Sterntänzer

Von Redaktion · · 2012/09

Dorothea Nürnberg

Roman. Ibera Verlag, Wien 2012, 269 Seiten, EUR 20,-

„In uns ist ein Geheimnis. In uns bewegt und dreht sich etwas“, schrieb der große persische Sufi-Dichter Rumi aus dem 13. Jahrhundert, der zusammen mit Hafis Goethe zu seinem „West-östlichen Diwan“ inspirierte. Doch die Wiener Malerin Lara empfindet nicht das geringste Interesse für islamische Mystik oder altpersische Dichtkunst. Aber das Drehen der Derwische fasziniert sie auf magische Weise. Sie erlebt den türkischen Tänzer und Derwisch Kerim bei einem Musikfestival in der österreichischen Hauptstadt und beschließt, sich als Privatschülerin bei ihm ins Drehen einweihen zu lassen.

Wien im 21. Jahrhundert. Das oft romantisch verklärte Interesse an orientalischer Lebensweise und Kultur früherer Jahrhunderte wurde durch die Arbeitsmigration seit den 1960er Jahren das Stereotyp von ungebildeten fremden Menschen, und ihre Religion wurde durch den fatalen 11. September 2011 zum Sinnbild eines erbarmungslosen Terrorismus. Wien im Wahlkampf. Ein rechtspopulistischer Politiker namens G. B. Rache peitscht die Wogen der Empörung über den neuen islamischen Krieg gegen das Abendland hoch.

Im Kontext der durch populistische Politiker noch geförderten Islamophobie setzt die österreichische Autorin Dorothea Nürnberg die Handlung ihres Sterntänzer-Romans an. Die Geschichte des türkischen Derwisch Kerim und der österreichischen Malerin Lara, die von ihrem Lehrmeister schließlich gebeten wird, mit ihm eine Choreographie über den getanzten Weg zu Gott einzustudieren, zu jener Instanz, die nach Sufi-Tradition im eigenen Herzen wohnt.

Dorothea Nürnberg erzählt Lebensgeschichten aus der türkisch-islamischen „Parallelwelt“ Wiens, die von einer starken Empathie mit dieser Welt und einem tiefen Wissen darüber zeugen. Die fehlende Bereitschaft, sich dem anderen gegenüber zu öffnen, auf ihn zuzugehen, wird als Nährboden für gesellschaftliche Intoleranz ausgemacht, die wiederum auf beiden Seiten radikale Positionen fördert.

Am Ende der Eklat: Bei einer öffentlichen Aufführung von Kerim und Lara fällt ein Schuss. Der aus dem Ausland eingeschleuste Attentäter hatte den Auftrag, den Tänzer für immer tanzunfähig zu machen, doch wurde es nur ein Streifschuss am Bein. Ein in Wien lebender türkischer Arzt wird als intellektueller Attentäter identifiziert: Er wollte Kerim dafür bestrafen, sich eine Ungläubige als Partnerin für das zutiefst religiöse Tanzstück gesucht zu haben.

Um sich von dem Schock des Anschlags zu erholen, reisen Kerim und Lara zu einem Sufi-Zentrum in die Sahara, dabei Rumis Worten folgend: „Kümmere dich nicht. Halt nicht an, Derwisch, dreh dich weiter.“

Mit großem Einfühlungsvermögen skizziert die Autorin die Welt der islamischen Mystik, des Sufismus, in der das Drehen des eigenen Körpers auf dem Weg zur Selbsterkenntnis eine tragende Rolle spielt.
Werner Hörtner

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