Gold: Glanz und Gier

Unser Appetit auf Gold, das glänzende Metall, ist nicht nur sinnlos, sondern auch gefährlich. Eine Analyse von NI-Autor Richard Swift.

Unter hohem Aufwand wird Gold aus dem Boden geholt (wie hier in Uganda), um wieder unter der Erde in Tresoren zu verschwinden.

Schon ein seltsames Zeug, das Gold. Es ist zwar für fast nichts Nützliches zu gebrauchen, und doch ist es zum Inbegriff des Wertvollen geworden, umschwebt von einem Nimbus, der Menschen dazu bringt, dafür zu töten und zu sterben. Es hat sich in unserer Sprache als Synonym des Besten, Erstrebenswerten eingenistet, etwa in Redensarten wie „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“, „Eigner Herd ist Goldes wert“ oder „Handwerk hat goldenen Boden“. Und wenn man mit etwas viel Geld verdienen kann, wird es gleich zum Gold erklärt: „flüssiges Gold“ (Wasser) oder „schwarzes Gold“ (Erdöl).

Fast das gesamte Gold, das jemals gewaschen oder aus der Erde geholt wurde, befindet sich nach wie vor in unserem Besitz. Trotzdem setzen wir Himmel und einen Haufen Erde in Bewegung, um noch mehr davon zu bekommen.

Die Zahlen unterscheiden sich je nach Quelle, aber nach Angaben des World Gold Council gab es Ende 2013 177.200 Tonnen Gold über Tage.1

Wie viel es auch immer ist, es braucht nur wenig Platz, was an seinem spezifischen Gewicht liegt. Die zuvor genannte Menge brächte man in einem Würfel mit nur 21 Meter Seitenlänge unter.

Wir fördern und horten heute mehr Gold als jemals zuvor (zumindest 2.500 Tonnen jährlich), großteils als Wertanlage in Form von Barren, Münzen und Schmuck, der nur selten getragen wird.2 Wir holen es unter hohem Aufwand aus dem Boden, in der Regel in einem Tagebau irgendwo am Ende der Welt, und verstauen es dann pflichtgemäß wieder unter der Erde, in einem Tresor oder an einem anderen sicheren Verwahrungsort. Eine etwas bizarre Gepflogenheit, könnte man meinen.

In manchen Tresoren gibt es natürlich mehr davon als in anderen. Im Tresorraum der US-Notenbank, der Federal Reserve in Manhattan, sollen 20 bis 25% allen Goldes liegen, das jemals gefunden wurde.3 Viele Länder und auch Privatpersonen verwahren einen Teil ihrer Goldbarren hier. Wenn etwa die Deutsche Bundesbank Gold von der Bank of England kauft, kann es ruhig dort bleiben: Ein paar Sicherheitsleute schleppen es einfach vom britischen zum deutschen Stapel. Merkwürdig, aber wahr: Das war ’s dann auch schon.

Verehrung und Skepsis. Die Verehrung des Goldes ist in unserer Kultur und Geschichte tief verwurzelt. In der Regel wird Gold mit Macht assoziiert. Im Buch Exodus fordert selbst der Gott der Bibel, dass bei der Dekoration der Plätze für seine Anbetung Gold zu verwenden sei. Andererseits war der leicht erzürnbare Moses, eben mit den zehn Geboten vom Berg herabgestiegen, alles andere als erfreut, als er die Kinder Israels beim Anbeten eines goldenen Kalbes erwischte. Offenbar in Befolgung der Anweisungen Gottes „schmolz er das Kalb mit Feuer“, wie es heißt, „zermalmte es zu Pulver, streute es aufs Wasser und gab es den IsrealitInnen zu trinken“.4

Was Moses tat, verweist auf eine andere, unterschwellige Strömung in unserer Kultur und vielleicht auch in anderen: eine skeptische, ja sogar ablehnende Haltung gegenüber Gold. Die Anbetung des goldenen Kalbes gilt uns als Beispiel einer ungehörigen Verehrung des Reichtums oder des „Mammon“. Im alten Persien ging man einigen Geschichtsschreibern zufolge so weit, Gold in ein Hinrichtungswerkzeug zu verwandeln – der römische Kaiser Valerian, in Gefangenschaft geraten, wurde gezwungen, geschmolzenes Gold zu schlucken.

