Stilles Leiden, starke Frauen

Der Nobelpreis für Malala Yousafzai stellt einen gewöhnlich leisen Kampf ins Rampenlicht: den vieler Frauen in Pakistan für Gleichstellung – gegen eine konservative Gesellschaft, die den Islam vorschiebt, um die Unterdrückung zu rechtfertigen. Brigitte Voykowitsch hat einige dieser Frauen porträtiert.

Der öffentliche Raum in Pakistan ist männlich geprägt. Mädchen in einem Kolleg in Lahore.

Safia Beg besucht gerade einen Englischkurs der Aman-Sozialstiftung in der südpakistanischen Hafenmetropole Karachi. Die 17-jährige, die in bescheidenen Verhältnissen im Industrieviertel Korangi aufgewachsen ist, will Medizin studieren und weiß, dass die Regionalsprache Sindhi und die Landessprache Urdu dafür nicht ausreichen. Für eine gute Karriere ist Englisch unerlässlich.

Auch die 20-jährige Fatima Naseer hat große Ambitionen. Sie kommt aus armen Verhältnissen, hat aber mit der Unterstützung ihrer Eltern den Sprung an die Universität Karachi geschafft und arbeitet nun am Institut für Frauenstudien auf einen Master hin. Sie will sich dafür einsetzen, dass es künftig noch mehr couragierte Frauen in der Stadt gibt. „Wir müssen tun, was wir können, um diese insgesamt so negative Einstellung der Gesellschaft gegenüber den Frauen endlich zu überwinden. Leider sind sich viel zu viele Frauen noch immer nicht ihrer Rechte bewusst. Es ist noch so viel Arbeit erforderlich,“ meint Naseer. „Daher brauchen wir viele Frauen, die sich bei der Frage der Frauenrechte wirklich gut auskennen und gut argumentieren können!“ Die junge Frau ist zuversichtlich, dass sich dann die Gesellschaft verändern wird. „Deshalb studiere ich hier.“

Die 25-jährige Parveen Shah in der Stadt Lahore kann sich glücklich schätzen. Sie hat einen Master in Politikwissenschaft erworben und dann einen guten Job gefunden. „Überall müssen die Frauen kämpfen, und der Kampf beginnt in der eigenen Familie, mit dem Vater, mit den Brüdern. Mein Bruder war der Ansicht, dass der Platz der Frau im Haus ist und dass sie das Haus nicht verlassen soll.“ Der Islam diene dann als Vorwand: „Der Islam hält die Frauen nicht zurück. Die Männer tun es. Und viele Mädchen schaffen es nicht, sich gegen die Männer in der Familie durchzusetzen. Mir ist es zum Glück gelungen, auch wenn es nicht einfach war. Mein Bruder war der Überzeugung, dass die Schule meinen Charakter verderben würde.“

Die Mehrheit der Frauen in Pakistan leidet weiterhin unter starker Unterdrückung. Besonders schlimm ist die Lage in ländlichen Regionen und in den von traditionellen Ehrenkodizes bestimmten Siedlungsgebieten der Paschtunen im Nordwesten des Landes. Dort wurde im Oktober 2012 die damals 15-jährige Malala Yousufzai von den Taliban angegriffen und lebensgefährlich verletzt. Grund für den Anschlag: Malala hatte sich öffentlich für das Recht von Mädchen auf Bildung engagiert. Der Fall Malala ging um die Welt, das Leiden der meisten Frauen in Pakistan vollzieht sich still und unbemerkt.

Doch gerade in den Städten kämpfen bereits seit den 1970er Jahren unzählige Frauen für die Gleichstellung der Geschlechter. Anlass für die erste große Mobilisierungswelle waren die frauenfeindlichen Gesetze, die der neue Militärmachthaber Mohammed Zia-ul-Haq 1979 erließ. Obwohl damals Kriegsrecht herrschte, organisierten Frauen wiederholt Kundgebungen. Sie ließen sich auch nicht durch Misshandlungen seitens der Polizei abschrecken. Besonders schlimm waren Gesetze, die Strafen wie Steinigung oder Auspeitschen vorsahen, und insbesondere auch jenes, demzufolge eine vergewaltigte Frau als Beweis für die Tat vier männliche Zeugen vor Gericht bringen musste. Die Folge war, dass sich die Gefängnisse mit Frauen füllten, die Opfer einer Vergewaltigung geworden waren, dann aber wegen Ehebruchs verurteilt wurden.

