Spiel, Sport, Sklaverei

Von Brasilien bis Nepal: Weltweit zahlen die Ärmsten für Sportgroßereignisse drauf. Internationale Sportverbände stolpern derweilen von einem Skandal in den nächsten. Richard Solder recherchierte zur großen Krise im internationalen Sport.

Tränengas, Spezialeinheiten in voller Montur, schreiende Menschen – in der Favela Vila Autódromo in Rio de Janeiro spitzt sich die Lage immer wieder zu. Hier, unweit des Olympiaparks, wurden in den vergangenen Wochen und Monaten Häuser geräumt und Menschen zwangsumgesiedelt. Die Stadtregierung Rios will das Viertel vor den Olympischen Spielen weghaben.

Vila Autódromo ist auch ein Symbol für den Widerstand geworden. Die Anrainerinnen und Anrainer wehren sich gemeinsam mit Nachbarschaftsinitiativen und sozialen Bewegungen. Der Kampf machte international Schlagzeilen.

Ob Sotschi 2014, Rio 2016, die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien oder geplante Spiele und Turniere: Die Kritik an der Durchführung von Sportgroßereignissen wird immer stärker. Brasilien schlitterte in den vergangenen zwei Jahren immer tiefer in eine schwere politische Krise, da halfen die Sportgroßereignisse nicht, ganz im Gegenteil. Neben Jubelszenen von Fußballfans hat man aus 2014 Bilder von Massendemonstrationen und Polizeibrutalität im Kopf. Die Ärmsten der Armen wurden aus ihren Heimen vertrieben.

Auch die Vergabe zukünftiger Sportgroßereignisse wird kritisiert, etwa die Fußballweltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Katar sowie die Winterspiele 2022 an Peking. In den meisten Fällen steht bei der Vergabe der Verdacht von Korruption im Raum. Zudem sehen Medien, NGOs und kritische Sportfans eine Entwicklung hin zu Sportgroßereignissen als elitäre Angelegenheiten, ausgerichtet von autoritären Regierungen.

Vetternwirtschaft, Geldwäsche, Menschenrechtsverletzungen im Vorfeld von Sportgroßereignissen oder systematisches Doping. Der internationale Sport steckt in gewaltigen Schwierigkeiten. Weltfußballverband FIFA, Internationales Olympisches Komitee & Co – die internationalen Sportverbände sorgen für einen Skandal nach dem anderen, auf Kosten von Sport und Menschen.

Weltbühne Sport. „Wir lieben Sport, wir lieben Fußball“, sagt Julia Bustamante aus Rio. Bustamante ist Aktivistin und unterstützte gemeinsam mit Mitstreiterinnen und Mitstreitern die Menschen im Viertel Vila Autódromo. In den Monaten und Wochen vor der Fußball-WM 2014 protestierte sie auf der Straße. Sie sei dabei überhaupt nicht gegen die Sportereignisse an sich, aber vehement gegen die Art und Weise, wie sie durchgeführt werden.

„Sportgroßereignisse waren immer schon Bühne für Politik“, sagt Martin Kainz, Koordinator von Nosso Jogo, einer Initiative von österreichischen NGOs, die sich für die Einhaltung von Menschenrechten bei Sportgroßveranstaltungen einsetzt. Allerdings erst in den vergangenen Jahren sei die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung mit den Events an sich ins Zentrum gerückt, so Kainz. Dafür sieht er mehrere Gründe: „Medien schauen heutzutage genauer hin, dadurch werden Missstände schneller bekannt. Zudem gibt es eine Tendenz, dass Sportgroßereignisse in Staaten mit autoritären oder diktatorischen Machthabern stattfinden“, erklärt Kainz. Die Kritik an dieser Entwicklung sei durchaus als ein positives Zeichen zu sehen.

Die Kosten für die Ausrichtung einer Sportgroßveranstaltung sind gewaltig, im Fall der WM in Brasilien nach offiziellen Angaben 8,75 Milliarden Euro, Schätzungen zufolge mehr als zehn Milliarden Euro.

