Nachwachsende Fahrräder

Eine Gruppe junger Bastler und ihre KundInnen entkommen den Verkehrsstaus in Peking, auf Bikes aus Bambus. Markus Wanzeck berichtet.

Nicht von der Stange: Jedes Fahrrad von „Bamboo Bicycles Beijing“ ist schon aufgrund der natürlichen Beschaffenheit des Holzes einzigartig. Die Räder werden von den späteren BesitzerInnen mitangefertigt.© Bamboo Bikers Beijing

Peking ist heutzutage eher wegen des Smogs als wegen seiner RadlerInnen bekannt. Millionen Menschen stehen Tag für Tag mit ihren Autos im stickigen Stau. Entweder man ärgert sich darüber, oder man versucht, etwas zu ändern, zumindest ein bisschen. So wie Claudio Rebuzzi.

Später Nachmittag, es klopft an der Tür. Rebuzzi, 29 Jahre alt und Mitinhaber der wohl außergewöhnlichsten Fahrradwerkstatt Pekings, springt auf und begrüßt den Kunden: Der Student möchte sein Fahrrad abholen. Es ist ein Bambusrad. Den Rahmen hat der Kunde vor zwei Wochen selbst gebaut. Rebuzzi hat die Räder, den Sattel, den Lenker montiert. Nun ist es Zeit für die Probefahrt.

Als er von seiner Jungfernfahrt zurückkommt, grinst der Neo-Bambusradler wie nach einer adrenalinreichen Achterbahnfahrt. „Heutzutage kauft man alles“, sagt er. „Das einzige, was die Leute noch selbst zusammenbauen, sind Ikea-Regale.“ Er streicht stolz über sein Gefährt. „Das hier habe ich allein gemacht.“

Unikat. Kein Bambusrad ist wie das andere. Nicht in der Form. Nicht in der Farbe. Nicht im Gewicht. Eineinhalb bis zwei Kilogramm wiegt ein Rahmen aus Bambusrohren, zehn bis elf Kilogramm das komplette Rad. „So leicht wie Aluminium“, sagt Rebuzzi. „Und was die Dämpfung angeht, können es unsere Räder locker mit denen aus Stahl aufnehmen.“

Der wichtigste Rohstoff dieses Fahrrads wächst in der Provinz Zhejiang, südlich von Schanghai: Phyllostachys reticulata ist der botanische Namen des „Großen Holz-Bambus“. Er lässt sich leicht verarbeiten. Ein durchschnittlicher Werkzeugkasten ist alles, was man braucht.

Und ein bisschen Platz. Kaum länger als eine Autogarage ist die Werkstatt von „Bamboo Bicycles Beijing“, kurz BBB, und auch nicht viel breiter. Um sich darin überhaupt bewegen zu können, schafft Claudio Rebuzzi jeden Morgen als erstes die schon fertig montierten Fahrräder hinaus in die Gasse.

Ein Bambus-Rad nach dem anderen wird in der kleinen Werkstatt montiert. Gut, dass der Rohstoff für die Rahmen schnell nachwächst. Die Nachfrage nach den Rädern ist ungebrochen.© Markus Wanzeck

Vor 30 Jahren war Peking eine Fahrradstadt: Die langen, flachen Straßen glichen einem endlosen Fluss aus RadlerInnen, Fortbewegungsmittel der Wahl waren die Ein-Gang-Velos der Marke „Fliegende Taube“. Nur wenige konnten sich ein Auto leisten. Noch um die Jahrtausendwende waren in der Stadt rund zehn Millionen Räder registriert. Doch mit dem rasanten Wohlstandsaufschwung wurden sie links liegen gelassen. Heute verstopfen sechs Millionen Autos den Verkehrsfluss, die Stadtregierung versucht, der Blechlawine und dem Smog mit Zulassungsbeschränkungen zu begegnen.

Gegenentwurf. Eigentlich spricht wenig dafür, sich hier ein Auto zuzulegen. „Doch junge chinesische Männer haben zwei große Wünsche“, erklärt Rebuzzi. „Eine eigene Wohnung. Und ein eigenes Auto.“

BBB ist ein kleiner Gegenentwurf zu den großen Gestaltungskräften, die Peking zu dem gemacht haben, was es heute ist – und die die Fahrräder auf den Randstreifen der Geschichte drängten, wo sie vor sich hinrosteten. Es waren jene Überreste des Radzeitalters, die das Projekt BBB zum Leben erweckten: ausrangierte Räder. David Chin-Fei Wang, ein junger chinesischstämmiger US-Amerikaner, der seit einigen Jahren in Peking lebte, sammelte sie auf den Gehsteigen ein – und setzte sie neu zusammen, zu fahrtüchtigen Bikes.

