Begrenzter Spielraum

Die ägyptische Politikwissenschaftlerin Hoda Salah forscht an der FU Berlin zu Geschlechterrollen in arabischen und muslimischen Gesellschaften. Mit Michaela Krimmer sprach sie über Möglichkeiten und Grenzen, mit dem Koran für Frauenrechte zu kämpfen.

Hoda Salah

Südwind-Magazin: Wie passen Islam und Feminismus zusammen?
Hoda Salah:
Vor 15 Jahren hätte ich noch nachdenken müssen, um diese Frage zu beantworten. Aber jetzt gibt es eine echte soziale Bewegung dazu, in Ägypten, aber auch in anderen arabischen Ländern, die sich sogar so nennt: islamischer Feminismus. Ich unterteile diesen Feminismus in drei Strömungen: die konservativen, die liberalen und die radikalen Feministinnen. Allen drei ist das Bewusstsein gemein, dass islamischen Frauen noch nicht die Rechte zugesprochen wurden, die der Islam verspricht. Mit der Religion will man diese Rechte einfordern. Keine dieser Richtungen propagiert, dass Frauen nur zu Hause bleiben müssen. Sie sind für Bildung und für die Teilnahme von Frauen am politischen Leben und an der Öffentlichkeit.

Wie unterscheiden sich diese Richtungen?
Die Konservativen meinen, Frauen könnten ihre Ziele durch Arbeit und Bildung erreichen, aber ihre Hauptaufgabe sei es, eine gute Mutter und Ehefrau zu sein. Auch wenn sie noch so viele Rechte haben, werde der Mann für den Unterhalt des Hauses verantwortlich sein.

Die Moderaten oder Liberalen argumentieren, dass der Islam an sich eine feministische Religion sei. Sie sagen, der Prophet Mohammed habe für Frauenrechte gekämpft. Es gebe viele Stellen im Koran, die Mann und Frau gleich behandeln.

Und dann gibt es die Radikalen. Radikal nicht, weil sie extrem oder radikal handeln, sondern weil sie radikal denken. Sie sagen, der Islam sei eine patriarchale Religion, aber nicht frauenfeindlich. Die ethische Botschaft des Koran sei die Gleichberechtigung. Daran sollten wir uns halten und nicht an die Gesetze, die im Koran stehen.

Doch diese Haltung kann gefährlich sein. Denn wenn man gewisse Stellen des Koran ablehnt, kann man leicht in die Schublade der Ungläubigen gesteckt werden. Diese Bewegung der radikalen Feministinnen, wie ich sie beschreibe, hat keinen offiziellen Namen, sie ist einfach eine Denkrichtung vor allem von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

Gibt es viele islamische Feministinnen?
Die islamischen Feministinnen sind eine Minderheit in Ägypten und der arabischen Welt. Denn die meisten arabischen Länder sind immer noch säkular. In Europa und auch in arabischen Ländern vergessen wir, dass der Islamismus und die Islamisierung eigentlich ein Phänomen ist, dass nicht älter als 20 Jahre ist. Deshalb sind die Bewegungen, die vorher entstanden sind, meist säkular.

Bis zur Revolution in Iran in den 1970er Jahren war der Islam Religion, aber keine Staatsverfassung. Die meisten Verfassungen waren säkular. Seit der iranischen Revolution hat sich plötzlich alles islamisiert: die Politik, die Frauenrechte, selbst die Psychologie und die Medizin. Unser ganzer Alltag wird islamisiert. Selbst die Sprache wandelt sich. Die Werte des politischen Islam werden immer mehr verinnerlicht. Das ist keine religiöse, sondern eine politische Bewegung.

Wie können Frauen mithilfe des Koran für ihre Rechte argumentieren?
In meinen Augen instrumentalisieren die konservativen und die liberalen Feministinnen, so wie ich sie vorhin beschrieben habe, die Religion. Diese Frauen lesen nur die Stellen, an denen es heißt, dass Frauen gleichberechtigt sind. Doch es gibt genauso Texte im Koran, die sagen: „Schlagt die Frauen, wenn sie euch nicht gehorsam sind.“ Und diese Stellen ignorieren die Konservativen genauso wie die Liberalen.

Doch die radikale Gruppe sagt: Wir müssen akzeptieren, dass der Koran, genauso wie die Bibel, wunderbare ethische und spirituelle Botschaften hat, aber daneben auch brutale. Wir müssen akzeptieren, dass manche heiligen Texte auch gegen die Menschenrechte und auch rassistisch sind. Es gibt im Koran auch einige antisemitische Stellen oder Aussagen gegen Andersgläubige. Umgekehrt gibt es auch sehr freundliche Passagen im Koran über Juden und Jüdinnen, Christen und Christinnen. Wir konzentrieren uns auf diese ethische Botschaft und nicht auf die Regeln und Gesetze.

Doch die Mehrheit traut sich nicht, das zu sagen und zu akzeptieren. Und ich kann das verstehen. Auf der ganzen Welt befindet sich der Islam in einer Verteidigungshaltung. Es gibt so viel Islamophobie, und viele Muslime finden sich ständig in der Defensive wieder. Leider verhindert diese Verteidigungshaltung die kritische Auseinandersetzung mit einer Religion.

