Sahara: Mehr als Wind, Sand und Sterne

Für überlastete GroßstädterInnen ist die Sahara ein exotischer Sehnsuchtsort. In der Realität ist die Wüste ein extremer Lebensraum mit enorm viel Potenzial – besonders für kreative SpezialistInnen, wie es die Tuareg sind.

Von Anja Fischer

"Ich bin gerne Nomadin“, erklärt Halla. Die Tuareg-Frau lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern in der algerischen Zentralsahara. „Ich war schon in der Stadt Tamanrasset, aber mir gefällt es hier in der Wüste mit den Tieren besser. Dort sind die Frauen immer nur im Haus, und der Fernseher läuft ununterbrochen.“ Halla zieht mit drei weiteren Familien durch das Ahnet-Gebirge, das zu den heißesten Regionen der Sahara zählt. Vor ihrem grünen Leinenzelt bäckt sie zweimal täglich Brot im vorgeheizten Sand. Während sich Halla neben dem Haushalt auch um ihre Ziegenherde kümmert, betreut ihr Mann die Kamele. Die meist in nachtblau gehüllte Frau ist weithin als die Spezialistin für den Bau von Frauenkamelsätteln bekannt. 

Die NomadInnen im Ahnet-Gebirge zählen nicht zur armen Bevölkerung, da sie ihr Kleinvieh in den umliegenden, stetig wachsenden Ortschaften gut verkaufen können. Durch ihr Vieh besitzen sie ein Art lebendes Sparbuch, das sie in Notzeiten gegen Bargeld in den Ortschaften eintauschen können. In den letzten Jahren war dies nicht notwendig, da es  im gesamten Sahararaum nach schweren Dürren in den 1970er und 1980er Jahren wieder zu regelmäßigen Regenfällen kommt.

Ein verschleierter Mann auf einem weißen Kamel, der über eine beige Sanddüne reitet. Dieses Bild erscheint den meisten EuropäerInnen, wenn sie sich die Sahara vorstellen. Jedoch sind nur 20 Prozent der fast neun Millionen Quadratkilometer großen Sahara im Norden Afrikas mit Sand bedeckt. Pechschwarze Geröllebenen oder bizarre Gebirgslandschaften mit bis zu 3.000 Meter hohen Vulkanen prägen den trockenen Lebensraum. In dieser kargen, dennoch abwechslungsreichen Wüstenlandschaft säumen nur wenige robuste Gräser, stachelige Akazien oder Tamarisken die ausgetrockneten Flussbette. Die Sahara zählt zu den artenärmsten Regionen der Erde. Im Sommer können die Temperaturen in der Zentralsahara auf über 55 Grad Celsius steigen und in den Winternächten ist Frost keine Seltenheit.

Diesem klimatischen Wechselbad halten Tierarten wie Gazellen, Mufflons, Wüstenfüchse und auch hochgiftige Vipern und Skorpione stand. Ein geschickter Jäger ist der Goldschakal – er ist der schlimmste Feind der Tiere der Sahara-NomadInnen.

Menschen können mitten in der Wüste leben, indem sie die Produkte ihres Viehs, das mit dürren Gräsern und Büschen als Futter sein Auslangen findet, nutzen. Tuareg-NomadInnen, sie nennen sich selbst Imuhar, Imuschar oder Imascheren, sind hoch spezialisierte ViehzüchterInnen, die mit ihren Herden durch die Sahara und den angrenzenden Sahel ziehen. Neben den Tubu in der östlichen Region und den Mauren im westlichen Teil der Sahara betreiben Tuareg schon seit dem 9. Jahrhundert mobile Viehhaltung in der Wüste. Damals kontrollierten sie den Transsahara-Handel mit Sklaven und Gold, führten aber auch eigene Karawanen mit Salz oder Hirse durch die Wüste.