Einmal, als Wang ein Alu-Gerippe mit besonders dickem Radgestänge aufsammelte, drängte sich ihm ein Vergleich auf: Wie ähnlich diese Rohre doch dem Bambus vor dem benachbarten Tempel sahen! Warum nicht ein Fahrrad aus Bambus bauen? Bald darauf strampelte Wang auf seinem ersten selbstgebastelten Bambusrad durch Peking. Und er wollte das, was er ersonnen hatte, mit möglichst vielen teilen. Seine Idee: Bambusrad-Workshops, in denen die TeilnehmerInnen ihre Räder selbst bauen. Wang fand MitstreiterInnen.

Im April 2014 stellte das Grüppchen die BBB-Idee auf einer Crowdfunding-Internetplattform vor. Keine drei Wochen später war die selbstgesetzte Hürde genommen: 112 UnterstützerInnen hatten 15.000 US-Dollar gespendet, für die Ausstattung einer Werkstatt und das Material der ersten 25 Bambusräder.

An einer der BBB-Werkbänke steht Rebuzzis Kollege Luo Mingning, 23, den sie alle nur Mowgli nennen, seit er die Haare einmal schulterlang trug wie die Hauptfigur in Disneys Dschungelbuch-Zeichentrickfilm. Bevor Mowgli zu BBB kam, hatte er Ozeanologie studiert. Das war ihm aber schließlich zu theoretisch. Nach seinem Abschluss jobbte er. Eines Tages stand er in einem Fahrradladen. Er fragte spontan, ob er ein paar Tage mitarbeiten dürfte. Er blieb, bis Ende 2014, als David Chin-Fei Wang den Laden betrat, weil er Hilfe brauchte – beim Bambusradbauen.

Hunderte Räder später. Im April 2017, am dritten Geburtstag der Pekinger Bambusrad-Manufaktur, waren bereits mehr als 400 verkauft. Viele Dutzend Workshops waren in Peking durchgeführt, dazu Partnerprojekte in Schanghai, Hongkong, Guangzhou, auch in Laos und in den USA. Die Pekinger Workshop-TeilnehmerInnen sind je zur Hälfte Einheimische und Iaowài, Ausländer, schätzt Rebuzzi.

2014 war er seiner Freundin aus Südafrika nach Peking gefolgt. Er schrieb damals für ein Fahrradmagazin. Als er von BBB hörte, verabredete er sich mit Wang. Doch statt über BBB zu schreiben, wurde Rebuzzi Teil des Teams. Ihm ging es damals wie allen: „Wenn die Leute zum ersten Mal ein Bambusrad sehen“, erzählt er, „können sie es gar nicht fassen, dass es tatsächlich nur aus Bambus ist.“ So fragil sieht es aus, so stabil ist es.

Fahrrad-Renaissance. Auch die wachsende Nachfrage ist stabil. 2017, im dritten Jahr von BBB, läuft das Geschäft besser denn je. In der günstigsten Variante kostet das Bambusrad 2.700 Yuan (ca. 350 Euro). Relativ teuer im Vergleich zu den Ein-Gang-Rädern, die bis vor ein paar Jahren so zahlreich durch Peking fuhren und etwa 30 bis 50 Euro kosteten. Verglichen mit den Volkswagen, Audis und BMWs, die heute Pekings Straßenbild prägen, und Bambusrad-Anbietern in Europa ist der Preis eher moderat. Der österreichische Anbieter „Bambooride“ etwa veranschlagt allein für den Rahmen, der ebenfalls in einem Workshop selbst hergestellt wird, 660 Euro.

Inzwischen liegt BBB voll im Trend einer großen Rad-Renaissance. Pünktlich zum 200. Geburtstag des Fahrrades werden die Straßen Pekings von einer Fahrradflotte in Gelb, Orange und Hellblau erobert: Die Zahl der Leihfahrräder hat sich seit 2014 von 25.000 auf eine Million erhöht. Gebucht werden sie per Smartphone-App. Elf Millionen NutzerInnen haben sich bereits registriert. Peking könnte, wenn der Smog sich gelichtet hat, als Fahrradhauptstadt auferstehen.

Markus Wanzeck ist Reporter und Redakteur bei der Agentur Zeitenspiegel. Seine Recherchereisen führen ihn regelmäßig nach Asien und Afrika.

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