Sie haben auch zu Frauen bei den konservativen ägyptischen Muslimbrüdern geforscht. Wie schaut deren Kampf für Frauenrechte aus?
Die Muslimbrüderschaft ist eine patriarchale Organisation, Frauen dürfen dort nicht einmal Mitglied sein ohne ihre Männer. Männer können Einzelmitglied sein. Das heißt, die ganze Struktur – vor allem natürlich die obersten Positionen – wird von Männern beherrscht. Dabei glaube ich, dass die gesamte Organisation von Frauen getragen wird, da sehr viele Männer im Gefängnis sind. Die Muslimbrüderschaft ist immer noch schweren staatlichen Repressalien ausgesetzt. Die Frauen kümmern sich um die Familien der Gefangenen. Außerdem haben die Frauen Zugang zum Privatbereich. Ähnlich den Missionaren hier in Europa gehen die Ehefrauen der Muslimbrüder von Tür zu Tür, um für ihre Organisation zu werben.

Es gibt jetzt Muslimschwestern, die bloggen. Dort schreiben sie ihre Kritik an den Muslimbrüdern. Es gibt momentan sehr lebhafte Debatten – und das ist immer gut, egal ob konservativ oder nicht. Oft vergisst man, wie vielfältig die arabische Welt ist, wie viele unterschiedliche Debatten stattfinden, wie viele unterschiedliche Bewegungen es gibt. Die arabische Welt ist so kompliziert, da kann man keine einfachen, verallgemeinernden Analysen aufstellen.

Kann man in Ägypten diese Debatten öffentlich austragen?
Es gibt einen Spielraum, der von Tabus eingegrenzt ist. Ägypten ist eine sehr lebhafte, vielschichtige Gesellschaft, mit Zeitungen, verschiedenen Meinungen, 24 Parteien – aber mit einem autoritären Staat. Ägypten erlebt gerade eine große Öffnung. Wenn man Debatten führt, kann man vieles sagen außer drei Dingen: Der Präsident Hosni Mubarak darf nicht kritisiert werden, und die Existenz Gottes darf nicht angezweifelt werden. Am besten ist es zu sagen, dass du gläubige Muslimin bist, auch wenn du Atheistin bist. Das Wichtigste ist: Du bist nicht gegen Mubarak und du bist nicht gegen Gott. Und beim Thema Sexualität gibt es auch gewisse Tabus. Man kann öffentlich über Sexualität reden – und das wird viel getan –, doch die Rechte von Homosexuellen einzufordern, ist unmöglich. Das ist sehr schade. Ich bin selbst in der Menschenrechtsbewegung in Ägypten tätig. Und wenn ein islamischer Aktivist oder Aktivistin ins Gefängnis kommt, dann kämpfen alle – selbst die mit anderer politischer Meinung – dafür, dass er oder sie freigelassen wird. Bei Homosexuellen ist das nicht der Fall. Selbst wenn „säkulare“ Aktivistinnen und Aktivisten das wollten, würden sie dadurch so viel Rückhalt in der Gesellschaft verlieren, dass sie das nicht tun. Forderungen nach Legalisierung und Reglementierung von Prostitution sind ein anderes Tabu.

Was sind Hauptdiskussionsthemen, die vor allem Frauen betreffen?
Einer unserer Dauerbrenner ist die Fernsehsendung „Gewichtige Worte“. Die Moderatorin nennt sich selbst islamische Psychologin. Sie versucht in diesem Programm, das, was sie unter islamischer Sexualität versteht, zu erklären. In der Sendung rufen Frauen an, die z.B. bedauern, dass sie keinen Orgasmus haben. Die Moderatorin fragt genau nach, was ihr Mann tut, ob er sie mit dem Finger streichelt oder sie küsst. Die Frau sagt, dass ihr Mann sie berührt, sie aber nichts fühlt. Als Nächstes wird darüber geredet, ob die Frau beschnitten ist. Also das finde ich wirklich unglaublich, dass dieses Thema ganz öffentlich besprochen werden kann und wird. Andererseits wird auch viel verdammt in dieser Sendung. Wenn z.B. eine Frau fragt, ob sie mit ihrem Mann Geschlechtsverkehr haben darf, wenn sie ihre Regel hat. Das ist nach islamischer Lehre verboten, denn die Frau gilt dann als unrein. Ganz viele Frauen rufen wegen Anal- und Oralsex an. Über Oralsex gibt es lange Debatten in dieser Sendung. Und das passiert live! Die Sendung ist sehr, sehr beliebt! Das heißt, auf der einen Seite führt diese islamische Sexualaufklärung in Richtung Liberalisierung der Sexualität in einer stark traditionellen und religiösen Gesellschaft – allerdings nur innerhalb der Ehe –, und auf der anderen Seite werden die Sexual- und Moralvorstellungen islamisiert – und damit auch gleich außereheliche Beziehungen, Homosexualität oder einfach individuelle Menschenrechte nicht mehr respektiert, wenn sie in Widerspruch mit dem Islam geraten.

Hoda Salah war im Oktober auf Einladung des VIDC in Wien.

nach oben