Havanna. Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft

Drekonja-Kornat, Gerhard (Hg.)

Von Robert Lessmann
LIT-Verlag, Wien, 2007, 172 Seiten, € 14,90

Gerhard Drekonjas Einleitung ist eine Liebeserklärung an Havanna. Der Historiker erschließt uns einen Zugang zu Havanna in Form einer persönlichen Chronik seiner (nicht nur) akademischen Verbundenheit, manchmal launig, immer kenntnisreich. Selbstbekenntnisse eines „kleinbürgerlichen Individualisten“ – ein Genuss!
Kenntnisreichtum aus erster Hand, oft Resultat von Feldforschungen, zeichnet auch die Beiträge der AutorInnen aus. Und natürlich ist es ein Buch nicht nur über eine Stadt, sondern auch über Kuba und seine Revolution mit ihren Metamorphosen. Es geht nicht nur um die Entstehung von Gebäuden und die Entwicklung von Stadtvierteln. Hier ist Stadtgeschichte vor allem auch Lebens- und Alltagsgeschichte. So schreibt Stephan Strasser, dass vor 1959 im Villenviertel Miramar per Gesetz keine Schwarzen wohnen durften. Er beschreibt, wie dort dann doch überwiegend verdiente Kader der Revolution einzogen. Man erfährt aber auch, wie sich heute eine neue soziale Diversifizierung in Ghettoisierung zu verwandeln beginnt: Wohngegenden für Privilegierte und solche für Arme, bis hin zu so genannten barrios insalubres, ungesunden Vierteln mit provisorischen Behausungen; ganz wie früher – und verbunden damit: eine beginnende Ghettoisierung gerade auch wieder von Afro-KubanerInnen.
Seltene und bedrückende Daten über Verwahrlosung und einstürzende Altbauten (und die Opfer!) werden verdienstvoll in Fußnoten angeführt und im Text die Umsiedlung der Bevölkerung in Neubausiedlungen vor den Toren der Stadt (mit Fernsehapparat und Kühlschrank, wie erwähnt wird) kritisiert, sowie die Umwandlung von Alt-Havanna in ein Touristenghetto. Das ist in der Tat nicht schön. Ich kenne freilich Fälle aus anderen Städten Lateinamerikas, wo einfach nur Abrissbirne und Bulldozer walteten.
Der lesenswerte dritte Teil beschreibt die Allgegenwart der afro-kubanischen Santeria-Religion. Es folgen interessante und teilweise sehr spritzig geschriebene Beiträge zur Entwicklung der Musik in der Revolution, über Ausbruchsversuche aus bürokratischen Versteinerungen des Alltags, wie die Entwicklung einer Szene um ein Literaturcafé. Pflichtlektüre für alle Havanna-AspirantInnen.

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