Sophie kämpft

Sophie Otiende widmet sich dem Kampf gegen Menschenhandel. Auch weil sie selbst ein Opfer davon war. Milena Österreicher hat sie in Wien getroffen.

© Peter Goda

Sophie Otiende sitzt gelassen im Fauteuil im Wiener Büro von Missio, den päpstlichen Missionswerken. Die langen roten Ohrringe baumeln im Takt, während die Kenianerin lebhaft von ihrer Arbeit erzählt. Ihre Mission: der Kampf gegen Menschenhandel. „Es ist verdammt schwierig, Bewusstsein für dieses Thema zu schaffen“, berichtet sie. Seit vier Jahren arbeitet Otiende nun bei der NGO HAART in Nairobi, Kenias Hauptstadt, in der sie geboren wurde und nun lebt.

Die 30-Jährige betreut dort ein Frauenhaus, das bis zu 20 Personen beherbergen kann, sammelt Spenden, schreibt für die Website, hält Workshops in Schulen und arbeitet mit Dorfgemeinschaften.

Sophie Otiende weiß, wovon sie spricht. Fast ein Jahr lang wurde sie als junges Mädchen von ihrem Onkel geschlagen, sexuell missbraucht und zur Hausarbeit gezwungen. Während sie von den Schreckensmonaten erzählt, werden ihre Armbewegungen immer schneller, ihre Beine wippen unruhig, sie ist jetzt sichtlich aufgewühlt.

Alles anders. „Meiner Familie ging es damals sehr gut, bis mein Vater eines Tages seinen Managerjob in einer Firma verlor.“ Die Familie stand mit nichts da und musste von einer wohlhabenden Gegend in Nairobi in einen Slum ziehen. Sophie war dreizehn Jahre alt und besuchte die Schule. „Meinem Vater war Bildung immer sehr wichtig“, erzählt sie. Doch die Schulgebühren wurden zu teuer. Sophies Onkel lebte hunderte Kilometer entfernt, in der Nähe einer billigeren Schule. Ihr Vater schickte sie daher zu seinem Bruder, der Sophie in seinem Haus aufnehmen und zur Schule bringen sollte. Doch es kam anders. „Mein Onkel zwang mich, im Haus zu bleiben, den Haushalt zu machen und seine Familie zu bedienen“, so Otiende. „Ich wurde fast täglich physisch und sexuell missbraucht. Es war furchtbar“, sagt sie. „Ich war so sauer auf meine Eltern, weil ich nicht verstand, warum sie nicht nach mir fragten.“

Der Onkel log Sophies Eltern an und erzählte ihnen, dass sie zur Schule ginge, glücklich wäre und nicht mehr nach Hause wolle. „Es gab keine Handys, ich konnte meine Eltern nicht kontaktieren. Ich war in diesem Haus ständig gefangen.“ Aufgrund eines Notfalls wurde Sophie eines Tages in die Stadt geschickt, wo sie zufällig eine Freundin ihrer Mutter traf. Ihr erzählte sie alles. Am nächsten Tag kam Sophies Mutter und holte sie raus.

Ihrem Onkel begegnete sie danach immer wieder bei verschiedenen Anlässen. „Wir sprechen aber nicht miteinander“, sagt Otiende. „Theoretisch wäre es möglich, in Kenia zur Polizei zu gehen. Doch wenn ein Familienmitglied dich missbraucht, schreitet die Polizei meist nicht ein. Das sei etwas, das innerhalb der Familie gelöst gehöre.“

Dank eines Stipendiums konnte die Vorzugsschülerin die Schule abschließen und studierte an der Universität Pädagogik. Danach arbeitete sie als Freiwillige bei verschiedenen Organisationen. „Ich liebe kleine, wachsende Organisationen, die direkt in den Gemeinschaften verankert sind“, erzählt sie. Vor zwei Jahren begann sie dann, ihre eigene Geschichte öffentlich zu machen. „Ich wollte meine Erlebnisse immer in meinen eigenen Worten erzählen und die Kontrolle darüber behalten. Es hat lange gedauert, bis ich mir sicher war, wie ich es machen möchte“, sagt Otiende.

Falsche Versprechen. Menschenhandel hat viele Gesichter: Zwangsprostituierte, Billigarbeitskräfte in der Bekleidungsindustrie oder am Bau, KindersoldatInnen oder junge Mädchen, die als Braut verkauft werden. Laut einer Schätzung der Internationalen Arbeitsorganisation ILO sind weltweit an die 40 Millionen Menschen Opfer moderner Sklaverei.

Die „klassische“ Geschichte in Kenia laut Otiende sei – ähnlich ihrer eigenen –, dass jemand armen Familien verspricht, ihre Mädchen zur Schule zu schicken, und sie dann mitnimmt. Die Mädchen landen in abgelegenen Gegenden, in fremden Haushalten, abgeschnitten von allem. Sie werden als Dienstmädchen ausgebeutet, geschlagen und vergewaltigt.

„Wenn du dein Umfeld aufmerksam wahrnimmst, kann dir auffallen, wenn etwas nicht stimmt“, meint Otiende. „Zum Beispiel, wenn ein kleines Kind nicht zur Schule geht, sollte man sich fragen, warum ist das so? Oder warum niemand mit der neuen Frau des Nachbarn reden darf.“

Dieses Wissen setzt sie in ihrer Arbeit mit den Dorfgemeinschaften ein: „Wir trainieren die Gemeinschaften darin, wie man Opfer von Menschenhandel identifizieren kann, wie man bemerkt, dass etwas vom Normalen abweicht.“

Heilende Worte. Schreiben half Sophie Otiende bei ihrem Heilungsprozess. „Ich schrieb Briefe an mich selbst, an Kinder, die ich vielleicht einmal haben könnte, und an Gott. Ich schrieb auch Gedichte und Kurzgeschichten, um vieles aus meinem Kopf zu bekommen. Das half mir sehr.“ Über ihre Geschichte öffentlich zu sprechen ist ein gefühlsmäßiges Auf und Ab: „Manchmal ist es hilfreich, manchmal schmerzvoll, manchmal habe ich danach Albträume.“ Die Rückmeldungen, die sie nach öffentlichen Reden und Workshops bekommt, seien ihr das aber wert.

Otiende ist überzeugt, dass jede/r etwas im Kampf gegen Menschenhandel tun kann: „Wenn du Geld spenden kannst, spende es. Wenn du Autor bist, schreib eine Geschichte. Wenn du Zeit hast, engagiere dich ehrenamtlich.“ Sie bekräftigt nochmals: „Ich wünsche mir, dass alle aktiv werden, sodass junge Mädchen nicht das erleben müssen, was ich und viele andere durchmachen mussten.“

Milena Österreicher ist freie Journalistin und lebt in Wien.

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