Globale Lehren aus 1989

Das erdumspannende Umbruchjahr des „Mauerfalls“ hatte auch für den Süden der Welt nachhaltige Folgen.

Von Erhard Stackl

Die Jahreszahl 1989 verbinden die meisten mit dem Fall der Berliner Mauer, dem Ende des Eisernen Vorhangs und mit Michail Gorbatschow, der als Machthaber in Moskau der Auflösung seines Imperiums zusah, ohne die Panzer zu mobilisieren. Die Folgen dieser Wende betrafen die ganze Welt. Gleichzeitig gab es auch andernorts Kämpfe für Freiheit und Demokratie. In Chile beendeten vor 25 Jahren demokratische Wahlen die Militärdiktatur, die das Land ab 1973 unterjocht hatte. Die BrasilianerInnen hatten 1989 erstmals nach 29 Jahren die Möglichkeit, einen Präsidenten zu wählen. Und im afrikanischen Namibia fanden, als Abschluss eines Friedensprozesses, überhaupt zum ersten Mal Wahlen statt.

Ging es den BürgerrechtlerInnen im Osten mehr um die individuelle Freiheit, so hatten die AktivistInnen im Süden, grob gesagt, eher die Gleichheit aller im Sinn.

1989 war aber auch ein Jahr der politischen Gewalt mit tausenden Toten. In Rumänien ging im Dezember das Regime von Nicolae Ceausescu derart blutig zu Ende, dass dagegen die gleichzeitige US-Invasion in Panama verblasste. (Panamas damals gestürzter Staatschef Manuel Noriega sitzt nach wie vor im Gefängnis.)

Schon in der ersten Jahreshälfte hatte es Massaker gegeben: Im Juni wurde auf Pekings Tiananmen der Protest demokratischer StudentInnen niedergeschlagen. Bereits im Februar strömten in der Hauptstadt Venezuelas die Armen zum sogenannten „Caracazo“ ins Zentrum, um gegen die korrupte Regierung zu demonstrieren. Vom damals im Auftrag dieser Regierung begangenen Massaker führt eine direkte Linie zum Aufstieg des Volkstribuns Hugo Chávez, der seinen „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ verwirklichen wollte. Ansonsten schien ein Großteil der Welt eine einzige Wertegemeinschaft mit Mehrparteien-Demokratie und Marktwirtschaft zu werden; die Trennung zwischen „West“, „Ost“ und der „Dritten Welt“ im Süden galt als überwunden. Doch die Euphorie hielt nicht lange. Der Aufstieg des ungezügelten „Raubtier-Kapitalismus“ brachte nach der Jahrtausendwende vor allem Europa ein böses Erwachen.

Afrika, Asien und Lateinamerika waren weniger überrascht, weil es solche Verhältnisse dort schon länger gab: Konzerne, die PolitikerInnen unter Druck setzen, um ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt ihre Interessen durchzuboxen; dazu die wiederkehrenden Finanzkrisen, die der jungen Generation Arbeit und Zukunft nehmen.

Als Gegenmaßnahme setzten populäre ReformpolitikerInnen im Süden, etwa in Brasilien, vermehrt staatliche Mittel für den Kampf gegen die Armut ein, förderten zugleich aber auch die private Wirtschaft.

Jetzt stammen weltweit agierende Großunternehmen auch aus China, Indien oder Mexiko. Sie verhalten sich nicht anders als sonstige Konzerne. Es gibt aber auch starke Gegenbewegungen für eine solidarische Ökonomie, für den Traum vom einfacheren „guten Leben“, der auch im Norden viele AnhängerInnen hat. Als Vermächtnis von 1989 sollten sie eines beherzigen: Dass engagierte Menschen, die sich zahlreich und hartnäckig gegen ein als ungerecht empfundenes System wenden, im historisch passenden Moment durchaus siegen können.

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