Nomadentum auf holprigen Wegen

Nach fünf Jahren als österreichische Botschafterin in der Mongolei zieht Irene Giner-Reichl eine Bilanz über die Entwicklung im zentralasiatischen Land.

„Deel“ heißt das traditionelle blaue Gewand der NomadInnen. An der Politik liegt es, einen Weg zu finden, der ihnen ein wirtschaftliches Überleben in Einklang mit der Natur sichert.© Eleanor Scriven / robertharding / picturedesk.com

Das Buch „Mongolia – Nomadic by Nature“ war es, das mir die Umweltministerin Oyunkhorol bei meinem Abschiedsbesuch als Botschafterin in der Mongolei im Juni 2017 überreichte. Sie war an jenem Tag sehr bedrückt, weil ausgedehnte Waldbrände große Schäden im ausgedörrten Land verursachten, das immer noch auf Frühlingsregen wartete.

„Jede Mongolin, jeder Mongole, hier oder im Ausland, ist ein stolzer, moderner Nomade“, heißt es im Buch. Auch im jüngsten Kampf um das Präsidentenamt war das Nomadentum ein Thema. Alle Kandidaten unterstrichen ihr Mongol-Sein mit Patriotismus und Auftritten in traditioneller Gewandung, dem wadenlangen mantelähnlichen, breitgegürteten „deel“. Die mongolische Volkspartei vermittelte ihre Botschaften mit dem Bild des Nomadenzeltes, dem so genannten „ger“.

Überraschende Wahlen. Am 7. Juli überraschten die MongolInnen bei der Wahl ihres Präsidenten. Zuerst hatte es der favorisierte Kandidat der regierenden Volkspartei, Enkhbold, nur mit knapper Not in die Stichwahl geschafft, nur um dann von seinem Konkurrenten Battulga von der Demokratischen Partei geschlagen zu werden.

Eine große Anzahl ungültiger Stimmen zeigt, wie unglücklich die WählerInnen mit den Optionen der Stichwahl waren. In den nächsten vier Jahren werden nun die Volkspartei, die den Premierminister stellt und die Mehrheit im Parlament hat, und der Präsident, der aus der Demokratischen Partei kommt, zusammenarbeiten.

Hürde Schuldenberg. Das wird Herausforderungen bringen: Die Mongolei kämpft mit einem großen Schuldenberg. Die Regierung hatte zuletzt für die Gewährung eines Hilfspakets des Internationalen Währungsfonds budgetäre Disziplin und Finanzreformen im Sinne der liberalen IWF-Politik versprechen müssen. Battulga wiederum hatte im Wahlkampf gefordert, dass die MongolInnen wieder mehr Kontrolle über ihre Bodenschätze erringen sollten und internationale Investoren, etwa der multinationale Bergbau-Konzern Rio Tinto, dem Land bessere Konditionen geben müssten.

Hohe Umweltbelastung. Im Zentrum des Nomadentums steht die Harmonie mit der Natur. Die Stiefel der NomadInnen etwa haben weiche, abgerundete Sohlen, um schonender mit Sprösslingen umzugehen. Wenn Kamele ein Junges nicht annehmen, werden alte rituelle Lieder gesungen, um die Herzen der Muttertiere zu rühren. Der traditionelle Kehlgesang ahmt die Geräusche der umgebenden Natur nach, das Singen der Berge, die Geräusche von Wind und Wasser, die Laute der Vögel und anderer Tiere, und beschwört die Einheit von Mensch und Natur.

Der ökologische Fußabdruck der Mongolei freilich ist der achtschlechteste weltweit. Dafür ist neben der Energiegewinnung durch Kohlekraftwerke auch die Weidewirtschaft verantwortlich.

Die Weideländer umfassen rund 80 Prozent der Fläche des Landes; an die 170.000 Nomaden-Familien halten an die 45 Millionen Tiere, Pferde, Rinder, Kamele, Schafe und immer mehr Ziegen. In einem Jahr kommen fast 20 Millionen Jungtiere zur Welt, in etwa die gleiche Anzahl Tiere wird geschlachtet oder fällt der harschen Natur zum Opfer. Das sind zu viele Tiere, gemessen an der ökologischen Tragfähigkeit des Weidelandes. Aus wirtschaftlicher Sicht versuchen auch zu viele Menschen davon zu leben.

