Mein Vater, der Entführer

Wie gegenseitiger Austausch den Töchtern und Söhnen von argentinischen Menschenrechtsverbrechern aus der Zeit der Militärdiktatur dabei hilft, das schwierige Erbe aufzuarbeiten, berichtet Jürgen Vogt.

Die Erinnerungen Erika Lederers an ihre Kindertage wiegen schwer.© Repro: Jürgen Vogt

Am 10. Mai zogen 500.000 Menschen protestierend durch Buenos Aires. Eine Woche zuvor hatte der Oberste Gerichtshof entschieden, dass verurteilten Mördern, Folterern und Kindesräubern unter bestimmten Bedingungen Strafnachlass gewährt werden müsse. 350 Schergen, die wegen Verbrechen während der argentinischen Militärdiktatur zwischen 1976 und 1983 verurteilt worden waren, durften plötzlich hoffen, vorzeitig auf freien Fuß kommen zu können.

Regierung und Kongress lenkten schließlich ein und verabschiedeten ein Gesetz für Ausnahmen: demnach sei der Strafnachlass „nicht anwendbar bei Menschenrechtsverbrechen, Völkermord und Kriegsverbrechen“.

Eine der 500.000 Protestierenden war auch Erika Lederer gewesen. Sie fühlte sich trotz der Massen allein, „denn keine der demonstrierenden Menschenrechtsgruppen repräsentierte mich“, sagt sie und postete auf ihrer Facebook-Seite ihr Unbehagen als Tochter eines Völkermörders. Andere Betroffene schrieben ihr. Anfang Juni wurde ein Treffen organisiert.

Gebrochenes Schweigen. „Historias Desobedientes y con Faltas de Ortografía – Hijos e Hijas de Genocidas“ nennt sich die Gruppe, die sich daraufhin gebildet hat. Auf Deutsch: Rebellische Geschichten mit Rechtschreibfehlern – Söhne und Töchter von Völkermördern. Mittlerweile haben sich schon 40 Betroffene der Gruppe angeschlossen. „Wir erheben unsere Stimme, um den Befehl zu schweigen zu brechen, und schließen uns dem Kampf für die Wahrheit an“, heißt es auf dem Facebook-Profil.

In erster Linie wurde die Gruppe als Forum für Betroffene und den Austausch untereinander gegründet.

„Wir sind Söhne und Töchter von Völkermördern. Das muss mit diesen Worten gesagt werden“, so Lederer. Während der Militärdiktatur war ihr Vater, Ricardo Lederer, Geburtshelfer im Krankenhaus in der nordöstlich von Buenos Aires gelegenen Militärbasis Campo de Mayo. „Rational kann ich mir sagen, dass ich mit seinen Verbrechen nichts zu tun habe. Aber ich trage es in mir.“

Campo de Mayo wurde als geheimes Gefangenen- und Folterlager genutzt, im Krankenhaus zudem eine geheime Entbindungsstation eingerichtet. Schwangere Gefangene mussten dort ihre Kinder zur Welt bringen. Diese wurden ihnen von den Militärs sofort weggenommen, an befreundete Ehepaare weitergereicht oder zur Adoption freigegeben. Jahre später stellte die argentinische Justiz fest, dass es sich um Kindesraub handelte.

Während viele Mütter spurlos verschwunden sind, suchen die Großmütter seit 40 Jahren unermüdlich nach den Enkelkindern. Weil sie seither regelmäßig auf dem Platz vor dem Regierungspalast, Plaza de Mayo, demonstrieren, werden sie „Abuelas“, zu Deutsch Großmütter der Plaza de Mayo genannt. In einer Gendatenbank ist die DNA von Familienangehörigen der Verschwundenen gesammelt. Bis heute konnten die Abuelas 122 EnkelInnen finden.

