Griff nach dem Nil

Die Bevölkerungen von Ägypten und Äthiopien gehören zu den am schnellsten wachsenden der Welt: im letzten halben Jahrhundert erhöhten sie sich von etwa 20 auf heute 80 Millionen Menschen. Der Großteil der Menschen ist für ihr Überleben vom Nilwasser abhängig. Text von Jeroen Kuiper, Fotos von Ronald de Hommel (Ägypten) und Celia Pernot (Äthiopien).

Die Wasserfälle des Blauen Nils 35 km südlich des Tana-Sees.

Vinay Shekar hat ein Problem. Der 28-jährige Inder müsste eigentlich die 11.800 Hektar Land bestellen, die seine Firma Karuturi PLC von der Regierung in Addis Abeba gepachtet hat. Aber es läuft nicht so wie geplant. Die Viehzüchter hier in Bako, einer abgelegenen Gegend sechs Autostunden auf holpriger Piste westlich von der Hauptstadt, haben eine Revolte gegen Karuturi begonnen. „Sie wollen unser Land nicht verlassen, auf dem sie ihre Herden grasen lassen“, meint der Inder erschöpft. „Aber das Land gehört jetzt uns. Wir wollen hier Reis anbauen.“ Shekar wischt den Schweiß aus seinem Gesicht. Es ist heiß in Bako. Die äthiopische Regierung hat dem indischen Unternehmen das Land für 49 Jahre verpachtet. Weiter Richtung Westen, an der Grenze zu Sudan, hat Karuturi sogar 300.000 Hektar Land gepachtet. Es heißt, das Unternehmen zahle weniger als einen US-Dollar pro Hektar pro Jahr.

Seit einigen Jahren kommen ausländische Investoren wie Karuturi in großer Zahl nach Äthiopien. Die Chinesen bauen Straßen, Niederländer züchten Blumen und Gemüse und Inder und Saudis investieren Milliarden in Zuckerrohr-, Mais, Palmöl- und Reisplantagen. Alle brauchen Wasser. Dieses Wasser kommt in Äthiopien hauptsächlich vom Nil. Die äthiopische Regierung hofft mit der Verpachtung von mehreren Millionen Hektar Agrarland mehrere Ziele zu erreichen: ein Wachstum der Nahrungsproduktion, neue Arbeitsplätze und die Entwicklung von abgelegenen Gegenden des Landes.

Auf dem äthiopischen Hochland, in etwa 2.000 Meter Höhe, füllen die jährlichen Monsunregenfälle den Tana-See, der als Quelle des Blauen Nil gilt. Dieser Fluss fließt in der sudanesischen Hauptstadt Khartoum in den Weißen Nil. Kurz vor der sudanesischen Grenze, entlang eines abgelegenen Teils des Blauen Nils, ist eines der umstrittensten Projekte Ostafrikas angesiedelt: der Bau des Grand Renaissance Dam, des größten Wasserkraftwerks in Afrika. „Wir brauchen Strom aus Wasserkraft“, erzählt Tsegaye Abebe, Mitglied des Nationalen Komitees für den Grand Renaissance Dam. Äthiopien leidet unter ständigem Strommangel und -ausfällen. Das Land braucht das Geld aus Stromexporten ins Ausland. Außerdem erhofft sich Äthiopien vom Staudamm eine größere Verfügbarkeit von Wasser für die wachsende Landwirtschaft. Das Land baut momentan nicht nur den Grand Renaissance Dam. Weitere riesige Staudammbauten sind allerdings für ausländische Journalisten unerreichbar.

Der Grand Renaissance Dam soll 2016 fertig sein, erzählt Abebe. Ägypten und Sudan, weiter flussabwärts, sind gegen den Damm. Sie argumentieren mit dem internationalen Nilabkommen von 1929 und 1959. Demnach haben Ägypten und Sudan zusammen Recht auf 80% des Nilwassers. Mit stark wachsender Bevölkerung und wachsender Wirtschaft haben beide Länder einen schnell ansteigenden Energie- und Wasserbedarf. Sie befürchten, dass Äthiopien ihnen das Wasser abgräbt. Äthiopien hingegen betont, dass die die Nilabkommen während der britischen Kolonialzeit verabschiedet worden seien und deswegen keine Gültigkeit mehr hätten. Mittlerweile laufen auf mehreren Ebenen Gespräche zwischen den neun Nilanrainerstaaten über die Verteilung des knappen Nilwassers.

