„Schokolade kann sehr bitter sein.“

Der steirische Schokoladenhersteller Josef Zotter ist bekannt für seine kreativen Produkte. Er ist aber auch ein Verfechter von Bioqualität und fairem Handel. Mit ihm sprach Nikolaus Scholz.

Viele Tausende Kinder schuften in Westafrika bei der Kakaoernte wie Sklaven.

Südwind-Magazin: Herr Zotter, auf Ihrer Internet-Seite schreiben Sie zum Thema fairer Handel: Der Nachgeschmack von Schokolade kann sehr bitter sein, wenn man bedenkt, dass Kakaobauern und -bäuerinnen unter härtesten Bedingungen arbeiten, während andere von den Früchten ihrer Arbeit profitieren. Verstehen Sie diese Aussage als Weckruf für kakaosüchtige Konsumentinnen und Konsumenten?
Josef Zotter:
Viele Leute sagen: Ich weiß eh, Schokolade ist bitter und wenn sie nicht richtig verarbeitet ist, ist sie noch bitterer. Aber das kann man durchaus zweideutiger meinen, weil etwas im Hintergrund passiert, das man am Gaumen nicht spürt. Aber es ist trotzdem vorhanden.

Wenn ich das erste Mal in eine Gegend komme, wo Kakao produziert wird, begegnet mir als erstes diese erschütternde Armut. Die Chancen sind für junge Leute dort definitiv nicht die gleichen wie bei uns. Gerade Kakao wächst in abgelegenen Regionen, und für die Menschen ist es schwer, ein besseres Leben zu erreichen.

Sie beziehen Ihre Informationen nicht aus zweiter oder dritter Hand, sondern reisen selbst immer wieder zu den Produzenten, um sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Kakaobauern und -bäuerinnen in Lateinamerika vor Augen zu führen.
Ich habe in Nicaragua diese Situationen schon x-mal erlebt. Da kommen die Kakaohändler mit Booten angefahren. Der Kakaobauer geht mit seinen drei Säcken hin ans Ufer, der Händler bietet einen Preis und der Bauer sagt: „Das ist ein Wahnsinn! Davon kann ich nicht leben und nix kaufen.“ Dann sagt der Händler: „Wenn du mir die Kakaobohnen nicht um den Preis gibst, dann fahre ich wieder.“ Und dann fährt er mit dem Boot weg. Er ist noch keine 200 Meter weit – es ist immer das gleiche Spiel – dann ruft ihn der Bauer zurück. Er hat ja nur zwei Möglichkeiten: Entweder er gibt ihm den Kakao um den gebotenen Preis oder er schmeißt die Ware ins Wasser. Das tut er dann auch nicht, weil er denkt: Jetzt hab ich sie schon daher gebracht, jetzt verkaufe ich sie halt um den Preis.

Stichwort Preis. Wie erklären Sie sich die teilweise massiven Preisschwankungen bei Rohstoffen, insbesondere bei Kakao?
Dadurch, dass Kakao als Rohstoff – wie auch Kaffee – an Börsen gehandelt wird, kommt es immer zu enormen Preisschwankungen: Es gibt Zeiten, in denen die Spekulanten einkaufen und die Lager voll machen. Sie kaufen natürlich zu einem Zeitpunkt ein, wo es billig ist. Der Preis steigt, die Rohstoffe werden zum hohen Preis verkauft und die Lager leeren sich. Dann bringt der Bauer die neue Ernte auf den Markt – in der Hoffnung auf einen höheren Preis – und kriegt nix, weil momentan nix gebraucht wird. Dieser Rhythmus wird spektakulär ausgenützt.

Gerade bei der Kakaoernte werden Kinder eingesetzt, unter anderem in Ghana. Beziehen Sie Kakao aus dieser Region?
Ich beziehe keinen Kakao aus Afrika, genau aus diesem Grund. Die Kinderarbeit hat ihren Grund in den staatlichen und damit auch korrupten Organisationsstrukturen. Dennoch muss man die Frage stellen: Wo beginnt Kinderarbeit und wo hört sie auf? Allerdings ist das, was sich in Ghana abspielt, nicht ein Mithelfen der Kinder. Es ist mehr oder minder Sklaverei. Man sagt, dass etwa 200.000 Kinder und Jugendliche aus Mali für Kost und Logis in Ghana arbeiten.

Sie selbst laden jedes Jahr Kakaobauern aus Lateinamerika für drei Wochen in ihren Betrieb nach Bergl in der Steiermark ein. Das tun Sie ja nicht nur, um ihr Gutmensch-Image zu pflegen, sondern auch aus einem nicht ganz uneigennützigen Grund.
Mein Zugang ist die Überlegung, dass ich mit Sicherheit zu einer guten Qualität komme, wenn der Bauer weiß, für wen er arbeitet. Das sind Menschen wie wir, sie denken auch ziemlich ähnlich und jeder will sich selbst verwirklichen. Wenn er etwas produziert, bei dem er das Gefühl hat, da wird was Besonderes draus und es wird wertgeschätzt, dann bemüht er sich noch mehr in seinem Kakaogarten und versucht, die Bohnen besser zu fermentieren, besser zu trocknen und in saubere Säcke zu geben. Wenn die Ware dann zu uns kommt, geben wir sofort eine Rückmeldung. Denn die Bauern freuen sich immer irrsinnig, wenn jemand reagiert. Egal ob man sagt: Das war nicht so gut oder super oder wie auch immer. Und ich glaube, dass die Schokolade definitiv besser ist, wenn es dem Kakaobauern besser geht.

Nikolaus Scholz ist freier Ö1 Hörfunk-Journalist.

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