In der Warteschleife

In Georgien leben Hundertausende, die wegen der Territorialkonflikte seit Anfang der 1990er ihre Heimat verlassen mussten. Gertraud Illmeier hat Menschen besucht, für deren Schicksal und Zukunftsperspektiven sich kaum jemand interessiert.

Unzureichende Infrastruktur, keine Möglichkeit, zu arbeiten: Sieben Jahre sind die Menschen schon in den Flüchtlingsunterkünften bei Shaumiani, die nie als Dauerlösung gedacht waren.

Wir biegen von der Hauptstraße ab und rumpeln über eine harte Piste. Bis zur armenischen Grenze ist es nicht mehr weit. Die Hügel sind von einer spärlichen Grasnarbe bedeckt und wirken staubig. Zu Sowjet-Zeiten gab es in Shaumiani eine Fabrik, die Giftschlangen für medizinische Zwecke züchtete. Als die Sowjetunion zusammenbrach und die Staatsbetriebe aufgegeben wurden, gelangten die Tiere ins Freie. „Jetzt gibt es viele Schlangen in dieser Gegend“, erzählt NGO-Mitarbeiterin Irakli Nadiradze. „Es ist sehr gefährlich.“

Shaumiani ist ein armenisches Dorf in der zu über 80 Prozent von AserbaidschanerInnen bewohnten Gegend rund um die Kleinstadt Marneuli im Süden Georgiens. Ein Blick auf die Landkarte erklärt die komplexen Verhältnisse: Wir befinden uns im Dreiländereck des Südkaukasus, wo Georgien, Armenien und Aserbaidschan zusammentreffen. 800 Familien leben in Shaumiani. In den Löchern in der Hauptstraße sammelt sich Wasser in großen Lacken. Schnelles Fahren wäre auch bei einem medizinischen Notfall nicht möglich.

Noch abgeschiedener, hinter dem Dorf, auf der anderen Seite eines Bachs, stehen Wohnhäuser einer ehemaligen Kaserne. Hier wurden 220 georgische Familien untergebracht, die 2008 aus Südossetien vertrieben wurden. Nana Gambashidze und ihre Familie stammen aus einem Dorf bei Zchinwali, der damals schwer umkämpften Hauptstadt des heute de facto unabhängigen Gebietes, das an das zur Russischen Föderation gehörende Nordossetien angrenzt und sich schon Anfang der 1990er Jahre von Georgien lossagen wollte. Als die Bombardements begannen, mussten sie Hals über Kopf fliehen. „Wir dachten, wir kämen am nächsten Morgen wieder“, erzählt die 37-jährige Nana. Noch heute fragt sie sich, was mit ihren Tieren geschah, die sie angebunden zurückließ.

Dauerhafte Zwischenlösung. Anfangs wurden alle Flüchtlinge in die Hauptstadt Tiflis gebracht, später in eilig aufgebauten Flüchtlingsstädten oder in leer stehenden Gebäuden einquartiert, häufig in abgelegenen Gegenden ohne Infrastruktur und Arbeitsmöglichkeit, wie das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) kritisiert. Nana, ihr Mann und die drei Kinder fanden sich in der Kaserne außerhalb von Shaumiani wieder. Nana hasst den Ort. Hier sei es ungesund, klagt sie. Erwachsene wie Kinder hätten ständig Kopf- und Gelenksschmerzen. Fließwasser gibt es morgens und abends für jeweils eine Stunde. „Wenn wir uns organisieren würden, müssten sie uns einen anderen Platz zum Leben geben“, meint sie. „Aber es gibt unter den Flüchtlingen keine Gemeinschaft, jeder lebt für sich.“

Die Beziehung zu den armenischen DorfbewohnerInnen, als Minderheit selbst sozial und politisch marginalisiert, ist schwierig. Sie sprechen kein Georgisch, da in der Sowjetunion Russisch Amtssprache war und für Minderheiten keine Notwendigkeit bestand, Georgisch zu lernen. Dass die Flüchtlinge anfangs Hilfspakete erhielten, belastete die Beziehungen, erzählt Irakli Nadiradze, dessen NGO Union Beryllus mit den Kindern beider Gruppen arbeitet. „Die Leute aus dem Dorf sind selbst sehr arm.“

In Warteposition. Noch eine Gruppe verfolgte die Hilfe und internationale Aufmerksamkeit für die „neuen“ Flüchtlinge mit gemischten Gefühlen: jene 200.000 Menschen, die schon zwanzig Jahre zuvor aus Südossetien und Abchasien vertrieben worden waren und noch immer entwurzelt unter teils unzumutbaren Bedingungen im Land verstreut leben. Während dieser ganzen Zeit propagierte die Regierung in Tiflis das „Recht auf Rückkehr“, was bedeutete, dass die Leute in Warteposition gehalten wurden und ihre soziale und wirtschaftliche Integration verhindert wurde, wie es in einem UNHCR-Bericht heißt. Für die im Jahr 2008 Vertriebenen in Shaumiani sieht es nicht besser aus.