Tausende Kilometer weiter flussabwärts, in der Nähe von Ägyptens Hauptstadt Kairo, erinnert sich Moammed Waeer an die Anfangstage seiner DINA-Farm, die sich in der Wüste zwischen Kairo und Alexandria befindet. „Als wir hier begonnen haben, wohnten wir in Zelten“, erinnert sich Waeer mit einem melancholischen Blick. „Das war vor erst zwanzig Jahren.“ Seitdem hat sich die Wüste zwischen Kairo und Alexandria dramatisch verändert. Die Straße wurde in eine vierspurige Autobahn umgewandelt, Wohnviertel und Industrieanlagen entstanden. Auch die Landwirtschaft in der Gegend entwickelte sich schnell. Und der Bedarf an Nilwasser steigt kontinuierlich. In zwanzig Jahren hat sich die DINA-Farm zu einem der größten Landwirtschaftsbetriebe des Nahen Ostens entwickelt, mit mehr als 7.000 Milchkühen und 10.000 Hektar Agrarland, das mit riesigen Besprühungsanlagen bewässert wird. Die Farm produziert Kartoffeln, Obst, Gemüse und Milchprodukte für den lokalen Markt und für den Export. Für Waeer ist Landwirtschaft in der Wüste sinnvoll. „Die traditionellen Landwirtschaftsflächen im Nildelta werden alle schon genutzt. Wir können nur noch in die Wüste expandieren.“

Frank Boissevain, aus den Niederlanden stammender Wasserberater in Kairo, ist hingegen skeptisch. Schon seit mehreren Jahren arbeitet er im Auftrag des ägyptischen Wasserministeriums. „Die Agrarbetriebe entlang der Desert Road kämpfen mit Wassermangel. Sie warten schon seit Ewigkeiten auf Wasser, das vom Nil hergeführt werden soll, aber die Kanäle sind immer noch nicht fertig. Wahrscheinlich wird es nicht genügend Wasser für alle geben. Die Betriebe pumpen jetzt fossiles Wasser aus der Wüste nach oben. Dieses Wasser erneuert sich nicht. Die Wüstenlandwirtschaft erreicht allmählich ihre Grenzen.“

Boissevain rät, Ägypten solle sich mehr auf Wassersparen konzentrieren. „Das Land liegt jetzt schon unter der UN-Norm für Wasserverfügbarkeit. Alle ÄgypterInnen haben Zugang zu 750 Liter Wasser pro Jahr, während das UN-Minimum bei 1.000 Liter pro Jahr liegt. Viel Wasser wird durch schlecht funktionierende Bewässerungsanlagen verschwendet oder läuft aus kaputten Rohren aus. Es gibt auch viele alternative, effizientere Besprühungsmethoden. Wir sollten das System verbessern.“

Während Äthiopien momentan Staudämme baut, hat Ägypten schon seit den 1960er Jahren seinen eigenen Damm. Damals baute das Land mit sowjetischer Unterstützung den Assuan-Damm im Süden des Landes, um den Nil besser regulieren zu können. Das Problem dabei: Der Damm wurde mitten in der Wüste gebaut. Eine unglaubliche Menge von fast fünfzehn Kubikkilometern Wasser verdampft seitdem jedes Jahr in die ägyptische Wüste. Das ist fast ein Viertel des ganzen Wassers, das in einem Jahr das Niltal hinunterfließt.

Mit dem Bau des Assuandamms konnte Ägypten immer die Wasserführung des Flusses kontrollieren. Die früheren Überflutungen entlang des Flusses gibt es heutzutage nicht mehr. Wenn das Wasser im Nildelta kurz vor der Hafenstadt Alexandria ankommt, ist es schon mehrmals benutzt worden und mit Chemikalien und Düngemitteln verschmutzt.

Der 42-jährige Abdel Geber Regab hat andere Probleme. Regab ist ein einfacher Bauer in Beni Ahmed, einem kleinen Dorf in der Nähe von Kairo, wo er seine Melanzani-Felder bestellt. Jeden Tag fragt er sich, wovon er den Diesel bezahlen soll, den er für seine Pumpe braucht, um Wasser aus 30 Meter Tiefe für seine Felder herauf zu pumpen. Er schaut auf das schnell in nächster Nähe vorbei fließende Nilwasser. Es ist dem Bauern nicht erlaubt, es zu nutzen. „Die Nutzung des Nilwassers ist reguliert“, meint er. „Ich weiß nicht, wie ich weiter machen soll, denn seit der Revolution im vergangenen Jahr ist alles viel teurer geworden.“ Regab hofft, dass er im Alter seinen Betrieb an seine drei Söhne übergeben kann. „Sie werden das Land aufteilen müssen, denn es steht kein anderes Land mehr zur Verfügung hier in der Nähe. Alle fruchtbaren Böden im Niltal sind schon vergeben. Der Rest ist nur Wüste. Meine Söhne werden mit dem Land und dem Wasser, das ich besitze, überleben müssen. Ich hoffe, dass es für sie ausreichen wird. Insha’allah.“

Der holländische Journalist Jeroen Kuiper lebte lange in Venezuela und dann in Deutschland, seit kurzem ist er in Kolumbien ansässig. Der freiberufliche Fotojournalist Ronald de Hommel lebt ebenfalls in Kolumbien, er ist genauso wie die französische Fotografin Celia Pernot Mitglied der Initiative „Disputed Waters“, die gefährdete Ströme in aller Welt porträtiert (www.disputedwaters.com).

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