Sind wir zu viele?

Es geht um Sex, um Tod, um Ressourcen. Kein Wunder, dass das Thema Bevölkerung derart starke Emotionen auslöst. Aber lassen sich Ängste vor dem Bevölkerungswachstum vernünftig begründen? New Internationalist-Redakteurin Vanessa Baird begibt sich auf die Suche nach einer Antwort.

Das Thema Bevölkerung – und insbesondere das Thema Bevölkerungswachstum – scheint Gefühle aller Art auslösen zu können. Heute leben ca. 6,8 Milliarden Menschen auf der Erde. Vor zehn Jahren waren es noch 5,9 Milliarden. 2050 dürften es wohl mehr als neun Milliarden sein (siehe Kasten S. 31). Von einer drohenden „Überbevölkerung“ ist schon lange die Rede. 1798, als es gerade einmal 978 Millionen von uns gab, warnte der Mathematiker Thomas Malthus vor einer unmittelbar bevorstehenden Katastrophe, da die Kapazität zur Erzeugung von Nahrungsmitteln nicht mit der wachsenden Zahl von Menschen Schritt halten könnte.

Oft bezieht sich die Sorge auf die Geschwindigkeit, mit der andere – Menschen anderer „Rasse“, sozialer Schicht, Religion oder politischer Einstellung – sich vermehren, womit sie augenscheinlich das Wohlergehen jener dominanten Gruppe bedrohen, der der jeweilige Unheilsprophet angehört. Ein Paradebeispiel lieferte kürzlich Michael Laws, Bürgermeister des Bezirks Wanganui in Neuseeland. Sein Vorschlag: Um Kindesmissbrauch und Mord zu bekämpfen, sollte man die Angehörigen der „abstoßenden Unterschicht“ dafür bezahlen, keine Kinder in die Welt zu setzen. „Wenn wir bestimmten Leuten 10.000 Dollar gäben und ihnen sagten, ‚wir werden euch auf freiwilliger Basis sterilisieren‘, würde es der Gesellschaft insgesamt besser gehen“, erklärte er gegenüber der neuseeländischen Dominion Post.

Wer heute Besorgnis über demographische Entwicklungen ausdrückt, tut dies in der Regel in einem etwas zurückhaltenderen Ton. Für viele handelt es sich in erster Linie um ein ökologisches Problem: Je mehr Menschen es gibt, desto mehr Treibhausgase werden emittiert und desto mehr Schaden wird angerichtet. Alle Bemühungen, die Emissionen zu reduzieren, werden durch ungebremstes Bevölkerungswachstum zunichte gemacht.

Genau diese Position vertrat unlängst die britische Financial Times, als sie zu einer internationalen Diskussion über Bevölkerungsfragen aufrief. „Das Wachstum der Weltbevölkerung macht es schwieriger, die Kohlendioxidemissionen zu senken“, hieß es in einer Leitkolumne, in der dann eine umstrittene Studie der London School of Economics*) zitiert wurde: Ausgaben für Familienplanung würden „Kohlendioxidemissionen fünfmal effektiver reduzieren als konventionelle kohlenstoffarme Technologien“, hieß es darin. Der Optimum Population Trust, eine britische Non-Profit-Organisation, geht noch weiter: Um eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen, sollten wir darauf hin arbeiten, die Weltbevölkerung um zumindest 1,7 Mrd. Menschen zu verringern.

Lässt sich das tatsächlich vernünftig begründen? Ist Bevölkerungspolitik wirklich das große Tabu der Linken und Sozialdemokraten? Oder sind die heutigen Ängste in diesem Zusammenhang irrational, genauso wie es bisher stets der Fall war?

Ich starte eben einen Versuch, das herauszufinden – in Marrakesch, wo 2.000 führende BevölkerungswissenschaftlerInnen bei der 16. Internationalen Bevölkerungskonferenz der International Union for the Scientific Study of Population (IUSSP) zusammenkommen.

