Garaus

Warum das Verschwinden der Garküchen auf Bangkoks Straßen die Existenz von tausenden Menschen gefährdet, berichtet Rainer Einzenberger nach einem Lokalaugenschein.

Ärgernis für die einen, Grundversorgung für die anderen: Garküchen gehören seit Jahrzehnten zu Bangkoks Straßenbild.

Es ist ungewöhnlich ruhig geworden in der Straße Sukhumvit 38 nahe der Hochbahn-Station Thonglor in der thailändischen Hauptstadt Bangkok. Auf den Gehsteigen und Straßenrändern, wo vor einem Jahr noch alle paar Meter Köstlichkeiten wie Curry-Suppen ihr Aroma verströmten, der berühmte scharfe Papaya-Salat feilgeboten oder Reis- und Nudelgerichte frisch im Wok gebratenen wurden, sind nur mehr wenige Garküchen verblieben; die Geschäfte laufen schlecht, berichten die BetreiberInnen, die noch da sind.

Das hat einerseits wirtschaftliche Gründe: Immer mehr der alten chinesischen Häuserzeilen und Einfamilienhäuser entlang der Hochbahn müssen angesichts astronomischer Grundstückspreise und hoher Profiterwartungen neuen, leblosen Wolkenkratzern weichen. Mit den historisch gewachsenen nachbarschaftlichen Strukturen verschwinden vielerorts auch die alteingesessenen Straßenmärkte und -küchen.

Die bedrohliche Situation für die Straßenstände hat aber auch mit der Kampfansage der Stadtverwaltung Bangkoks zu tun: Diese kündigte im Frühjahr einen Bann für Straßenstände aller Art an. Die Begründung: Sorgen um die Hygiene im Fall von Essensständen und um die Verkehrssituation auf den betroffenen Straßen.

Seit mittlerweile mehr als drei Jahren regiert in Thailand die Militärjunta von General Prayut Chan-Ocha. Sie setzt ganz auf „Recht und Ordnung“ auch im öffentlichen Raum. Nach dem Putsch gegen Yingluck Shinawatra ist das Militär darauf bedacht, sein „Saubermann-Image” zu pflegen und der „Korruption” und „Unordnung” den Kampf anzusagen. Immerhin war es der Vorwurf der Korruption, der vom Militär als Vorwand für den Putsch der demokratisch gewählten Regierung angeführt wurde.

Gleich nach dem Militärcoup wurden an Urlaubsstränden wie in Phuket „illegale“ Sonnenschirm-VermieterInnen verbannt. In Bangkok wurde die allgemeine Sperrstunde vorverlegt, worauf viele der kleinen Straßenbars schließen mussten.

Schlecht fürs Geschäft. Die nun betroffenen Garküchen gehören allerdings seit Jahrzehnten zum Stadtbild und sind ein Tourismus-Faktor. Nach einem internationalen Aufschrei im Zuge der Ankündigung im Frühjahr mussten die Behörden beruhigen: Nicht alle Straßenküchen seien betroffen, es gehe darum, Hygienevorschriften einzuhalten. Doch mittlerweile konnten schon viele BetreiberInnen die Vorgaben nicht erfüllen und gaben auf.

Über Einbußen von fast zwei Drittel seines Umsatzes klagt Somchai, der seinen echten Namen aus Angst vor den Behörden nicht nennen will. Er bereitet seit Jahren in der Sukhumvit 38 Nudelsuppen zu. Er hatte drei Tische und verkaufte seinen Gästen auch Bier, wodurch sie länger sitzen blieben. Seit Umsetzung der neuen Verordnung darf er nur mehr einen Tisch haben, weil die Straße vor seinem Suppenstand frei bleiben muss. Jetzt holen die KundInnen nur mehr ihre Suppe ab und verschwinden wieder. Durch die vorgezogene Sperrstunde sind nach 23 Uhr weniger Menschen auf der Straße unterwegs, das heißt für ihn weniger Kundschaft. Das Geschäft lohnt sich kaum noch.

