Lösung statt Empörung

Wieso manche KinobesucherInnen gerade jetzt nach Ideen für die Zukunft suchen, hat Milena Österreicher anlässlich des Kinostarts von „Zeit für Utopien“ recherchiert.

Ganz real: Petra Wähning betreibt eine solidarische Landwirtschaft und lebt ihre Utopie.© Filmladen Filmverleih

Wie könnte ein anderes, besseres Leben aussehen? An welchen Ideen könnte man sich orientieren? Diese Fragen finden immer wieder ihren Weg auf die Kinoleinwand. Etwa mit dem beliebten Film „Tomorrow: Die Welt ist voller Lösungen“, der 2015 in den Kinos lief. Darin besuchten die beiden französischen Filmemacher Mélanie Laurent und Cyril Dion Alternativprojekte zu den Themenbereichen Landwirtschaft, Energie, Ökonomie, Demokratie und Bildung in zehn Ländern. Und vermitteln die positive Grundstimmung: Es geht auch anders.

„Wir brauchen Utopien in Filmen, gerade jetzt, wo es kälter wird in unserer Gesellschaft“, meint der österreichische Regisseur Kurt Langbein (u.a. „Landraub“, „Die Akte Aluminium“).

Sein Film „Zeit für Utopien: Wir machen es anders“ läuft im April in heimischen Kinos. Die Doku zeigt anhand verschiedener Initiativen, wie auf Basis von Solidarität und Kooperation anders gelebt, gewirtschaftet und konsumiert werden kann.

Alles nur Spielerei? „Utopien sind nur vordergründig Träume, in Wirklichkeit ist es der Gedankenstoff der vergangenen Jahre, man müsste ihn nur umsetzen“, sagt Langbein. „Viele Utopien, die als Träumereien abgetan werden, haben schon einiges bewirkt, nicht zuletzt war es auch bei den Menschenrechten oder beim Kampf um die Frauenrechte so.“

Offenheit gefragt. Wann bzw. bei welchem Publikum funktionieren derartige Filme? „Wenn Menschen ins Kino gehen, erwarten sie meist eine Auszeit für den Kopf oder einen vergnüglichen Abend“, sagt Patrick Holzapfel vom Filmmuseum Wien. „Aber Kino ist auch immer eine Erfahrung von Andersartigkeit, es braucht eine gewisse Offenheit, sich auf Neues einzulassen.“

Im Bezug auf die US-FilmproduzentInnen hätte sich etwas verändert: In den früheren Hollywood-Filmen der 1930er bzw. 1940er Jahre sei eine konkrete Haltung zu globalen Entwicklungen zu spüren gewesen, so Filmexperte Holzapfel, „etwa Filme von Charlie Chaplin oder John Ford“. Die Filme hätten sich verkauft. Holzapfel: „Der Philosoph Jaques Rancière hat einmal gesagt, dass Hollywood sehr gut ist darin, das Ende der Welt zu zeigen, aber nicht mehr, wie wir eigentlich zusammenleben sollten.“

Teil der Lösung sein. Wie so eine Darstellung gelingen könnte, zeigt Langbein mit „Zeit für Utopien“. „Es ging darum, den vielen Initiativen, die sich dem Raubtierkapitalismus entgegensetzen, eine große gemeinsame Erzählung zu geben“, erklärt der Filmemacher.

Eine Protagonistin des Films ist Petra Wähning: „Ich wollte nicht mehr Teil des Problems, sondern Teil der Lösung sein“, beschreibt sie am Anfang des Films ihren Wechsel von der TV-Werbebranche zum eigenen Projekt der „Solidarischen Landwirtschaft“ in Deutschland. Bei diesem Modell investieren KonsumentInnen direkt in einen landwirtschaftlichen Betrieb und werden von diesem mit Lebensmitteln versorgt.

Wie das in großen Dimensionen funktionieren könnte, sieht sich Wähning in Südkorea an. Im Film besucht sie die Kooperative Hansalim. Diese versorgt mittlerweile 1,6 Millionen Menschen mit regionalem Gemüse, Obst, Fisch, Fleisch, Getreide sowie Soja- und Milchprodukten.

„Meine persönliche Utopie ist, dass sich die Mehrheit wieder bewusst wird, welche Bedürfnisse wir wirklich haben: Kooperation, Verantwortung, Freundschaft, Sinn – und wir unser Leben danach ausrichten“, sagt Wähning. „Wir leben zurzeit in einer Empörungswelt, das sieht man auch am aktuellen Rechtsruck. Aber diese Empörungsenergie gestaltet nicht nach vorne.“ Deshalb gebe es laut Wähning besonders jetzt einen Bedarf an utopischen Ideen und Botschaften, auch im Kino. „Keiner kennt die perfekte Lösung, aber wir müssen uns mit den Problemen auseinandersetzen und dürfen nicht beim Klagen bleiben.“

„Zeit für Utopien“ überzeugt durch gekonnte Bildsprache und anschauliche Beispiele. Er vermittelt den Mut der Menschen, die Neues gewagt und dadurch dazugewonnen haben. 

Milena Österreicher ist freie Journalistin und lebt in Wien.

„Zeit für Utopien“ läuft ab 20. April in heimischen Kinos.

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