Diese Vorherrschaft fand ein jähes Ende, als französische Kolonialisten Anfang des 20. Jahrhunderts gewaltsam in die Sahara eindrangen. Sie kappten die alten Handelsrouten, indem sie schnurgerade künstliche Grenzen etablierten. Nach der Kolonialzeit, in den 1960er Jahren, übernahmen die neu gegründeten Nationalstaaten diese Grenzziehung. Die Tuareg wurden so zu einer Minderheit in Mali, Burkina Faso, Niger, Libyen und Algerien.

Am südlichen Ufer der Sahara, dem Sahel, begann sich in den 1970er Jahren die Wüste deutlich auszubreiten. Diese Desertifikation wird dem Klimawandel und unangepasster Landwirtschaft zugeschrieben. Ganze Gebiete im Sahelstreifen zwischen Senegal im Westen und Eritrea im Osten versanden. Der größte Teil der knapp zwei Millionen Tuareg ist heute im malischen und nigrischen Sahel beheimatet, in Staaten, die zu den ärmsten Ländern der Erde zählen. Bevölkerungsgruppen wie Bambara, Fulbe oder Hausa leben auch in dieser dicht besiedelten Region. In den ländlichen Gebieten betreiben die Menschen Landwirtschaft, sie bauen vor allem Hirse an oder züchten Schafe, Ziegen und Kamele.

Die intensive Nutzung des Sahels fördert jedoch eine Verdichtung des Bodens und eine Reduzierung der Biodiversität, das heißt, die Artenvielfalt der Vegetationsdecke nimmt stark ab. So kommt es zum Beispiel in Folge neu errichteter Brunnenanlagen dazu, dass NomadInnen ihre Wanderungen langfristig einstellen. Daraus resultieren eine intensive Abholzung der Bäume für Brennmaterial und eine Überweidung rund um die Wasserstelle. Dies sind Voraussetzungen weiterer Wüstenbildung.

Dem soll die „Große grüne afrikanische Mauer“ entgegenwirken: Das ambitionierte Projekt wird seit 2005 von den Regierungschefs der Sahelstaaten propagiert. Ein 15 km breiter Waldstreifen quer durch Afrika soll das Vordringen der Wüste stoppen. Die Fachwelt befürchtet jedoch, dass der Großteil der teuren Setzlinge von hungrigem Vieh gefressen wird. Bisher wurden vor allem in Senegal Aufforstungen durchgeführt.

Andere ExpertInnen setzen auf kleinteilige angepasste Landwirtschaft in enger Kooperation mit der ansässigen Bevölkerung (siehe auch SWM 4/14, Seite 22).

Gegen alle Prognosen kann man seit den 1980er Jahren einen Klimawandel zum Positiven in der Sahel- und Sahararegion feststellen. Es kommt wieder zu deutlich mehr Niederschlägen im Jahr, sodass die Bevölkerung mittlerweile öfter mit Überschwemmungen zu kämpfen hat, selbst in Ortschaften in der Zentralsahara.

Wie Tamanrasset sind viele Orte und Oasen in der Sahara zu quirligen Städten angewachsen. Um die knappen Arbeitsplätze konkurrieren sesshaft gewordene NomadInnen mit MigrantInnen aus dem Norden und dem Süden von Afrika.

Spuckender Käfer mit weißen Punkten, so heißt in der Sprache der Tuareg die größte Oase in Südalgerien. Die Wüstenstadt Tamanrasset liegt auf 1.400 Meter Seehöhe am Rande des rotbraunen Ahaggar-Gebirges. Mitten in der Stadt verläuft ein ausgetrocknetes Flussbett, durch das mittlerweile einmal im Jahr ein Wasserstrom schießt, der auch zu heftigen Überschwemmungen führen kann. War dieser Ort vor 100 Jahren noch ein kleiner Missionarsposten, so ist Tamanrasset heute zu einer Provinz mit fast 200.000 EinwohnerInnen angewachsen. Die Menschen leben vor allem vom legalen wie auch vom illegalen Im- und Exportgeschäft. Mitten im Tuareg-Gebiet wohnen hier nun zahlreiche AraberInnen aus dem unruhigen Nordalgerien und MigrantInnen aus dem Süden, die viele Arbeitsplätze besetzen. 

