Mit Mut und Federkrone

Ládio Veron, einer der wichtigsten Vertreter der Guarani-Kaiowá in Brasilien, machte auf seiner langen Reise durch Europa im Mai Halt in Wien. Christina Schröder hat ihn getroffen.

© Christina Schröder

Ládio Veron ist auf Tour. Seit zwei Monaten schon reist er durch Europa, 13 Länder – von Spanien bis England, von Österreich bis Belgien, knapp 80 Städte. Unermüdlich spricht er über sein Volk, die Guarani-Kaiowá, und dessen Kampf ums Überleben. Das ist seine Mission. Die Erschöpfung ist ihm anzusehen.

Immer mit dabei hat er eine 30 Jahre alte Federkrone. Nur mit ihr will er fotografiert werden. Sie wurde von den religiösen Autoritäten seines Volkes geweiht, er wurde ausgewählt nach Europa zu fahren, um solidarische Unterstützung zu finden, und zu recherchieren: Wer sind die Konzerne, Banken und andere Investoren in Europa, die mit Unterstützung der brasilianischen Regierung Geschäfte auf dem Rücken der Indigenen machen? Er will wissen, wer davon profitiert, wenn die Guarani-Kaiowá von ihrem Land vertrieben und ermordet werden.

Sein Volk lebt seit Jahrhunderten im Südwesten Brasiliens, wurde missioniert, in den 1950er Jahren von der Regierung in kleine Reservate gesteckt oder zwangsumgesiedelt und von den Großgrundbesitzern gezwungen, auf Plantagen zu arbeiten, die auf ihrem Land gebaut wurden. Zählte man in Brasilien 1953 noch drei Millionen Guarani-Kaiowá, die überwiegend im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul lebten, sind es heute nur noch 45.000.

Seit den späten 1980er Jahren hätten ihnen per Verfassung Teile jenes Landes zugesprochen werden sollen, das ursprünglich ihr Territorium war. Aber keine Regierung hat sich seither für die Guarani-Kaiowá eingese tzt, ganz im Gegenteil. „Wir sterben durch Kugeln, Schläge, werden überfahren, mit Chemikalien und Pestiziden aus der Luft besprüht und vergiftet. Es herrscht Immunität für die Täter“, klagt Veron an.

Monokulturen statt Wald. Das Land der Indigenen wird an multinationale Unternehmen vergeben, die Soja, Zuckerrohr und andere Nutzpflanzen in Monokulturen anbauen oder zu Weideland machen, wo die Guarani-Kaiowá einst lebten – in dichten Wäldern. Nur mehr der Name erinnert an ihren ursprünglichen Lebensraum, denn „Kaiowá“ bedeutet auf ihre Sprache, dem Guarani, „Waldvolk“.

18 Jahre seines Lebens war Veron Lehrer für Guarani – er selbst durfte in seiner Schule in den 1970ern seine Muttersprache nicht sprechen. „Wir wurden schon damals diskriminiert“, erzählt der 50-Jährige, der heute Großvater ist. Zwei seiner eigenen Kinder wurden Lehrer, die Guarani lehren.

Damals, in seiner Schulzeit, besuchten nur er und drei weitere Kinder von den 42 Kindern in seiner Klasse dann die Mittelschule. Alle anderen mussten auf den Plantagen der Großgrundbesitzer arbeiten.

Sein Vater, Marco Veron, ließ sich die Ausbeutung und Unterdrückung aber nicht gefallen. Er versuchte gemeinsam mit Anderen Land kollektiv zu bewirtschaften und die Menschen zu organisieren. Er wurde zum Kaziken – zum Anführer – ernannt. 2001 reiste er als solcher nach Europa, um die Unterdrückung der Guarani aufzuzeigen. Zwei Jahre später wurden er und vier seiner Söhne ermordet – die Verbrechen blieben ungesühnt.

Furchtloser Kampf. Es sind auch heute paramilitärische Gruppen, die im Auftrag der Agro-Unternehmen die Guarani unterdrücken und auch vor Morden nicht Halt machen. Bevor er starb, habe ihm sein Vater gebeten, den Kampf ums Überleben des Volkes weiterzuführen, erzählt Veron. So übernahm er die Rolle des Kaziken und ist als solcher nun ebenso in Europa unterwegs.

Er freue sich aufs Heimkommen – auf sein Dorf, seine Enkelkinder, von denen er Handy-Fotos zeigt. Sie lachen in die Kamera.

Ládio Veron ist um die Zukunft der Enkel besorgt. Auf dem Handy verfolgt er auf seiner Reise in Europa ständig die Nachrichten zur angespannten politischen Situation in Brasilien. Im Zuge eines gewaltigen Korruptionsskandals kam es zuletzt immer wieder zu Protesten. Die DemonstrantInnen fordern u.a. den Rücktritt von Präsident Michel Temer. Die Rechte der Indigenen werden unter seiner Regierung stark verletzt. Veron meint, dass es sogar zu einem Bürgerkrieg kommen könnte.

Die Guarani-Kaiowá kennen, so Veron, kaum „ruhige“ Momente, sie leben auch in friedlichen Zeiten in Anspannung. „Aber“, so stellt Veron klar, „ich selbst habe keine Angst um mein Leben, selbst wenn es wegen meines Engagements in Gefahr sein mag. Mir geht es um das Überleben meines Volkes, unser Widerstand wird weitergehen“.

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