Von Regierungen würde laut Kainz meist das Argument vorgebracht, ein Mega-Event würde Tourismus und die Wirtschaft an sich ankurbeln. „Es gibt allerdings kein Sportereignis der jüngeren Vergangenheit, das wirtschaftlich nachhaltig war“, betont er. Vielmehr gehe es für viele Regierungen darum, ihre Macht zu legitimieren.

Verbände in Turbulenzen. Die Gegend rund um den Genfer See ist ruhig, lieblich und pittoresk. Direkt am See, ein paar Kilometer außerhalb von Lausanne, residiert das Internationale Olympische Komitee (IOC). Etwa 30 Autominuten braucht man von hier nach Nyon zur UEFA, dem mächtigen europäischen Fußballverband, eine der sechs Kontinental-Konföderationen der FIFA. Der Hauptsitz des Weltfußballverbands selbst liegt am Rande von Zürich, umgeben von Wäldern, Wiesen und Bächen. Doch die Idylle trügt. In den Besprechungsräumen wird seit Monaten eine Krisensitzung nach der anderen einberufen.

Nachdem 2015 gegen FIFA-Funktionäre ermittelt wurde, gerieten auch die Vergaben der Olympischen Spiele 2016 und 2020 ins Visier der Behörden.

„Es hat einen Grund, warum die internationalen Verbände in der Schweiz sind“, sagt Benjamin Best. „Die Gesetzgebung ist lax. Bisher konnten die Funktionäre schalten und walten wie sie wollen.“

Best, Sport-Journalist und Filmemacher, recherchierte intensiv zur FIFA sowie zum Thema Wettmanipulation. In seinem neuen Dokumentarfilm „Dirty Games“ thematisiert er die Verquickung von Politik, Wirtschaft und Verbänden im internationalen Sportgeschäft.

Best kritisiert die mangelnde Transparenz in mächtigen Organisationen wie der FIFA: „Die waren jahrzehntelang ohne Kontrolle“, betont er gegenüber dem Südwind-Magazin. Es habe die US-amerikanische Sicherheitsbehörde FBI benötigt, um das korrupte System der FIFA in Frage zu stellen und Reformdruck aufzubauen. Best dazu: „Die Reformen sehen auf dem Papier ganz gut aus, es gibt eine Art Aufsichtsrat, Amtszeitbeschränkungen etc.“ Gianni Infantino, der neue FIFA-Präsident, habe vor seiner Wahl allerdings die gleichen zweifelhaften Methoden verwendet, um an Mitglieder-Stimmen zu kommen wie sein Vorgänger Sepp Blatter. Auch in den Panama Papers, den Enthüllungen rund um zahlreiche Steuer- und Geldwäschedelikte von Banken und PolitikerInnen, taucht der Name von Infantino auf. Anfang April wurde deswegen eine Razzia in der UEFA-Zentrale durchgeführt. „Es wurden also auf der einen Seite Reformen initialisiert, auf der anderen wird das System weitergeführt“, kommentiert Best.

Moderne Sklaverei. Was in den Zentralen der internationalen Sportverbände zwischen Zürich und Genfer See entschieden wird, hat weltweite Auswirkungen – von Brasilien bis Nepal. In seinem Film reist Best auch nach Kathmandu. Der Journalist trifft hier Chandra und Indra Raj Kapali, die in Katar als Gastarbeiter gearbeitet haben. Für die Fußballweltmeisterschaft der Herren 2022 müssen im Wüstenemirat Katar Sportstätten aus dem Boden gestampft werden. Dafür werden Gastarbeiter geholt, etwa 400.000 von ihnen stammen aus Nepal. Menschen, die dringend Jobs benötigen wie Chandra und Indra Raj Kapali.

Mittlerweile sind die zwei Brüder nur noch froh, heil aus Katar zurück zu sein. Die Nepalesen wurden ausgebeutet – sie mussten auf engstem Raum mit anderen Arbeitern hausen, wurden oft nicht bezahlt und arbeiteten bis zum körperlichen Limit. Vorgesetzte schrien sie an und drohten ihnen mit Polizei und Gefängnis, wenn sie nicht weitermachten. Chandra und Indra Raj Kapali berichten von Todesfällen auf Baustellen, von denen niemand erfahren sollte. „Die Krankenwagen kamen ohne Sirenen, um die Toten abzuholen“, so Chandra Raj Kapali in „Dirty Games“.

