Der Mitmach-Staat

Somaliland will es weiterhin besser machen als der Nachbar Somalia. Wie die Menschen „ihren“ Staat dabei unterstützen, berichtet Bettina Rühl in ihrer Reportage.

Hargeisa, die Haupstadt Somalilands: Die Menschen im selbsternannten Staat versuchen, aus schwierigen Rahmenbedingungen etwas zu machen.

In dem verdunkelten Raum summt ein Beamer, das Gerät wirft Filmaufnahmen einer bergigen Steinwüste an die Wand. Ein Geländewagen holpert über das Geröll, er wogt beim Fahren von rechts nach links wie ein Schiff in schwerer See. Dann sieht man Aufnahmen einer neueren Piste. Aus dem Halbdunkel kommt die tiefe Stimme von Abdulkadir Hashi Elmi: „Auf dieser Strecke gab es früher ständig Unfälle. Wir mussten einfach was tun!“ Also machte er sich daran, eine Straße zu bauen.

Abdulkadir ist Somaliländer und um die achtzig Jahre alt. Fast vier Jahrzehnte lang hat er in Kuwait gelebt, dort für ein Erdölunternehmen gearbeitet und jede Menge Geld verdient. Vor zwölf Jahren kehrte Abdulkadir nach Somaliland zurück. „Wie jeder Mensch verdanke ich meinem Heimatland viel“, begründet er seine Rückkehr. „Davon will ich jetzt etwas zurückgeben.“

Am laufenden Band produziert der 80-Jährige Geschäftsideen und Projektskizzen. Die Straße durch die Steinwüste, die von der Hauptstadt Somalilands Hargeisa an die Küste führt, ist nur eine von diesen Ideen.

Die Entstehung dieser Straße erklärt viel vom de-facto-Staat Somaliland. Mit ihren knappen finanziellen Ressourcen hat die somaliländische Regierung einen erstaunlich funktionstüchtigen Staat auf die Beine gestellt. Seit Beginn der selbsterklärten Unabhängigkeit fanden regelmäßig Wahlen statt, wenn auch jedes Mal mit erheblicher Verspätung. Das große Engagement der Bevölkerung für ihren Staat gilt als wichtiger Grund für die relative Stabilität des Landes. Angesichts seiner Lage inmitten einer Krisenregion ist schon der Frieden eine beachtliche Leistung.

Dass die Bevölkerung sich am Aufbau staatlicher Strukturen beteiligt, dass sie für Schulen, Universitäten, Straßen und Krankenhäuser spendet, ist eines der Geheimnisse von Somaliland. Auch die demokratischen Strukturen seien in den vergangenen Jahren „sehr organisch“ von unten nach oben aufgebaut worden, lobt Claire Elder von der International Crisis Group. Anders als im benachbarten Somalia, wo mit internationalem Zutun immer versucht wurde, eine Zentralregierung von oben einzusetzen – ein Modell, das seit mehr als zwanzig Jahren scheitert.

Lösungen. Abdulkadir greift nach einer Karte Somalilands. Zu sehen sind dort die rechteckigen Landesgrenzen im nordöstlichen Zipfel Afrikas, darin mehr oder weniger hohe Berge und eine Küstenlinie von rund 850 Kilometern. „Hier sind wir also“, erklärt Abdulkadir, und tippt auf den roten Fleck unterhalb der Berge, der Hargeisa markiert. Das Rote Meer ist hundert Kilometer Luftlinie entfernt. Zwischen der Stadt und der Küste liegt ein Gebirgszug. „Er schneidet Hargeisa vom Roten Meer ab“, erklärt Abdulkadir.

Noch vor kurzem dauerte die direkte Fahrt von Hargeisa ans Meer über die kaum begradigte Gebirgsverbindung mindestens einen Tag. Mit der neuen Piste geht es schon deutlich schneller. Abdulkadirs Ziel ist eine asphaltierte Straße. „Dann könnten wir dort nämlich auch in Tourismus und Fischerei investieren, vielleicht würde sich sogar eine fischverarbeitende Fabrik lohnen.“

Abdulkadir denkt noch weiter in die Zukunft: Sollte Äthiopien tatsächlich über wirtschaftlich nutzbare Erdölvorkommen verfügen, könnte es das Öl entlang einer Straße viel leichter durch Somaliland an die Küste leiten und von dort aus exportieren.