Es ist mein dritter Aufenthalt in Marokko. Vom ersten, 1975, blieb mir die Erinnerung, ständig von Banden kleiner und weniger kleiner – Jungen belagert worden zu sein. Sie boten ihre Dienste als Führer oder Träger oder Beschützer vor anderen Jungen an, die ihre Dienste als Führer, Träger oder Beschützer anboten …

Beim zweiten Mal arbeitete ich an einem Feature für den UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA). Dabei verfolgte ich unter anderem die Geschichte einer Frau, bei der gerade die Wehen begonnen hatten. Zurück in ihrem Dorf, ein paar Tage nach der Geburt, wirkte sie noch immer erschöpft. Sie sagte, sie wollte keine Kinder mehr bekommen. Fünf wären genug. „Sie wirkt ziemlich entschlossen“, bemerkte ich zu der Hebamme, die den Besuch ermöglicht hatte. Sie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht“, meinte sie achselzuckend. „Aber ihr Mann will mehr haben. Für ihn geht es um seinen Status.“

Seither ist die Fruchtbarkeitsrate in Marokko stark gesunken. Frauen haben nicht mehr sieben oder acht Kinder wie noch in den 1960ern und 1970ern, sondern nur mehr zwei oder drei.

Ich blättere schnell durch die zwei dicken Bände mit dem Konferenzprogramm. Es gibt hunderte Sitzungen zu vielen verschiedenen Aspekten des Themas. Aber scheinbar bezieht sich nur wenig auf eine weltweite Bevölkerungsexplosion. Verschließen diese WissenschaftlerInnen ihre Augen vor der Realität? Hören sie nicht die besorgten Warnungen von außerhalb ihrer Disziplin? Es beruhigt mich, als ich beim Weiterblättern feststelle, dass es ab Mitte der Woche einige Sitzungen zum Zusammenhang zwischen Bevölkerung und Umwelt gibt. Aber im Zentrum der Aufmerksamkeit scheint derzeit die „Gesamtfruchtbarkeitsrate“ zu stehen, d.h. wie viele Kinder eine Frau in ihrem Leben hätte, wenn die aktuellen altersspezifischen Fruchtbarkeitsziffern auf ihre fruchtbare Lebensphase hochgerechnet werden.

Seit den 1970er Jahren ist die Fruchtbarkeitsrate erheblich gesunken, nicht nur in Marokko, sondern weltweit – im Schnitt auf derzeit 2,5 Kinder pro Frau. In 76 Ländern ist sie sogar unter die Reproduktionsgrenze gesunken, die bei 2,1 liegt, was bedeutet, dass die aktuelle Bevölkerung schrumpft. Das ist am stärksten in Europa der Fall, aber Beispiele gibt es von jedem Kontinent, sogar aus Afrika1). In den Entwicklungsländern ist die Rate zwischen 1950 und 2000 im Schnitt um die Hälfte gesunken, von sechs auf drei, auch wenn Frauen in vielen Ländern Afrikas im Schnitt noch immer fünf oder mehr Kinder haben.

Was in Indien und China passiert, den bevölkerungsreichsten Ländern, wirkt sich am stärksten aus. In Indien liegt die Fruchtbarkeitsrate derzeit bei 2,7 (1997: 3,5); bis 2027 dürfte sie auf die Reproduktionsgrenze sinken. Der starke Rückgang in China von fünf bis sechs vor 1970 auf heute rund 1,5 scheint dauerhaft sein. „Die kumulierten Erfahrungen sprechen dafür, dass ein Stopp der Ein-Kind-Politik nicht zu einem neuerlichen unkontrollierten Bevölkerungswachstum führen würde“, versichern WissenschaftlerInnen aus der Region. China würde von der Erfahrung der Nachbarländer Korea und Japan profitieren, wo es sich gezeigt hätte, „wie schwierig es ist, Menschen zu einer Steigerung ihrer Kinderzahl zu bewegen, wenn die Fruchtbarkeit auf ein sehr niedriges Niveau gefallen ist“2). Chinas Bevölkerung wird daher wahrscheinlich ab 2023 schrumpfen. Nach UN-Angaben verzeichneten im Zeitraum 2000-2005 bereits 21 Länder eine rückläufige Bevölkerung.