In Katar gilt traditionell das so genannte Kafala-System, das den Arbeitgebern die Kontrolle über die Beschäftigten gibt. Das System schreibt den ausländischen Arbeitskräften vor, sich einen Bürgen (Kafil) zu organisieren, um mit diesem Verträge abzuschließen. In vielen Fällen machen diese Verträge die Arbeiter vollständig von ihrem Kafil abhängig.

Fifa und die Regierung von Katar haben schon vor Jahren versprochen, das Kafala-System abzuschaffen. Doch erst Ende März veröffentlichte Amnesty International einen erschreckenden Bericht über die aktuelle Situation beim Bau der Infrastruktur für die WM. Tausende Arbeitsmigranten würden weiterhin ausgebeutet. In einigen Fällen lasse sich laut Amnesty International von „Zwangsarbeit“ sprechen.

Großes Geschäft. Nicht nur Regierungen und Sportverbände seien in der aktuellen Krise in die Pflicht zu nehmen, so Best. „Es ist erschreckend, wie viele Unternehmen, FIFA-Sponsoren etc. aktuell in Katar Geschäfte machen, obwohl diese in vielen Fällen ihren eigenen Richtlinien widersprechen“, erklärt der Deutsche. Dass die WM in Katar stattfindet, habe eine positive Folge – die damit einhergehende mediale Aufmerksamkeit, argumentiert Best. Auch Kainz findet es gut, dass dadurch die Probleme thematisiert werden. „Denn Menschenrechtsverletzungen gibt es dort schon lange.“

Bereits fixierte zukünftige Sportgroßereignisse könne man nur schwer verhindern. Das Projekt Nosso Jogo will langfristig etwas ändern: „Wir müssen in Bezug auf den Ausschreibungsprozess aktiv werden“, betont Kainz. „Und das betrifft alle Sportgroßereignisse nach 2026.“

Die Ausschreibungen sollten Standards zu Menschenrechten beinhalten. Weise ein potenzielles Austragungsland Defizite vor, könne es diese durch Vorschläge zur Verbesserung der Situation wettmachen. Dazu bräuchte es allerdings ein starkes internationales Commitment auf höchster Ebene.

Fans gefragt. Best ist der Meinung, dass zudem mehr von jeder Einzelner und jedem Einzelnen kommen muss, etwa als Konsumentinnen und Konsumenten. Die Sponsoren der internationalen Sportverbände und Sportgroßereignisse müssten stärker spüren, dass Menschenrechte zählen. „Das ist unsere Verantwortung, wie im Fall der Bekleidungsindustrie. Wir müssen nicht bei diesen Firmen kaufen!“

Und die Sportfans seien auch gefragt. Im Zuge seiner Filmrecherchen ist Best immer wieder auf Initiativen gestoßen, die etwas verändern wollten. „Aber für die meisten Fans ist Sport nur Ablenkung, und das ist fatal“, sagt Best. „Oft heißt es, Sport ist nicht politisch. Das stimmt überhaupt nicht!“

Er selbst, eigentlich sportbegeistert, tue sich mittlerweile schwer, sich als Zuseher den Sportwettkämpfen zu widmen. Die aktuelle Situation sei auch ein Betrug an den Fans, und nicht zuletzt an den Sportlerinnen und Sportlern. „Viele von ihnen leben für den Sport und würden nie etwas machen, was nicht sauber ist.“

Der Film „Dirty Games“ kommt am 2. Juni in die österreichischen Kinos.

Nosso Jogo ist ein Projekt verschiedener österreichischer NGOs, die sich für die Einhaltung von Menschenrechten bei Sportgroßveranstaltungen einsetzen. Nosso Jogo ist mit NGOs und AktivistInnen in Brasilien vernetzt, setzt sich für einen Dialog mit der heimischen Sportpolitik sowie Verbänden ein, macht Medienarbeit und führt Workshops durch.

www.nossojogo.at

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