Nana macht besonders die Isolation zu schaffen: „Wir haben keine Zeitungen und kein Internet. Uns kann man alles erzählen“, äußert sie ihren Unmut. Wenn der Bach im Frühling viel Wasser führt, ist die Siedlung komplett abgeschnitten. Es gibt keine Brücke. Wer irgendwie kann, verlässt den Ort. Nana ist eine starke und kämpferische Frau. „Wir müssen weg von hier, egal, was es kostet“, sagt sie. Die älteste Tochter studiert bereits in Tiflis. An eine Rückkehr glaubt Nana nicht. Es gibt nichts mehr, wohin sie zurückkehren könnten. „Unser Haus wurde zerstört, das haben wir auf Facebook gesehen. Wo es stand, sind nur mehr Felder.“

Sehnsuchtsort in Reichweite. Während Nana Tiflis fest im Blick hat, heißt für Lia Chlachidze der Sehnsuchtsort noch immer Zchinwali, die Hauptstadt Südossetiens. Das knapp 4.000 Quadratkilometer große Gebiet reicht von den Kaukasus-Bergen im Norden fast bis zur Landesmitte Georgiens. Lia wohnt nur zwei Kilometer von ihrer ehemaligen Heimatstadt entfernt, doch sie bleibt unerreichbar. Denn zwischen Ergeneti, wo sie heute lebt, und Zchinwali liegt die Grenze – eine Staatsgrenze aus Sicht der De-facto-Regierung der Republik Südossetien wie auch aus Sicht Moskaus, das das abgespaltene Gebiet unmittelbar nach dem Fünf-Tage-Krieg als Staat anerkannt hat; eine innergeorgische Verwaltungsgrenze aus Sicht von Tiflis und der meisten Staaten der Welt.

Hier war das „Epizentrum des Krieges“, erzählt die ehemalige Lehrerin, die heute für eine NGO tätig ist. Lias Augen füllen sich mit Tränen, wenn sie an das Chaos denkt, das damals über sie hereinbrach und ihr Leben für immer veränderte. Lia führt uns an Häuserruinen vorbei, die schon von der Natur zurückerobert sind. Nach einem kurzen Fußmarsch bleibt sie stehen. Im Unterholz blitzt es metallen. Mehrere Reihen Stacheldraht wurden hier gelegt. Säulen mit militärischen Überwachungsgeräten registrieren jede Bewegung. Als mit dem Bau des Zauns begonnen wurde, gab es einen großen Aufschrei, erzählt Lia, sodass Russland den Bau dieses „eisernen Vorhangs“ stoppte. Doch in den Nächten schiebe er sich langsam weiter vor, glauben die Menschen zu beobachten.

Bessere Zukunft. Tserovani ist das mit rund 7.000 BewohnerInnen größte Vertriebenencamp, das nach 2008 gebaut wurde. Hier sind die Wunden des Krieges weniger tief. Die Menschen stammen aus der nur 30 Kilometer entfernten Stadt Achalgori, wo die Beziehungen zwischen GeorgierInnen und SüdossetInnen schon immer besser waren als in Zchinwali. „Zwischen Georgiern und Osseten gab es Probleme, aber ohne Russland hätten wir sie lösen können. Russland hat sie ausgenützt“, findet Nana Chkareuli von der Organisation „Für eine bessere Zukunft“. GeorgierInnen könnten heute mit von der südossetischen Regierung ausgestellten Passagierscheinen die von russischem Militär bewachte Grenze passieren, Verwandte besuchen und nach ihren Häusern sehen. Während in Zchinwali Krieg geführt und das gesamte georgische Eigentum zerstört worden sei, seien in Achalgori nur zwanzig Häuser georgischer Familien besetzt worden. Weitere tausend stünden leer. Ossetische NachbarInnen würden helfen, dass sie nicht verkommen.

Fast erinnert das Camp an den Vorort einer US-amerikanischen Kleinstadt: 2.000 blassrosa Häuschen reihen sich entlang Dutzender schnurgerader Straßen. Die Nähe zur Hauptstadt Tiflis eröffnet den Vertriebenen Chancen auf Arbeit und Verdienst – wesentliche Voraussetzung für einen Neubeginn. Der Kontakt zu den umliegenden Dörfern ist ganz gut. Die BewohnerInnen kommen nach Tserovani, um Milch und andere Waren zu verkaufen. Ihre Kinder gehen hier zur Schule. Das gibt Nana Chkareuli Hoffnung. Sie betont, wie wichtig es wäre, den Kontakt zwischen den Bevölkerungsgruppen zu fördern. Auf beiden Seiten der Grenze gäbe es Menschen, die dazu bereit wären. Doch die Politik hat andere Interessen. Bislang war es den georgischen NGOs nicht möglich, Projekte mit Partnern aus Südossetien umzusetzen. „Je mehr Zeit vergeht, desto schwerer wird es, wieder einmal zusammen zu leben.“

Gertraud Illmeier betreut für das Interkulturelle Zentrum Projekte zur Inklusion benachteiligter Kinder und Jugendlicher in den Kaukasus-Ländern und arbeitet als freie Journalistin. Im Oktober 2014 besuchte sie Vertriebene in Georgien.

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