Ideologische Baustellen

Seit einigen Wochen wird am Kanal durch den Süden Nicaraguas gebaut. Welche Ungereimtheiten es gibt und wieso Eigeninteressen dahinter vermutet werden, analysiert Werner Hörtner.

Der Spatenstich wird zelebriert.

Die für Ende Oktober von der Regierung angekündigte Veröffentlichung mehrerer Machbarkeitsstudien zum nicaraguanisch-chinesischen Megaprojekt fand bis heute nicht statt, der Spatenstich am 22. Dezember wurde dafür mit großem Pomp zelebriert. Präsident Daniel Ortega, früherer Revolutionskommandant der sandinistischen Befreiungsarmee, hatte auf dem Hauptplatz von Managua, dem früheren Revolutionsplatz, eine Party organisiert. „Gott segne den Kanal!“, stand auf den Transparenten zu lesen, und Ortega freute sich über den „großen Triumph“ des Landes, der den Menschen Arbeit und Wohlstand bringen werde. Wenige Wochen vorher war bei Demonstrationen von Kanalbau-GegnerInnen noch der Slogan „Chinesen raus!“ auf den Transparenten zu lesen gewesen.

Die geopolitischen Interessen Chinas, die hinter dem Kanalbau stecken, werden in der nicaraguanischen Öffentlichkeit kaum diskutiert. Obwohl sich die US-Regierung noch nicht offiziell zu dem Projekt geäußert hat, ist klar, dass China dadurch in der mittelamerikanischen Region ein enormes politisches und ökonomisches Gewicht erlangen wird. Der Kanal soll – obwohl der Panamakanal gerade erweitert wird – über eine dreimal so große Kapazität wie dieser verfügen und somit auch weltwirtschaftlich eine bedeutende Rolle spielen.

In der letzten Zeit zeigte auch Russland ein großes Interesse, sich an dem Großprojekt zu beteiligen – sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus geostrategischen Gründen. Moskau hat sogar militärischen Schutz für den Kanalbau angeboten. Emil Dabagyan vom Lateinamerika- Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften frohlockte bereits, dass die USA durch den Bau des Nicaragua-Kanals deutlich an Einfluss in der westlichen Hemisphäre verlieren würden.

Interessant ist auch, dass die Finanzierung, die viele Fragezeichen aufwirft, kein Hindernis zu sein scheint. Rebecca Keller, US-amerikanische Konsulentin, nennt die Finanzierung völlig spekulativ. „Es ist höchst unwahrscheinlich, dass das Projekt von den internationalen Kapitalmärkten Geld bekommt, wenn man berücksichtigt, wie wenig Information es über die Durchführbarkeit des Vorhabens gibt.“

Der Streit um den Kanal macht auch deutlich, wie sehr sich die sandinistische Bewegung entzweit hat. Der weltbekannte Befreiungstheologe, Dichter und ehemalige sandinistische Kulturminister Ernesto Cardenal, der in den 1960er Jahren auf der Insel Solentiname im Nicaragua-See, der vom Kanal durchquert werden soll, eine christliche Kommune aufgebaut hatte, beklagt die Umweltschäden durch den Kanalbau. „Wir werden keine Lebensmittel mehr pflanzen können, sondern wir werden nur mehr Schiffe vorbeiziehen sehen. Mit diesem Kanal wird der Nicaragua- See, der für uns Gott ist, zu einem Fluch.“

Und Cardenals ehemalige Kabinettskollegin, die sandinistische Ex-Kommandantin und Gesundheitsministerin Dora María Tellez, hält den Kanalbau für den größten politischen Irrtum Präsident Daniel Ortegas. Die Oberhoheit der chinesischen Investoren beim Kanalbau – auch wenn sie „nur“ 49 Prozent der Anteile am Baukonsortium halten – ist für sie eine neue Form des Kolonialismus.

Zweifellos werden die ökonomischen und geopolitischen Interessen der Vereinigten Staaten durch dieses Megaprojekt stark beeinträchtigt. Dennoch kam aus Washington bis jetzt noch keine einzige Stellungnahme dazu, was bei vielen BeobachterInnen zu Überraschung oder Unverständnis geführt hat. Es wäre aber möglich, dass das Schweigen aus dem Norden darauf beruht, dass die USA überzeugt sind, das ambitiöse Projekt würde ohnehin gar nie fertig gestellt werden. 

Werner Hörtner ist langjähriger Mitarbeiter des Südwind-Magazins, Lateinamerika-Experte und Solidaritätsaktivist für Nicaragua seit 1978.

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