, sagt Pater Layson, „die Leute kennen ihre Geschichte nicht.“ Denn in den Geschichtsbüchern stehe nicht, warum die MILF die Regierung bekämpft hat.

Viele ChristInnen fürchten, dass die Scharia auch für sie gelten werde oder dass von den Vorfahren unrecht erworbenes Land zurückgefordert werden könnte. Landkonflikte gibt es zuhauf.

Als die USA die Philippinen 1898 übernahmen, begann die Eroberung der Insel Mindanao. Man setzte auf gezielten Zuzug christlicher Siedlerfamilien aus den Visayas, der Inselgruppe zwischen der Hauptinsel Luzon und Min­danao. Landlose und Taglöhner, die sich in sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen auf den Zuckerplantagen der Großgrundbesitzer verdingten, bekamen ein paar Hektar Land auf Mindanao zugewiesen.

In Pikit, wo sich das Büro der OMI-IRD befindet, hört man die Kampfhähne in den Gärten krähen, nebenan läuft im Fernsehen eine Telenovela. Robert Layson, den alle nur „Father Bert“ nennen, kennt die Geschichte von Min­danao aus eigenem Erleben. „Anfangs begrüßten die muslimischen Bauern die Neuankömmlinge“, weiß der Pater, der selbst als elfjähriges Kind mit den Eltern von der Insel Negros zuwanderte. Die Stimmung schlug allerdings um, als die SiedlerInnen nicht mehr unerschlossenes Brachland beanspruchten, sondern den MuslimInnen deren Ackerland durch Tricks und Gewalt wegzunehmen begannen. So wurde erst mit den SiedlerInnen das Grundbuch eingeführt. Wer seinen Landtitel eintragen ließ, konnte die bisherigen BesitzerInnen vertreiben, was von Diktator Ferdinand Marcos in Manila gefördert wurde. Anfang der 1970er Jahre eskalierte die Gewalt. Christliche Siedler organisierten sich in der paramilitärischen Terrorgruppe Ilaga und fielen über muslimische Dörfer her. Man erinnert sich an schreckliche Massaker und abgehackte Gliedmaßen. Die muslimischen Barracudas überfielen ihrerseits christliche Siedlungen.

Während in den Dörfern der Bürgerkrieg tobte, formierte sich an den Unis in Manila die Moro National Liberation Front (MNLF), eine muslimische Guerilla, die nicht von religiösem Eifer angetrieben war, sondern sich an der kubanischen Revolution orientierte. Ziel war  die Unabhängigkeit von Mindanao. Ein Friedensabkommen 1976 verschaffte MNLF-Kommandanten einflussreiche Posten, die Korruption begann zu blühen. Darauf spaltete sich ein Teil der Guerilla ab und gründete die Moro Islamic Liberation Front (MILF), die den Kampf gegen die Regierung fortsetzte.

„Früher hasste ich die Muslime“, gibt Layson zu, der 1988 zum Priester geweiht und dann dem Bischof Benjamin de Jesús auf der Insel Jolo zugeteilt wurde. Dort stellen Christen nur eine kleine Minderheit von sechs Prozent. 1997 wurde der Bischof von Muslimen ermordet. Father Bert wurde aus Sicherheitsgründen nach Pikit versetzt. Keine zwei Wochen später brach dort der Krieg aus.

Im Jahr 2000 entfesselte die Armee eine Großoffensive gegen die Moro-Rebellen. Da die Kämpfer die meiste Zeit bei ihren Familien lebten, galten die Dörfer als Rebellen-Camps. „Wir erfuhren mitten in der Nacht, dass ein Angriff auf ein Dorf bevorstand“, erinnert sich Layson, „also rückten wir aus, um die Familien in Sicherheit zu bringen.“ Die Armee war damit einverstanden solange keine bewaffneten Kämpfer herausgeschmuggelt wurden. „Wir sind unparteiisch“, stellt Father Bert klar, „es geht uns nur darum, im Krieg die Menschlichkeit zu wahren. Und das heißt, das Leben der Zivilbevölkerung zu schützen.“

Monatelang lagerten hunderte muslimische Familien auf dem Sportplatz der Kirche, wurden verpflegt und versorgt. Trotzdem wurden viele Kinder krank und starben. „Ich sah Kinder leiden und weinen“, erinnert sich Layson, „damals überwand ich meinen Hass.“

Layson ist optimistisch, dass nach zahlreichen gescheiterten Versuchen jetzt wirklich Friede in Mindanao einkehren kann. Armee und Regierung haben historische Ungerechtigkeiten eingestanden, die MILF ist von Maximalforderungen abgerückt.  „Jetzt wird nicht gleich geschossen, sondern zuerst geredet“, freut sich Layson. Für den Problemfall haben die Armeeoffiziere die Handynummern der MILF-Kommandanten. Der Waffenstillstand seit März hat gehalten. Nur eine kleine radikale Gruppe, die noch immer an der Unabhängigkeit festhält, führt den bewaffneten Kampf weiter. Die Bangsamoro Islamic Freedom Fighters, die mit dem IS sympathisieren,  lehnen das Autonomieabkommen ab. Auch zur islamistischen Abu Sayyaf, die auf den Sulu-Inseln Jolo und Basilan ihr Unwesen treibt, unterhalten sie Beziehungen. Ihre Entwaffnung wird eine schwierige Aufgabe der künftigen Bangsamoro-Polizei sein.

Der Zeitplan für die Umsetzung des Autonomieplans ist eng: 2015 muss das Übereinkommen durch den Kongress in Manila und eine regionale Volksabstimmung abgesegnet werden. Im ersten Halbjahr 2016 soll das autonome Parlament gewählt werden. Präsident Benigno Aquino will vollendete Tatsachen schaffen, bevor er im Juni 2016 aus dem Amt scheidet. Denn in der von Klientelinteressen bestimmten Politik der Philippinen gibt es keine Garantie, dass der nächste Staatschef die Friedenspolitik fortsetzt. Bert Layson sieht eine große Verantwortung auf den Schultern aller Beteiligten: „Wenn der Friedensplan scheitert, dann werden die alten Kommandanten nichts mehr zu reden haben.“ Die Anführer von MILF und MNLF sind allesamt jenseits der 60. Treten sie ab, folgt eine neue Generation nach, die politisch wie religiös radikaler ist.

Ralf Leonhard ist freier Mitarbeiter des Südwind-Magazins und bereiste im November 2014 die Philippinen.

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