Uneinsichtige Rechtfertigungen. Nach dem Ende der Diktatur 1983 eröffnete der Vater Lederers eine Praxis und arbeitete als Gerichtsmediziner. 1985 wurde er in der linken Zeitung Página/12 heftig dafür kritisiert, dass er Ramón Camps verteidigt hatte. Dieser war ein Militär, der als Polizeichef während der Diktatur in der Provinz Buenos Aires die Verantwortung für die dortigen geheimen Gefangenen- und Folterlager hatte. Camps wurde 1985 wegen Folter und Mord zu 25 Jahren Haft verurteilt. „Damals fragte ich meinen Alten, ob er jemanden umgebracht hatte.“

Mein Alter, sagt Erika Lederer, als Abgrenzung zum Wort Vater. Ja, das sei ein Krieg gewesen, rechtfertigte er sich.

Lederer hatte damals niemanden, mit dem sie reden konnte. Lange Zeit litt sie unter Bulimie und Anorexie. „Ich habe wochenlang nichts gegessen, und wenn ich dann aß, musste ich mich übergeben, und ich schwöre, es war mein Vater, den ich auskotzte.“

Familiäre Aufarbeitung. Gegen das Schweigen kämpft auch die 54-jährige Liliana Furió an. Sie verwaltet gemeinsam mit Lederer die Facebook-Gruppe. Ihr Vater war während der Diktatur Chef des Militärgeheimdienstes in Mendoza im Westen des Landes. 2012 wurde er wegen zweifachen Mordes und Entführung zu lebenslanger Haft verurteilt.

Selbsthilfe. Heute teilen Liliane Furió und Erika Lederer ihre Geschichten mit immer mehr Betroffenen über Facebook und bei Treffen. © Jürgen Vogt

Furió hatte ihn wieder und wieder gebeten, die Orte zu nennen, an denen die Militärs die Leichen der Ermordeten vergraben haben. „Warum dieses Schweigen?“, fragte sie sich, wo doch alles längst bewiesen sei. Ihr Vater sei ein Paradebeispiel für den frauenfeindlichen, patriarchalen Machismus der Diktatur gewesen: „Sie haben die Frauen nicht nur gefoltert, sie haben sie vergewaltigt und sich dann ihre Babys angeeignet“, sagt sie.

Gott habe ihm vergeben, er bereue nichts, habe ihr der Vater das letzte Mal geschrieben, als sie ihn danach fragte. „Heute ist das nicht mehr möglich, er ist an Demenz erkrankt.“ Der 84-Jährige steht unter Hausarrest. Liliana Furió wurde Filmemacherin und Tanztherapeutin und engagiert sich zudem für die Rechte von homosexuellen Frauen.

Aktivere Behörden. Im Jahr 2005 wurden zwei Amnestiegesetze aufgehoben, die den Verantwortlichen für die Verbrechen Straffreiheit garantierten. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen wurde seither gegen 2.000 Personen ermittelt. 370 Angeklagte wurden zu teilweise hohen Haftstrafen verurteilt, 35 wurden freigesprochen.

Im September 2006 sprach ein Gericht den ehemaligen Polizisten Miguel Etchecolatz für „Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zuge des Völkermords, der zwischen 1976 und 1983 in Argentinien stattfand“ schuldig. Damit kam erstmals der Begriff Völkermord in einer Urteilsbegründung vor.

2012 fanden die Großmütter der Plaza de Mayo einen Mann, der 1978 geboren und seiner Mutter weggenommen wurde. Seine Eltern sind bis heute verschwunden. Seine gefälschte Geburtsurkunde hatte Ricardo Lederer unterschrieben. Einen Tag nach dem Bekantwerden des Falls erschoss er sich. Unter den Militärs gilt der Vater als Held.

„Emotionen für den Vater sind eine Sache, und Gerechtigkeit verlangen ist eine andere“, sagt Erika Lederer heute. Sie arbeitet als Mediatorin in Strafsachen beim Justizministerium, vermittelt zwischen Gefängnisinsassen und ihren Angehörigen.

„Die Gefangenen haben, wie ich, Geschichten, mit denen sie nicht leben können“, sagt sie. „Es ist schwer neu anzufangen. Ich habe mir eine andere Geschichte gebaut.“

Jürgen Vogt lebt seit 2005 in Buenos Aires und ist u.a. Südamerika-Korrespondent der taz.

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