Werner Leiss hört sich um

Passierschein für Musik

TootArd, junge MusikerInnen von den Golanhöhen, überschreiten Grenzen auf mehrfache Weise.

Zur Einführung: Der Großteil der Golanhöhen wurde 1967 im Zuge des Sechs-Tage-Kriegs von Israel annektiert, was jedoch von den meisten Staaten nicht anerkannt wird. Syrien beansprucht das Gebiet nach wie vor komplett. Von 1974 bis 2013 waren dort auch österreichische UN-Soldaten stationiert. Die in Israel lebenden Drusen leisteten bereits in den 1950ern als einzige nichtjüdische Bevölkerungsgruppe verpflichtend ihren Wehrdienst ab. Bei der Bevölkerung der fünf damals annektierten drusischen Dörfer schaut es überwiegend anders aus. Sie nahmen die israelische Staatsbürgerschaft nicht an.

Das bringt einige Unannehmlichkeiten mit sich. So steht auf den Reisedokumenten „Undefined“. Die Gruppe junger musizierender Leute, von der hier nun die Rede ist, stammt aus dem Dorf Majdal Shams.

Unterschiedliche Einflüsse. Als Teenager spielten sie zu Hause anfangs Reggae-Cover, Bob Marley hatte es ihnen angetan. Aber auch Metal hörten sie und Rapper Tupac Shakur. Auch die Auseinandersetzung mit dem Cool Jazz eines Miles Davis hat Spuren hinterlassen. Eine unvoreingenommene Herangehensweise also, die wohl auch Voraussetzung für spannendes und eigenständiges Musizieren ist. Dass sich die Gruppe ebenso mit seit einigen Jahren beliebten, aus der Sahara stammenden Tuareg-Gruppen wie Tinariwen oder Tamikrest auseinandergesetzt hat, bleibt beim Hören dieses Albums auch kein Geheimnis.

Es ist ihr nun zweites, jedoch ihr erstes international veröffentlichtes, das sich „Laissez.Passer“ nennt, also Passierschein (was sie wohl mehrdeutig verstanden wissen wollen).

Internationaler Erfolg. TootArd bieten eine gelungene Melange aus levantinischem Desert-Blues mit modifizierten Reggae-Zutaten. Dazu der gelegentliche Einsatz von Blasinstrumenten, alles groovy und gelegentlich funky. Auch auf klassische arabische Elemente wird nicht völlig verzichtet. Eine erfolgreiche Zukunft ist ihnen wohl beschieden. Zu zwingend ist der Sound, zu hitverdächtig einige der Songs, allen voran „Sahra“.

Zudem hat es die Band-Mitglieder nicht zu Hause gehalten und Israel wurde ihnen für Auftritte längst zu eng. Nun leben sie vorwiegend in Europa. Sie wuchsen mit der Erkenntnis auf, dass Grenzen von Regierungen aufgezwungen werden. Mit ihrer Musik überwinden sie diese Linien. Das Album „Laissez.Passer“ von TootArd ist auf dem Label Glitterbeat erschienen und in Österreich als LP und CD im Vertrieb Hoanzl erhältlich.

Zum Schluss. Hier noch ein weiterer Musik-Tipp aus einer ganz anderen Richtung: „Andina: The Sound Of The Peruvian Andes-Huayno, Carneval & Cumbia“. Eine Zusammenstellung köstlicher Fundstücke aus den Jahren 1968 bis 1978.

Werner Leiss ist Musikkritiker des Südwind-Magazins und Redakteur des „Concerto“, Österreichs Musikmagazin für Jazz, Blues und Worldmusic.

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