Diese Ambivalenz gegenüber Gold liegt auch großartigen Hollywood-Produktionen aus jüngerer Zeit zugrunde, etwa „Lust for Gold“ (deutsch „Der Berg des Schreckens“) und „Der Schatz der Sierra Madre“.

Der russische Revolutionsführer Lenin wiederum schlug vor, im Fall eines weltweiten Siegs des Kommunismus die öffentlichen Toiletten in einigen der größten Städte der Welt aus Gold zu errichten – zum Gedenken an die Millionen Opfer des Ersten Weltkriegs, der wegen Gold geführt worden sei.

John Maynard Keynes, einer der großen Ökonomen des 20. Jahrhunderts, betrachtete Gold als „archaisches Relikt“, das nichts mit dem Wert der Währung oder den öffentlichen Finanzen zu tun haben dürfe. Spätestens 1971 hatte sich Keynes‘ Position praktisch durchgesetzt: US-Präsident „Tricky Dick“ Richard Nixon beendet die Golddeckung des US-Dollar und leitete das Zeitalter der freien Wechselkurse ein.

Gold mag seine zentrale Rolle eingebüßt haben; eine Plage ist es nach wie vor. Fast überall auf der Welt, wo Bergwerksunternehmen das so hoch geschätzte Metall aus der Erde holen wollen, treffen sie auf erbitterten Widerstand von betroffenen Gemeinschaften und UmweltschützerInnen. Ob der verbreitete Einsatz giftiger Chemikalien, die Naturzerstörung durch riesige Tagebaubergwerke, die Plünderung wertvoller Wasserressourcen oder die Rücksichtslosigkeit und Korruption, die sich im Gefolge des Booms ausbreiten, alles spricht dafür, dass Gold zu Recht unter Anklage steht.

Es waren die Lyder um ca. 600 v. Chr., in der heutigen Westtürkei, die Gold erstmals nicht bloß zur Dekoration, sondern als Geld verwendeten. Die Nachfrage nach dem Metall stieg über alle Maßen. Die Souveräne waren selbstgefällig genug, um ihre eigenen Abbilder auf die Münzen zu prägen – eine Angewohnheit, die sie bis heute beibehalten haben.

Gold wird heute als dekoratives Element für Bauwerke und Insignien des Staates und religiöser Gemeinschaften verwendet. Es glänzt auf Domen und auf Kuppeln von Parlamenten und Moscheen, schmückt die Kronen und Zepter des Königtums, ziert die Rang- und Ehrenabzeichen des Militärs und dient als Aufputz der meisten offiziellen Rituale – unverzichtbar für die traurige Pracht der Macht.

Wild-West-Kapitalismus. Seinen Reiz verdankt das Gold zum Teil auch den wüsten Geschichten von den rücksichtslosen Piraten und Eroberern, die auf der Suche nach dem glänzenden Objekt der Begierde alles niedermachten, was sich ihnen in den Weg stellte. Diese Abenteuerromantik existiert auch heute – in Gestalt hochriskanter Bergbauprojekte, oft finanziert von verwegenen Hasardeuren auf der Jagd nach dem großen Geld. Die Einsätze sind hoch, und Betrug, Bestechung, Intrige oder Aktienschwindel gehören zum „Geschäftsmodell“ der Branche. Es sind oft kleine Explorationsfirmen, so genannte „Juniors“, die Gold finden; sie haben aber meist zu wenig Kapital, um ein Bergwerksprojekt zu finanzieren. Kein Problem: Die Juniors übertreiben oft die Bedeutung ihrer Funde, um die Aufmerksamkeit der kapitalkräftigen „Majors“ auf sich zu ziehen. Wenn sich letztere dann den erhofften Bieterwettbewerb liefern, klingelt es ordentlich in der Kasse.

In Barren gegossen kann Gold platzsparend gehortet werden.

