Leben mit Koka

Wie man im Urwald Kolumbiens mit Kokapaste zu Geld kommt.

Von Ralf Leonhard
Don Armando hat seine Pflanzung weit unten am Rio Cenceya, wo die Militärs nur sehr sporadisch patrouillieren. Mehrere Stunden muss man Flüsse und deren Seitenarme auf- und abfahren, oft unter heftigem Regen, der auch durch die dicken Ölmäntel dringt. Die Ufer sind hier nur dünn besiedelt, der Urwald reicht bis zum Wasser. Von dort, wo Don Armandos Hausboot liegt, muss man noch eine halbe Stunde durch das Dickicht des Tropenwaldes stapfen: besonders bei anhaltendem Regen ein mühsamer Marsch.

Auf einer Lichtung steht die verbotene Pflanze: ruppig wirkende Stauden mit hellgrünen Blättern, dem Lorbeer nicht unähnlich, doch ohne dessen würziges Aroma. Unter einem Verschlag am Rande der kaum einen Hektar großen Pflanzung stehen zwei hölzerne Pritschen mit löchrigen Matratzen. Hier schlafen unter Mosquitonetzen die beiden Söhne von Don Armando. Außer Kaffee, Salz, Reis und Teigwaren holen sie sich die Nahrung aus dem Urwald. Am Waldrand wachsen Papayas, Ananas und andere tropische Früchte. Mit ihren Schrotflinten können sie Affen, Nagetiere und Vögel für den Kochtopf erbeuten.

Alle 45 Tage kann das Coca-Blatt geernet werden. Für die Verarbeitung braucht man Zement, Benzin, Schwefelsäure und Natriumkarbonat (Soda). Vor ein paar Jahren noch wurde Zement in solchen Mengen in den Urwald geschafft, dass man meinen musste, es würden dort ganze Städte aufgebaut. Inzwischen ist die Militärkontrolle so streng, dass selbst die normale Bautätigkeit fast zum Erliegen gekommen ist. Alle Boote müssen zur Kontrolle an den Armeeposten anlegen, egal ob sie Passagiere oder Waren geladen haben. Trotzdem wissen die Bauern selbst im dichtesten Urwald, wo sie zu Benzin, Zement und den anderen Zutaten kommen können. Don Armando taucht nach einer halben Stunde mit einem vollen Benzinkanister auf der Schulter auf. Seine Söhne verschwinden über einen fast unsichtbaren Pfad und bringen bald ein Säckchen mit Natriumkarbonat mit.

Zuerst werden die Blätter auf einem Holzboden gehackt und mit etwas Zement zum Schwitzen gebracht, dann kommen sie in eine Plastiktonne, wo sie mit Benzin zugedeckt werden. Am besten lässt man die Brühe nun über Nacht ruhen. Dann kommt sie in eine löchrige Blechtonne, durch deren Öffnungen der gesättigte Saft austritt. Mit Schwefelsäure vermengt verliert das Gemisch schließlich den Benzingeruch. Dann wird es mit Natriumkarbonat verschnitten und verwandelt sich in eine weißliche, dickflüssige Masse. Die wird durch ein Tuch gefiltert. Übrig bleibt die Kokapaste, die nur noch getrocknet und vermarktet werden muss.

Moralische Bedenken hat Don Armando keine. Er ist das unterste Glied der Drogenkette, die in den Salons von New York und Los Angeles endet. Doch das weiße Pulver, das sich die Jeunesse Dorée der USA und Europas bei schicken Partys in die Nase zieht, hat er noch nie gesehen. Er weiß nur, dass er hier im Urwald mit herkömmlichen Pflanzungen nicht überleben kann. Dort wo er herkommt, im zentralen Bergdepartement Huila, gab es keine Arbeit und kein Land. Also folgte er dem Gerücht, dass man im Urwald zu Geld kommen könne.

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