Wichtige Jobs. Vor drei Jahren fing Abdulkadir mit dem Bauen an. Dazu suchte er weitere Spender und Sponsoren, investierte aber auch eigenes Geld. Nach seiner Rückkehr aus Kuwait gründete er in seiner Heimat zwei Hotels, von denen vor allem das Haus in der Hauptstadt ausgezeichnet läuft.

Insgesamt beschäftigt Abdulkadir nach eigenen Angaben rund 300 Angestellte. Für seine Heimat ist das von Bedeutung, denn kaum etwas braucht Somaliland so dringend wie Arbeitsplätze. Etwa 70 Prozent der Bevölkerung sind jung – und fast alle arbeitslos.

Abdulkadir glaubt an seine Investments: „Ich bin davon überzeugt, dass wir mehr produzieren können, wenn wir mehr in unser Land investieren. Am Ende werden wir mehr herausbekommen als wir reingesteckt haben.“ Das waren für die Straße immerhin schon 1,5 Millionen US-Dollar. Geschätzte Kosten der Asphaltdecke für die Verbindung Hargeisas mit der Küste: 12,5 Millionen Dollar.

Gemeinsam. Weniger Geld, aber viel Zeit und Energie investieren auch die Bürgerinnen und Bürger des Dörfchens Eilbahay in „ihren“ Staat. Für ungeübte Augen ist der Ort kaum als ein solcher zu erkennen: ein paar weit verstreute Hütten in kargem Buschland, durchsetzt mit dornigen Büschen.

Es ist heiß, ein paar Ziegen zeigen sich trotz der Sonne, unter einem der wenigen, dürr belaubten Bäume sitzen drei alte Männer. Sie sind der „Bildungsausschuss“ des Dorfes, in ihren Händen liegt auch das Management der Volksschule von Eilbahay. „Wenn wir beispielsweise zu wenige Schüler haben, gehen wir von Haus zu Haus und werben bei den Eltern für den Schulbesuch“, beschreibt Omar Ahmed Warsame ihre Aufgaben. Die Vollversammlung des Dorfes hat ihn zum Ältesten gewählt. Auf Omars schwarzem Jackett liegt der Steppensand in einer feinen Schicht. Er trägt ein Palästinensertuch, eine weite Hose aus afrikanischem Stoff, eine muslimische Kopfbedeckung, schwarze Straßenschuhe und einen Gehstock.

Mit dem Bürgermeister als dem Vertreter des modernen Staates arbeiteten die Ältesten gut zusammen, meint Omar. Die Ältesten nehmen die Bevölkerung dabei in die Pflicht: In den ersten Jahren der Unabhängigkeit wurden die Kinder von Eilbahay unter den Bäumen unterrichtet. Um endlich eine Schule bauen zu können, sammelten die traditionellen Dorfchefs Geld bei den Eltern, fragten aber auch den Bürgermeister nach staatlicher Unterstützung. Auf diese Weise bekamen sie genug Geld für ihre Schule zusammen, das Bauen übernahm die Dorfbevölkerung selbst.

Jetzt denken die Bewohnerinnen und Bewohner sowie die Ältesten des Dorfes schon wieder weiter. „Wir brauchen drei zusätzliche Klassenräume“, sagt Omar. „Und einen Zaun um die Schule.“ Die Ältesten haben mit dem Sammeln des Geldes schon angefangen.

Nicht nur in Sachen Schule sind sie aktiv: Ist Trinkwasser gerade besonders knapp, wenden sie sich an die Regierung. Beim Staat, bei Hilfsorganisationen und bei der Bevölkerung werben sie derzeit für eine Gesundheitsstation. Noch müssen die Menschen sechs Kilometer bis ins nächste Dorf gehen, wenn sie die Hilfe einer Krankenschwester brauchen. „Für Frauen, die schon starke Wehen haben, ist das so weit, dass es gefährlich ist“, sagt Omar.

Wolken am Horizont. Motivierte Rückkehrer wie Abdulkadir und engagierte Bewohnerinnen und Bewohner wie in Eilbahay – die Menschen helfen mit, dem Land eine Perspektive zu geben. Allerdings bestehe in Somaliland die Gefahr, dass der Glanz verblasst, warnt Claire Elder von der International Crisis Group: „Inzwischen streben auch hier die politischen Eliten vor allem nach Macht.“ Der Raum für Kompromisse zwischen Clans und anderen Interessengruppen werde kleiner. Eine gefährliche Entwicklung, denn genau diese Kompromissfähigkeit garantierte bislang den Frieden im Mitmach-Staat. 

Bettina Rühl ist freiberufliche Journalistin für Printmedien und Radio. Sie lebt in Nairobi und bereiste unlängst Somaliland.

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