Mit dem Zeichenstift im Frauengefängnis

Wie die pakistanische Graphikdesignerin Nida Shams mithilfe von Comics Häftlingen hilft, erzählte sie Ralf Leonhard.

Im März war die Comics-Trainerin Nida Shams auf Einladung der Dreikönigsaktion in Wien.© Ralf Leonhard

"Tolerance“ heißt ein Buch, das Nida Shams herausgebracht hat. Der Name ist Programm. Der gelernten Graphikdesignerin ist es damit gelungen, Cartoons von hinduistischen, muslimischen und christlichen Frauen aus einem dreitägigen Workshop zwischen zwei Buchdeckel zu bringen. Und siehe da: die gemeinsamen Herausforderungen und Anliegen waren bei Weitem bedeutender als die religiösen Differenzen.

Grassroots Comics nennt sich diese Methode, bei der auch Menschen mit geringer oder keiner Schulbildung lernen, ihre Nöte in einfachen Cartoons auszudrücken. Die 34-jährige Nida Shams wuchs als Tochter eines Menschenrechtsaktivisten in Pakistan auf. Von dort hin zu einem Einsatz für unterdrückte und ausgegrenzte Minderheiten war es nur ein weiterer Schritt.

Bei einer Konferenz über Gewalt gegen Frauen, die vor zehn Jahren in der sri-lankischen Hauptstadt Colombo stattfand, wurde Nida Shams mit der Idee des Grassroots Cartoons-Netzwerkes bekannt – und fing sofort Feuer. „Immer wenn ich religiöse Intoleranz beobachte oder einen Fall von Diskriminierung sehe, werde ich sehr wütend“, begründet sie ihr Engagement.

Grassroots Comics wurden vor 20 Jahren in Indien entwickelt. Dort, wo Menschen gar nicht oder keine längeren Texte lesen können, kamen Comic Strips zur Vermittlung lokaler Probleme zum Einsatz. Inzwischen gibt es mehr als 10.000 Trainerinnen und Trainer dieser Vermittlungsarbeit allein in Südasien.

Nida Shams baute das pakistanische Grassroots Cartoons-Büro auf und hat selbst seither unzählige Workshops geleitet. Dass sie als Werbegraphikerin viel mehr Geld verdienen könnte, ist ihr egal: „Jetzt kann ich mich mit meiner Arbeit identifizieren.“

Ausdrucksmittel. Sara wird an ihrem ersten Tag im Gefängnis direkt von der medizinischen Untersuchung zum Putzdienst auf dem Hof eingeteilt. Am folgenden Tag muss sie die Klos und Waschräume säubern. Sie fragt sich, ob jeder Tag in Haft so anstrengend sein wird. Diese Geschichte, auch festgehalten in vier Comic-Bildern (siehe rechts), stammt aus dem Frauengefängnis in Karachi. Nida Shams zeichnete hier über zwei Monate hinweg jeden Tag drei bis vier Stunden lang mit Insassinnen, die wegen Mord, Entführung oder Drogenhandel im Gefängnis sitzen. „Sie haben ihre eigenen Fälle dargestellt, die Verhältnisse in der Haftanstalt und ihre Gespräche mit den Anwälten.“ Dabei seien Dinge herausgekommen, die sie nicht einmal ihren Verteidigern anvertraut hatten. Nida Shams erzählt mit großer Begeisterung von diesen Erfahrungen, aus denen auch ein Buch entstanden ist.

Alltag im Frauengefängnis in Karachi. Mit ihren Zeichnungen stellen die Insassinnen dar, wie sie ihren Aufenthalt dort erleben.

Neben ihrer Arbeit im Gefängnis macht Nida Workshops in marginalisierten Gemeinden, bei Minderheiten und anderen Gruppen, die sonst kaum gehört werden. „Die Kursteilnehmerinnen verlieren sehr schnell ihre Zweifel.“ Anfangs würden viele glauben, sie könnten keine Comics zeichnen. Es gehe nicht um künstlerische Qualität, sondern um die Möglichkeit, sich zu artikulieren und die eigenen Probleme zur Diskussion zu stellen. Selbst das islamische Bilderverbot hindere die Frauen, die ihre Workshops besuchen, nicht, sich in Bildersprache auszudrücken.

Obwohl auch heikle Themen, etwa in Konfliktregionen, angesprochen würden, habe es in all der Zeit nie negative Reaktionen gegeben. Vielmehr führe die Beschäftigung mit dem jeweiligen Problem bei vielen zum Hinterfragen der eigenen Positionen.

Nida Shams hat das bei jungen Männern und dem Thema Frauenrechte beobachtet. Dass sie selbst ihre langen schwarzen Haare unverhüllt trägt, habe ihr nie geschadet.

Noch ein Vorteil der Comic-Methode: Zeichnen ist extrem niederschwellig, und billig. Außer Papier und Bleistifte braucht man nur einen Kopierer. Den gibt es in Pakistan selbst in kleinen Gemeinden im Copyshop.

Ralf Leonhard ist seit über 30 Jahren freier Mitarbeiter des Südwind-Magazins und lebt in Wien.

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