Mit einem Preis weit über 1.000 US-Dollar die Feinunze verspricht Gold heute extrem lukrative Geschäfte. Als der Umtauschkurs zwischen Gold und den nationalen Währungen noch fixiert war, was vermeintlich den Wert der Währungen sicherte, hielt man das Arrangement für ein Patentrezept zur Vermeidung einer galoppierenden Inflation („Goldstandard“, siehe Kasten S. 28). Für viele in den Notenbanken und in Kreisen konservativer ÖkonomInnen war das ein heiliges Gebot, das um jeden Preis zu befolgen war – und tatsächlich waren sie bereit, den Rest der Gesellschaft in den wirtschaftlichen Abgrund zu stürzen, bloß um die Goldbestände zu sichern. Der „klassische Fall“ war die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre: Not und Elend herrschten, aber doch strichen Regierungen jedwede staatliche Hilfe und weigerten sich, die Wirtschaft anzukurbeln, um ihre „goldgedeckten“ Währungen zu verteidigen. Als Nixon dann mit der Fiktion der Golddeckung des Dollar endgültig aufräumte, hielt sich die Geldentwertung eher in Grenzen. Dafür schoss aber der Goldpreis in den Himmel.

Mit dem aktuellen Preisniveau wird Gold zu einem großen Problem. Selbst entlegene Fundstätten sind nun „wirtschaftlich“, eine ernsthafte Bedrohung für indigene Gemeinschaften von den Anden Südamerikas bis nach Zentralafrika. Zuvor stillgelegte Goldminen gehen weltweit wieder in Betrieb – ob in Kanada, Neuseeland, Spanien, Kalifornien oder Ägypten, in jedem Winkel der Erde werden die schon vernarbten Wunden des Bergbaus neuerlich aufgerissen.

Ein typisches Beispiel ist ein Projekt bei Rosia Montană in Siebenbürgen, Rumänien, das zur größten Goldmine Europas werden könnte. Gold wurde hier schon zu Römerzeiten abgebaut; bis vor wenigen Jahren bestand noch ein kleiner Tagebau. Nach den Plänen des kanadischen Bergbauunternehmens Gabriel Resources soll hier in Zukunft wieder Gold im großen Stil gefördert werden – in Form eines gigantischen Tagebauprojekts, das im Land jedoch auf erbitterten Widerstand stößt. Gefahr droht nicht nur der traditionellen Lebensweise und der landschaftlichen Schönheit der Region, sondern auch der Umwelt: Erst im Jahr 2000 gelangten durch einen Dammbruch im Goldbergwerk Baia Mare in Nordrumänien (in australisch-rumänischem Eigentum) enorme Mengen giftiger Natriumcyanidlauge in die lokalen Flüsse und in der Folge über die Donau bis ins Schwarze Meer – die schwerste Umweltkatastrophe in Europa seit dem Reaktorunglück in Tschernobyl, wie viele meinen. Im Fall von Rosia Montană, versichert Gabriel Resources, könne Derartiges jedoch nicht passieren.5

Kriminelle Versuchungen. Gold und Verbrechen gehören mittlerweile genauso zusammen wie Feuer und Rauch. Ob Bestechung (Türkei und Kolumbien), illegale Preisabsprachen (Barclay’s Bank in London), Betrug (das kanadische Unternehmen Bre-X in Indonesien), Steuerhinterziehung (in Australien und den Philippinen), Fälschung (Verkauf von falschem oder „gepanschtem“ Gold in Hongkong) oder Schmuggel (Indien) – der Goldmarkt ist eine veritable Spielwiese der Wirtschaftskriminalität.

Und es geht nicht bloß um „gewaltlose“ Verbrechen. Es kann ziemlich gewaltsam zugehen, wenn einer unwilligen lokalen Gemeinschaft eine Goldmine aufgezwungen wird. Ebensolches gilt für das Problem, mit lokalen GoldschürferInnen fertig zu werden, die bereits über Konzessionen verfügen oder meinen, dasselbe Recht auf das Gold zu haben wie irgendein ausländischer Bergbaukonzern. All das kann hässliche Formen annehmen.

Manchmal wird die Drecksarbeit von der lokalen Polizei erledigt. Vor kurzem attackierten Sicherheitskräfte TeilnehmerInnen von Protestaktionen gegen den Goldabbau in Skouries in Nordgriechenland; in Guatemala wurde eine Blockade friedlicher DemonstrantInnen bei der Mine El Tambor aufgelöst. Die hohe Zahl solcher Vorfälle ist deprimierend. Natürlich handelt es sich rechtlich gesehen nicht um Verbrechen; schließlich ist hier ja die Polizei am Werk. Oft aber sehen sich die Bergwerksunternehmen gezwungen, der Polizei mit angeworbenen privaten Sicherheitsleuten unter die Arme zu greifen, um ihre Interessen durchzusetzen. Und dabei handelt es sich dann und wann um nicht mehr als einen Haufen lokaler Gangster.