Zu verdanken ist dieser Rückgang der Fruchtbarkeit der Geschwindigkeit, mit der sich Familienplanung und der Gebrauch von Verhütungsmitteln über die ganze Welt ausgebreitet haben. Zwar reichen schon die neun Milliarden aus, um Bevölkerungsphobiker in Alarmstimmung zu versetzen, doch ohne drei Jahrzehnte erfolgreicher Familienplanung hätten wir eher mit 16 Milliarden zu rechnen gehabt, sagt der australische Demograph Peter McDonald.

Hier in Marokko etwa verwendeten Ende der 1979er Jahre nur fünf Prozent der Frauen Verhütungsmittel, heute sind es 63 Prozent3). Ein weiterer entscheidender Faktor ist der Erfolg bei der Einschulung der Mädchen. Mehr als alles andere verzögert der Schulbesuch den Zeitpunkt der ersten Geburt, ermutigt zu größeren Abständen zwischen Geburten oder eröffnet sogar die Option, überhaupt keine Kinder zu bekommen.

Es ist ein echter Tugendkreis. Bildung bedeutet geringere Fruchtbarkeit, und geringere Fruchtbarkeit kann mehr Bildung bedeuten. Zu den unmittelbarsten positiven Auswirkungen der geringeren Kinderzahl – der „demographischen Dividende“ – gehört, dass es weniger Kinder in den Schulen gibt, die Ressourcen nicht so knapp sind und es zumindest theoretisch mehr Geld pro Schulkind gibt. In der Praxis kann das Geld natürlich verschwendet oder falsch eingesetzt werden. In Südkorea, wo die demographische Dividende in Bildung investiert wurde, waren die Ergebnisse gemessen an der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in den letzten Jahrzehnten erstaunlich.

Dieselbe positive Wechselwirkung besteht zwischen Gesundheitsversorgung und Fruchtbarkeitsraten. Statistiken zeigen, dass sich die Überlebenschancen eines Kindes in einer kleineren Familie aufgrund der höheren Konzentration sowohl der materiellen als auch emotionalen Ressourcen enorm erhöhen. Wenn Kinder eine höhere Überlebenschance haben, werden ihre Eltern nicht annehmen, so viele in die Welt setzen zu müssen. Das ist einer der Gründe, warum in den ärmsten Ländern, etwa in Afrika südlich der Sahara, Frauen sowohl die meisten Kinder bekommen als auch die meisten bereits im Kindesalter wieder verlieren.

Beim Mittagessen komme ich mit einer Wissenschaftlerin aus Italien ins Gespräch, dem Land mit der niedrigsten Fruchtbarkeitsrate Westeuropas (1,3). „Die traditionelle Vorstellung von Mutterschaft ist in Italien noch immer sehr stark verankert“, erzählt sie mir. „Moderne Frauen, die berufstätig sind und Aufstiegsperspektiven haben, wollen damit nichts zu tun haben. Sie bekommen zu wenig Unterstützung, weder vom Staat noch von ihren Partnern, um gleichzeitig arbeiten und Kinder haben zu können.“

Auch in Japan nimmt die Zahl der kinderlosen Frauen zu; die Fruchtbarkeitsrate liegt bei 1,2. Junge Japanerinnen sind besser ausgebildet als ihre Mütter und haben weit mehr berufliche Möglichkeiten. Trotzdem herrschen traditionelle, patriarchalische Familienwerte vor. Obwohl es so etwas wie einen „Ausbruch aus der Ehe“ gibt und ein Drittel der Ehen mit einer Scheidung enden, werden uneheliche Beziehungen und uneheliche Kinder nach wie vor missbilligt. Der Anteil der Unverheirateten ist bei beiden Geschlechtern im Vergleich zu westlichen Ländern hoch.

