„Schwerfällig, bürokratisch und ungerecht“

Warum es eine neue Disziplin wie die Internationale Entwicklung an der Universität so schwer hat, erklärt der Universitätsprofessor Walter Schicho im Gespräch mit Südwind-Redakteurin Irmgard Kirchner.

Ehrung des Kollegen schon zu Lebzeiten: Walter Schicho mit Schicho-Büste.

Südwind-Magazin: Sie verfolgen die Ereignisse auf der IE jetzt gewissermaßen von außen. Die angekündigte Abschaffung des Bachelor-Studiums der Internationalen Entwicklung wird mit Sparzwängen argumentiert. Gibt es Gegnerninnen der IE?
Walter Schicho:
Es gibt natürlich finanzielle Probleme an der Uni. Aber wo eingespart wird, hat mit Einstellungen, Bewertungen und historischen Erfahrungen zu tun. Die Uni Wien hat sich unter Rektor Winkler und danach in der zentralen Bürokratie eine ganze Reihe von Dingen geleistet, die sie nicht haben müsste.

Neue wissenschaftliche Richtungen haben immer Probleme gehabt. Die Historiker sind im 19. Jahrhundert von den etablierten Disziplinen genauso schlecht behandelt worden wie jetzt die Entwicklungsforschung. Auch die junge Afrikaforschung wurde von allen Seiten beschossen und behindert. Man wirft den neuen Disziplinen Überschreitung der Aufgabenbereiche und Einmischung vor. Bei der Entwicklungsforschung haben die Ökonomen an der Uni Wien am schärfsten reagiert, obwohl sie keine Ahnung von Entwicklungsforschung haben und sie auch nicht betrieben haben.

Eine neu entstehende Disziplin wird von den etablierten Disziplinen und vor allem von den Ordinarien immer unterdrückt.

Wie haben es die Geschichte oder die Afrikawissenschaft dann doch geschafft, sich auf der Universität zu etablieren?
Der erste Faktor ist eine relativ gute Umwelt, eine Expansion der Universität.
Der zweite ist, dass eine starke Persönlichkeit hinter einer derartigen neuen Entwicklung steht. Der dritte Faktor ist der politische Rückhalt: dass man sagt, hier entwickelt sich etwas, das wir nutzen und brauchen können. Das Vierte ist der Zeitfaktor. Wenn eine neue Disziplin über eine Wissenschaftler-Generation, das sind 20 Jahre, durchhält, dann besteht eine gewisse Chance, dass sie etabliert ist.

Die unmittelbare Brauchbarkeit der Entwicklungsforschung für die Wirtschaft und den politischen Raum war nicht gegeben. Der Ansatz ist genau umgekehrt. In der Entwicklungsforschung schaut man sich das an, was geschieht und überlegt, ob es richtig ist, ob es Alternativen dazu gibt. Entwicklungsforschung ist kritisch auf mehreren Ebenen, daher nicht gebraucht in diesem Sinne und nicht anpassungsfähig.

Die Führungsfiguren gibt es auch nicht. Die Entwicklungsforschung ist eine Disziplin, die von der Basis her gekommen ist, aus der studentischen Bewegung. Die ganze Sache hätte allerdings nicht funktioniert, wenn es nicht eine Reihe von Kolleginnen und Kollegen an der Universität gegeben hätte, die die Entwicklungsforschung sehr positiv aufgenommen haben.

Gibt es inhaltliche Kritik?
Eine Entwicklungsforschung stellt vieles in Frage, was andere Disziplinen als essenziell betrachten. Wir haben, was die Ökonomie betrifft, an den Wiener Universitäten eine Orthodoxie, die durch einen alternativen Ansatz, wie er eigentlich in der Entwicklungsforschung verfolgt werden müsste, durch eine Heterodoxie ganz ernsthaft in Frage gestellt wird.

Dann gibt es noch einen politischen Hintergrund, der bis heute wirkt, die politische Orientierung, die man den Leuten immer zugeschrieben hat: das Etikett als Linke und andererseits das Etikett als kirchlich oder gar katholisch.

Stichwort neue Disziplinen: Wie entwicklungsfähig ist die Universität überhaupt?
Sie verteidigt ihre Positionen und schaut, dass es keine Umverteilung der Mittel gibt. Die Universität als wissenschaftliche Gemeinde ist konservativ. Die mag zum Beispiel keinen Freud. Der Apparat ist sehr schwerfällig, hoch bürokratisch und ungerecht. Weil er nicht Leistungen beurteilt, sondern von vornherein Wertungen setzt und diese Wertungen dann quasi begründet.

Eigentlich kann die Universität im weiteren Sinn, die Wissenschaft als Organisation, als Community, ihre Aufgabe für die Gesellschaft nicht erfüllen. Wir leisten uns als Östereichische Steuerzahlerinnen und Steuerzahler den Luxus einer wissenschaftlichen Produktion, einer wissenschaftlichen Ausbildung, die sehr oft gegen unsere Interessen arbeitet. Die sich nicht der neuen Probleme annimmt, die versucht, alte Argumentationen, alte Erklärungsansätze so lange weiter zu führen, bis sie überhaupt nicht mehr haltbar sind.

Wie bedrohlich ist die Abschaffung des Bachelors für die Entwicklungsforschung?
Eine Ausbildung nur mit Master ist sinnlos. Eine seriöse Master-Ausbildung kann ich nur machen, wenn ich bereits eine ganze Menge Dinge als gegeben ansehe. Der durchgehende transdisziplinäre Ansatz ist unverzichtbar.
Ich pflege zu sagen: Die Internationale Entwicklung ist kein Rassehund, sondern ein Bastard. Bastarde sind nicht nur intelligent, sie sind auch zäh. Ich gehe davon aus, dass die Disziplin überleben wird.

Der pensionierte Professor für Afrikawissenschaften war in den 1990er Jahren eine der treibenden Kräfte für eine Entwicklungsforschung an der Universität Wien und bis 2010 Leiter des Projekts Internationale Entwicklung (IE).

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