Leergeräumt. Auf der gegenüberliegenden Seite in der Thonglor-Straße auf Höhe Sukhumvit 55 steht es noch schlechter um die Straßenrestaurants. Die Maßnahmen der Stadtverwaltung zeigen Wirkung. Ein Beamter bei seinem abendlichen Kontrollgang: Er bittet den Wachmann eines Bürogebäudes an der Straße, ihn vor dem leergeräumten Gehsteig zu fotografieren. Das Foto dient als Beweis dafür, dass die Anordnung auch tatsächlich befolgt wird.

Der Wachmann erzählt später, dass der Beamte nun jeden Abend seine Runde macht. Nach seiner Meinung zu dem neuen Verbot gefragt, äußert er sich diplomatisch: „Einerseits ist nun der Gehsteig frei, der früher von den Verkaufsständen blockiert war, andererseits ist es nun schwer, hier günstiges Essen zu finden“, sagt er. Mit seinem mageren Gehalt kann es sich der Angestellte einer privaten Wachfirma nicht leisten, in eines der umliegenden Restaurants zu gehen.

ArbeiterInnen-Essen. Thonglor ist als teurer Bezirk und für seine schicken Restaurants und Bars bekannt. So wie dem Wachmann geht es auch Millionen von ArbeiterInnen und MigrantInnen in Bangkok, die auf günstiges und bekömmliches Essen von der Straße angewiesen sind.

Während für viele Angehörige der Ober- und Mittelschicht Garküchen ein bloßes Ärgernis darstellen, weil sie oft Wege und Straßen blockieren und Gehsteige verunstalten, gehören sie für die Arbeiterklasse und MigrantInnen zur Grundversorgung.

Einer Studie des MIT, des Instituts für Technologie in Massachusetts in den USA aus dem Jahr 2003 zufolge kauften damals 67 Prozent der ärmeren Haushalte täglich eine oder mehrere Mahlzeiten auswärts in Garküchen. In den engen Arbeiterwohnungen der Stadt ist kaum Platz für eine eigene Küche. Bei Zwölf-Stunden-Arbeitstagen ist auch die Zeit zum Kochen knapp. Die Flexibilität der mobilen Garküchen, meist rollende Wägen aus Edelstahl und Glas, ermöglicht eine vielfältige, günstige und gute Versorgung auch für die, die schlecht verdienen. Studien, unter anderem von der Universität Oxford in England, belegen zudem, dass die Garküchen in Sachen Hygiene mit den regulären Restaurants in Bangkok mithalten können.

Chancen dahin. Neben den Garküchen-BetreiberInnen sind auch andere betroffen: Eine Obstverkäuferin, die sich als Sunaree ausgibt (auch sie will ihren echten Namen nicht nennen), versucht sich mit der neuen Situation in Thonglor so gut es geht zu arrangieren. Früher hat sie Melonen, Papaya, Ananas und Guaven vor einer Bankfiliale verkauft. Nun spielt sie mit den Ordnungshütern Katz und Maus. Tagsüber steht Sunaree in einer Seitenstraße, nachts an der Hauptstraße am Eck eines Privatgrundstückes – mit der Erlaubnis des Eigentümers – auf einem winzigen Fleck gerade groß genug für ihren Wagen.

So wie Sunaree sind es mehrheitlich Frauen, die als Straßenverkäuferinnen ihren Lebensunterhalt verdienen. In vielen Fällen kommen sie aus den ländlichen Provinzen des Nordostens, haben geringe formelle Bildung und sehen in dieser Tätigkeit eine der wenigen Möglichkeiten für sozialen Aufstieg. Es braucht nicht viel Startkapital, um ins Geschäft einzusteigen, und die Verdienstmöglichkeiten sind ungleich höher als für unselbständige Tätigkeiten, beispielsweise in Fabriken am Fließband.

Suppenstand-Betreiber Somchai erzählt, dass er und seine Frau mit den Einnahmen aus ihrem Straßenrestaurant ihren Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen konnten. Aber was in Zukunft sein wird, ist ungewiss. Einige Familien haben im Zuge des Banns schon ihre Existenzgrundlage verloren. Sollte die Stadtverwaltung weiter hart durchgreifen, werden noch viele weitere dazu kommen.

Rainer Einzenberger ist seit 2015 Universitätsassistent  am Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien. Von 2010-2015 lebte er in Bangkok, im Juli 2017 kehrte er dorthin zurück.

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