Kreative Tuareg haben ihren nomadischen Ursprung quasi zum Beruf gemacht, indem sie TouristInnen quer durch die Sahara führen. In den 1970er Jahren begann der Sahara-Tourismus zu boomen. Noch in der Wintersaison 2002 landeten wöchentlich drei Charterflugzeuge voll mit wüstenhungrigen Menschen auf dem kleinen Flughafen von Tamanrasset. Aber auch EuropäerInnen mit gut ausgerüsteten Geländewagen, sogenannte SelbstfahrerInnen, fanden Gefallen an der Durchquerung des einsamen Wüstenareals.

Seit im Frühjahr 2003 25 deutsche und österreichische SelbstfahrerInnen entführt wurden und es später weitere Entführungen mit Lösegeldforderungen gab, ist der Wüstentourismus zum Erliegen gekommen. Auch die immer wieder aufflammenden Aufstände junger Tuareg-Männer in Mali und Niger, zuletzt im Jahre 2012, unterstützt von skrupellosen islamistischen Extremisten verstärkten die Unsicherheit und verschreckten TouristInnen. Viele Tuareg verloren ihre Arbeit.

Deia steht in ihrer Küche und blickt auf das große Plastik-Gewächshaus im Garten. Sie ist als Nomadin im Norden von Mali aufgewachsen und in den 1980er Jahren wegen der schweren Dürre mit ihrer Familie nach Tamanrasset geflohen. Viele ihrer Verwandten gingen nach der Krise wieder zurück nach Nord-Mali. Deia jedoch hat einen um 20 Jahre älteren Tua-reg geheiratet, der eine große Reiseagentur in Tamanrasset besitzt. Seit der Krise im Tourismus führt er Personentransporte zwischen Niger, Mali und Algerien durch. In seinem Garten hat er auch ein Gewächshaus angelegt, in dem er Tomaten und Salat zum Verkauf auf dem lokalen Markt züchtet.

Eine große chinesische Firma hat eine Pipeline für fossiles Wasser vom nördlich gelegenen In Salah, Algerien, mehr als 500 Kilometer durch die Wüste verlegt. Einige BewohnerInnen der Region haben begonnen, Landwirtschaft zu betreiben.

Deia berichtet auch von anderen neuen Arbeitsfeldern in ihrer Verwandtschaft: „Einer meiner Brüder hat hier eine kleine Limonadenfabrik eröffnet, ein anderer Bruder arbeitet in Libyen in einem großen landwirtschaftlichen Betrieb. Mein Cousin war früher Koch bei Sahara-Rundreisen. Dank seiner guten Kontakte fährt er oft nach Europa und verkauft dort den traditionellen Silberschmuck der Tuareg.“

So suchen nun auch sesshafte Tuareg neue Arbeitsfelder, selbst im Schmuggel oder im Schlepperwesen. Aber auch Sahara-TouristInnen sind flexibel. Sie weichen der derzeit brisanten Lage im Tuareg-Gebiet aus und reisen bevorzugt ins Tibesti-Gebirge in der östlichen Sahara – ins Gebiet der Tubu.

Anpassungsfähig und hoch spezialisiert sind die BewohnerInnen der Sahara. Und mit Hilfe dieser Eigenschaften können sie ihren Lebensraum auch unter sich verändernden Bedingungen nutzen.

Anja Fischer ist freiberufliche Ethnologin und Autorin. Sie hat seit 2002 insgesamt zwei Jahre bei Tuareg-Nomaden in der Sahara gelebt und geforscht. Weitere Infos auf www.imuhar.eu

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