Die Artikel dieses Themas wurden zuerst im Monatsmagazin „New Internationalist“ (Ausgabe 475, September 2014) veröffentlicht. Wir danken den KollegInnen in Groß­britannien für die gute Zusam­menarbeit. Der „New Internatio­nalist“ kann unter der Adresse:
McGowan House
10 Waterside Way
Northampton, NN4 7XD, UK
bezogen werden (Jahresabo 37,85 Pfund); Telefon: 0044/ 1604 251 046). www.newint.org.
Redaktionelle Bearbeitung und Kürzung der Artikel: Irmgard Kirchner. Übersetzung: Robert Poth.

In Papua-Neuguinea etwa wurden Sicherheitsleuten der Goldmine Porgera, einem Joint Venture des kanadischen Bergbaukonzerns Barrick Gold, Gruppenvergewaltigungen vorgeworfen. 170 Frauen aus der lokalen Bevölkerung (Ipili) drohten mit einer Klage. Barrick Gold brachte sie mit einem „Entschädigungspaket“ dazu, eine Vereinbarung über den Verzicht auf den Rechtsweg zu unterzeichnen.6

Eine andere Imagekatastrophe droht Barrick in Zusammenhang mit der Mine North Mara in Tansania an der Grenze zu Kenia. In den letzten drei Jahren wurden 69 illegale GoldschürferInnen von Polizeikräften getötet, die mit dem Schutz des Bergwerks beauftragt waren. Hintergrund ist offenbar Schutzgelderpressung, wie allgemein angenommen wird: Die Opfer wollten oder konnten die Polizei nicht bezahlen. Informeller Bergbau war in der Gegend seit Generationen Tradition, aber mit der Übernahme des Geschäfts durch ausländische Unternehmen wurden diese Aktivitäten „illegal“.

In den Bergwerken Südafrikas wiederum, tief unter der Erdoberfläche, tobt ein virtueller Bürgerkrieg zwischen Kumpeln, die auf eigene Faust schürfen, und den großen Bergbaukonzernen. Sie behaupten, dass die Aktivitäten dieser so genannten „Ghost Miners“ (wegen ihrer grauen Haut, da sie zu lange Zeit unter Tag verbringen) ihnen zehn Prozent ihres Goldes kosten (im Wert von fast einer halben Milliarde Dollar).

Das ist doch alles Schwachsinn. Wir müssen diesen Goldrausch stoppen. Die Menschheit muss lernen, innerhalb der Grenzen der Ökosysteme zu leben. Wir können es uns einfach nicht mehr leisten, überall auf der Welt ein glänzendes Metall von zweifelhafter Nützlichkeit aus dem Boden zu holen, ohne uns um die Folgen zu kümmern. Wir können uns den damit verbundenen Energieverbrauch nicht leisten. Wir können uns das Wasser nicht leisten, das beim Abbau benötigt oder verseucht wird. Wir können uns den Wild-West-Kapitalismus der Bergwerksunternehmen nicht leisten, der so leicht zum Gangstertum degeneriert. Wir brauchen einen anderen Wertmaßstab als Gold – einen Maßstab, der auf reiner Luft, sauberem Wasser und nachhaltigen Einkommen beruht und nicht auf einem Märchenschatz am Ende eines immer trauriger aussehenden Regenbogens. l

Copyright New Internationalist

Richard Swift war früher Redakteur und Mitherausgeber des New Internationalist. Sein letztes Buch: SOS Alternatives to Capitalism, New Internationalist 2014 (newint.org/books/politics/alternatives-to-capitalism).

1) www.gold.org/supply-and-demand/supply

2) numbersleuth.org/worlds-gold

3) David Graeber, Debt, The First 5,000 Years, 2011.

4) Peter Bernstein, The Power of Gold: The History of an Obsession, 2000.

5) Claudia Ciobano, „The revolution begins with Rosia Montană“, 4. September 2013, opendemocracy.net.

6) Mining Watch Canada, „Rape victims must sign away rights to get remedy from Barrick“, 30. Jänner 2013, miningwatch.ca.

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