Norden ohne Ruhe

Von Katrin Gänsler · · 2013/12

Eine Armee-Offensive gegen Boko Haram in Nordnigeria bringt neue Probleme.

Einmal sind es ein gutes Dutzend, dann mehr als 100 Anhänger der Terrorgruppe Boko Haram (übersetzt „Westliche Bildung ist Sünde“), die das nigerianische Militär tötet. General Ibrahim Attahiru, Sprecher der Armee, ist überzeugt: „Unsere Bemühungen laufen weiter und wir haben Erfolge.“

Die Einsätze sind durch die Verhängung des Ausnahmezustands möglich gemacht worden, der seit Mitte Mai in den drei Nord-Bundesstaaten Yobe, Adamawa und Borno herrscht. Ziel ist es dabei, im großen Stil gegen die Terroristen vorzugehen und ihre Camps aufzuspüren.

Durch die Maßnahmen konnte die Regierung eines erreichen: Die großen Städte des Nordens gelten als sicherer. Die Angriffe auf Polizeistationen oder Militäreinrichtungen sind in den vergangenen Wochen ausgeblieben. Waren können wieder angeliefert werden, und die Märkte sind geöffnet.

In Maiduguri, Hauptstadt des Staates Borno, ist neben dem Militär auch die sogenannte zivile Joint Task Force (JTF) am Kampf gegen Boko Haram beteiligt. Dabei handelt es sich um eine Art Bürgerwehr aus jungen Leuten, die auf eigene Faust nach mutmaßlichen Islamisten suchen. Dadurch riskieren sie häufig ihr Leben, andererseits üben sie Selbstjustiz: „Sie fackeln nicht lange, wenn sie glauben, dass jemand zu Boko Haram gehört“, sagt ein Mann, der oft beruflich in Maiduguri zu tun und die JTF schon miterlebt hat. Wie in Zukunft mit der Bürgerwehr umgegangen werden soll, ist unklar. MenschenrechtsexpertInnen warnen bereits davor, dass sie zu einem neuen Problem werden könnten.

Zudem drohen ländliche Regionen ohne ausreichend Polizei- und Militärschutz zu einem neuen Pulverfass zu werden. Denn dorthin hat sich Boko Haram offenbar zurückgezogen. Zur Zielscheibe werden in diesen Regionen etwa Schulen oder Gemeinden, wenn sie nach Einschätzung der Terroristen mit den Streitkräften zusammenarbeiten. George Ehusani, ein bekannter katholischer Priester und Leiter der Stiftung „Lux Terra“, befürchtete schon vor Monaten, dass sich die Gefahr nur verlagern werde.

Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) sind mittlerweile mehr als 10.000 Menschen nach Niger und Kamerun geflüchtet. In die Nachbarländer ziehen sich auch viele Boko-Haram-Kämpfer zurück. „Wir haben diplomatische Kontakte zu jenen Ländern aufgenommen“, sagt Armee-Sprecher General Attahiru, „aber die Möglichkeiten, dort die Jagd aufzunehmen, sind eingeschränkt“.

Dabei gibt es zumindest auf Seiten der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) durchaus Pläne zur gemeinsamen Terrorismus-Bekämpfung, sagt Felix Henkel, Koordinator des Westafrika-Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Abuja. So hätten die ECOWAS-Staats- und Regierungschefs Ende Februar eine Erklärung inklusive Strategie und Umsetzungsplan verabschiedet.  Damit verbunden sei allerdings, dass die Staaten hoheitliche Rechte teilen müssten. Und dass das von heute auf morgen geschieht, davon ist nicht auszugehen. 

Katrin Gänsler ist Korrespondentin mehrerer deutschsprachiger Medien. Sie lebt in Lagos, ­Nigeria und Cotonou, Benin.

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