In Südkorea ist es dermaßen verpönt, uneheliche Kinder zu haben, dass der Großteil der Frauen entweder zu einer Abtreibung oder einer Adoption Zuflucht nimmt. Eine Frau, die ihr Kind austrägt und, schlimmer noch, es dann auch noch behält, wird von der Gesellschaft geächtet. Es kann passieren, dass sie ihre Arbeit verliert, von ihrer Familie ausgestoßen wird und keine staatlichen Beihilfen bekommt, die anderen Eltern zustehen.

Trotz dieser unnachsichtigen Haltung gegenüber alleinerziehenden Müttern machen sich Behörden in der Region Sorgen über die sinkende Fruchtbarkeit. „Die neue Regierung verspricht, die Kinderbeihilfe um das 2,5-Fache zu erhöhen, aber bisher haben Versuche, die Menschen zum Kinderkriegen zu bewegen, nicht wirklich geholfen“, meint etwa Noriko Tsuya von der Universität Keio in Japan.

Die Beunruhigung lässt sich zum Teil mit nationalen sowie kulturell und psychologisch bedingten Ängsten erklären. „Eine schrumpfende Bevölkerung suggeriert einen Niedergang“, meint etwa der Demograph Paul Demeny vom Population Council, einer führenden gemeinnützigen Forschungsorganisation. „Sie ruft Assoziationen mit dem Zusammenbruch alter Zivilisationen hervor.“4) Es wird offenbar angenommen, dass eine kleinere Bevölkerung den internationalen Einfluss eines Landes verringern würde oder dass die Wirtschaft dadurch langsamer wachsen könnte.

Doch selbst der merkliche Rückgang der Fruchtbarkeit in Japan ist „alles andere als eine Katastrophe“, meint Demeny. Die Bevölkerung des Landes dürfte bis 2050 von heute 127 Millionen auf 102 Millionen schrumpfen – noch immer weit mehr als die 82 Millionen von 1950. Der weltweite Trend zu einer geringeren Fruchtbarkeit bedeutet einfach, dass „wir uns in Richtung negativer Wachstumsraten bewegen, und zu einer Stabilisierung auf einem niedrigeren Bevölkerungsniveau. Eine kleinere Bevölkerung wird die ökologischen Fußabdrücke verringern“.4)

Aber wie passt das mit der wachsenden Weltbevölkerung zusammen? Mit dieser mittleren Variante, der Prognose von neun Milliarden für 2050? Aufgrund der rückläufigen Fruchtbarkeitsraten wird unser aktuelles Bevölkerungswachstum nur temporär sein. Nach den UN-Prognosen wird die Weltbevölkerung in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts mit 9,2 Mrd. Menschen ihr Maximum erreichen, dann zurückgehen und sich stabilisieren. Damit sollen nicht ökologische Bedenken vom Tisch gewischt (siehe Artikel Seite 35) oder die Notwendigkeit geleugnet werden, Bevölkerungsprognosen mit Vorsicht zu behandeln. Aber es relativiert die Angstmacherei mit einer drohenden Bevölkerungsexplosion.

Copyright New Internationalist

*) Eine vom Optimum Population Trust finanzierte studentische Arbeit, wie sich inzwischen herausgestellt hat.
1) United Nations Department of Social and Economic Affairs – Population Division, World Population Prospects: the 2008 Revision, New York 2009.
2) Noriko Tsuya, Minja Kim Choe, Wang Fen, „Below Replacement Fertility in Eastern Asia: Patterns, Factors and Policy Implications“, Paper für IUSSP, Marrakesch 2009.
3) Thérèse Locoh, Zahia Oudah-Bedidi, Poster-Sitzung bei der IUSSP, Marrakesch 2009.
4) IUSSP, Sitzung 139, Marrakesch 2009.

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