Mehr als 70 Prozent des Weidelandes sind durch Überweidung oder extreme Wetter-Ereignisse beeinträchtigt. Der Klimawandel äußert sich in der Mongolei besonders drastisch – mit Temperaturveränderungen, die weit über dem globalen Mittel liegen.

Weideland im Fokus. Problematisch ist vor allem die Nutzung des Landes. De facto besteht in der Mongolei eine Situation des freien Zugangs zu Weideland. Eine kleine Anzahl von NomadInnen besitzt große Herden und nützt das Weideland extensiv. Viele der Nomaden-Familien haben jedoch so kleine Herden, dass sie nicht mehr als das blanke Überleben erwirtschaften können. Lediglich elf Prozent der NomadInnen verfügen über monetäre Ersparnisse.

Und: Was für TouristInnen – und in mongolischen Wahlbroschüren – als grenzenlose Freiheit romantisiert wird, steht heute nicht zuletzt für eine Tragödie. Das Gemeingut Weideland wird von allen genutzt, während niemand darauf achtet, dass etwa die Brunnen instand gehalten werden oder sich die Weiden durch Ruhezeiten regenieren können.

Nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion wurde die zentralistisch gesteuerte Weidewirtschaft abgeschafft. Neue Verwaltungssysteme für die Benützung der Weiden sind im Entstehen, funktionieren aber noch nicht effektiv.

Dazu kommt, dass Tierseuchen weitverbreitet sind, was die Fleischexport-Möglichkeiten beschränkt. Die tierischen Produkte weisen relativ niedrige Qualität auf und können somit auch keine attraktiven Verkaufspreise im Ausland erzielen.

Bei allen Gesprächen, die ich als österreichische Botschafterin führte, wurde ich immer wieder gefragt, ob Österreich nicht bei der Verbesserung der tierärztlichen Betreuung und beim Aufbau von Handwerksbetrieben zur Verarbeitung von tierischen Produkten wie etwa Käsereien mithelfen könnte.

Die Zukunft der Weidewirtschaft, von dem ca. ein Drittel der Bevölkerung direkt abhängt, ist also alles andere als rosig, die Politik hat Handlungsbedarf. Zwar konnten hunderttausende MongolInnen durch die Entwicklungspolitik der vergangenen Jahre die Armut hinter sich lassen. Die Mongolei gilt nun als Land mit hoher menschlicher Entwicklung: Der Human Development Report 2016 führt die sie an 92. Stelle des globalen Rankings, von 188.

Aufholbedarf gibt es aber in den ländlichen Gebieten: Besonders KleinnomadInnen, Haushalte, denen Frauen vorstehen sowie Haushalte mit vier oder mehr Kindern sind immer noch sehr armutsgefährdet. Der Anteil der ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung am nationalen Einkommen stagniert. Laut Weltbank lag er 2000 bei 7,5 Prozent, 2010 bei 7,8 und 2016 bei 8,1 Prozent.

Priorität Nachhaltigkeit. Im aktuellen Länderprogramm der Vereinten Nationen für die Mongolei wird nun die Förderung von inklusivem und nachhaltigem Wachstum und das nachhaltige Management von Naturgütern als erste von drei Prioritäten genannt. Die aktuelle mongolische Entwicklungsvision der Regierung formuliert als eines ihrer ambitionierten Ziele, dass es die Mongolei bis 2030 unter die ersten dreißig Länder im Ranking des Global Green Economy Index (GGEI) schafft (derzeit liegt das Land auf Rang 67 von 80).

Den vielen stolzen und herzlichen MongolInnen, die ich kennenlernen durfte, wünsche ich, dass es ihnen gelingen möge, die Weite der Naturlandschaften, den Rohstoffreichtum, und die Begabungen ihrer Bevölkerung auch tatsächlich in inklusive und nachhaltige Entwicklung zu verwandeln.

Irene Giner-Reichl ist Expertin für Nachhaltige Entwicklung. Von 2012 bis Mitte 2017 war sie die österreichische Botschafterin in der Mongolei, mit Sitz in Peking.

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