Lesestoff: Zum Mitfühlen und Mitnehmen

Rudi Lindorfer, der Buchhändler unseres Vertrauens, empfiehlt für diesen Sommer Bücher über Menschen, die fliehen.

Iman Humaidan: Fünfzig Gramm Paradies. (Lenos, Basel 2017; 267 Seiten, 22,70 €)

Anhand der Lebensläufe dreier Frauen erzählt Iman Humaidan die Geschichte des Libanons im und nach dem Bürgerkrieg (1975- 1990). 1994 kehrt Maja Amir nach zehn Jahren Exil nach Beirut zurück, um einen Dokumentarfilm zu drehen. Bei ihren Recherchen findet sie in einem zerschossenen Haus einen Koffer mit Briefen einer syrischen Journalistin, die vor dem Krieg nach Beirut gekommen ist, um „endlich frei und ohne Zensur schreiben zu können“. Von einer alten Kurdin, die aus der Türkei emigrierte, erfährt Maja Amir, dass die Journalistin vom syrischen Geheimdienst ermordet wurde.

So verschieden die Schicksale der drei Frauen sind, der Grund ihrer jeweiligen Flucht ist einer: Gewalt. Obgleich sie aus verschiedenen Regionen kommen, die Logik der Despoten ist die gleiche. Lesenswert.

Imbolo Mbue: Das geträumte Land. (Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017; 423 Seiten, 22,70 €)

Die Flucht Jende und Neni Jongas aus Kamerun ist die in ein erhofftes besseres Leben. Mit Glück erhält Jende in den USA einen Job als Fahrer bei Clark Edwards, einem leitenden Manager bei Lehman Brothers. Als Neni in den Ferien bei der Familie Edwards als Nanny arbeitet, bekommt sie einen Blick hinter die Kulissen und Einblicke, die sie später auszunutzen weiß. Denn nach dem Zusammenbruch der Bank stehen beide Familien vor dem Abgrund. Die scheinbar heile Welt der Edwards zersplittert, Jongas droht die Abschiebung.

Imbolo Mbue entlarvt die Unsicherheit der Lebensplanung beider Familien. Dabei entgeht sie der Falle eines plakativen Arm-ist-gut und Reich-ist-böse, sieht aber Unterschiede. Und sie weiß um die Herablassung, mit der AfrikanerInnen oft behandelt werden.

Ilija Trojanow: Nach der Flucht. (S. Fischer, Frankfurt am Main 2017; 125 Seiten, 15,50 €)

Ilija Trojanows „Nach der Flucht“ ist ein „Nachdenkbuch“, das seinesgleichen sucht. In einprägsamen, poetischen Sätzen, geordnet von I bis XCIX und retour von 99 bis 1, teilt er mit den LeserInnen seine Gedanken zu seiner eigenen Flucht. Er bezieht Menschen, die flüchten mussten, direkt mit ein. „II.: Nichts an der Flucht ist flüchtig. Sie stülpt sich über das Leben und gibt es nie wieder frei.“ Oder „30.: Die Gefahr ist nicht, dass wir überfremdet werden, sondern dass uns die Fremde ausgeht.“ „Nach der Flucht“ sollte von Staats wegen in jeder Amtsstube aufgelegt und per Aussendung jedem Haushalt empfohlen werden.

Rudi Lindorfer ist Buchhändler bei Südwind Buchwelt in Wien.

Diese Bücher und noch viele mehr sind erhältlich auf: www.suedwind-buchwelt.at

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