Als jüngste Preisträgerin der Geschichte erhielt Malala Yousafzai im Oktober den Friedensnobelpreis. Ein auf sie verübtes Schussattentat der Taliban machte die 17-Jährige weltberühmt.

Zias Regime sollte Pakistan nachhaltig verändern. Frauen, die ihre Jugend in den 1960er und 1970er Jahren  – vor der Machtergreifung des Generals – verbrachten, erinnern sich bis heute wehmütig an jene Zeit. „Wir sprachen von den Rocking Sixties“, erzählt die Ärztin und Aktivistin Hilda Saeed. „Es gab gute Kinos, Theater und Nachtclubs. Das Kulturleben war so reich, das Leben so vielfältig. Frauen konnten sich in Jeans gekleidet frei bewegen.“

Zohra Yusuf kam wie die meisten Frauen in der frühen Frauenbewegung aus der kleinen gebildeten Mittelschicht. Insgesamt war Pakistan damals eine sehr feudale, patriarchale und konservative Gesellschaft. Doch die Frauen in der Bewegung waren zuversichtlich, dass sie Schritt für Schritt einen positiven Wandel bewirken könnten. Sie konnten nicht ahnen, welch lang anhaltende Folgen Zias Regime nach sich ziehen würde.

Auf Zia-ul-Haq folgte in den 1990er Jahren ein wenig erfolgreiches Demokratieexperiment. Auch die damalige Premierministerin Benazir Bhutto konnte nur wenige Verbesserungen für die Frauen bewirken. 1999 putschte erneute das Militär. Seit 2008 ist Pakistan wieder eine Demokratie, doch im Hintergrund ziehen weiterhin Militär und Geheimdienst die Fäden. Ein Teil der unter Zia-ul-Haq eingeführten islamischen Gesetze wurde inzwischen aufgehoben oder abgeschwächt. Doch die Taliban und zahlreiche weitere militante Gruppen, deren Ursprünge in die Zeit Zias zurückreichen, stellen eine permanente Bedrohung dar. Von einer Rückkehr zur Normalität kann keine Rede sein. Die politische Dauerkrise hat die soziale Entwicklung stark behindert. Die Armut ist extrem hoch, die Kluft zwischen Arm und Reich sehr tief.

Noch liegt die Analphabetenrate in Pakistan bei 50 Prozent, bei den Frauen sind es sogar 64 Prozent. Dennoch steigt in den Städten die Zahl der Frauen, die studieren und berufstätig sind. An manchen Universitäten und Fakultäten – auch in technischen Fächern und IT – sind heute bereits mehr Frauen als Männer inskribiert.

Jehan Ara, die bereits Mitte der 1990er Jahre ihre eigene IT-Firma in Karachi gründete, ist heute Vizepräsidentin des pakistanischen IT-Verbands P@SHA. Was Jehan Ara derzeit bewegt, ist, dass es noch viel zu wenige Startups von Frauen gibt. „Ich werde mich dafür engagieren, dass mehr Frauen Unternehmen gründen“, sagt die Unternehmerin. „Ich weiß nicht, warum sie sich das nicht zutrauen. Wir haben tolle Architektinnen, Projektmanagerinnen, IT-Expertinnen, Ärztinnen – Lehrerinnen sowieso –, aber nicht genug Unternehmerinnen.“ Die wenigen, die es gibt, seien wirklich erfolgreich: „Es gibt so viele Frauen mit Talent, Intelligenz und auch dem leidenschaftlichen Wunsch, etwa zu verändern, damit sich dieses Land entwickelt.“

Viele Frauen sind seit Jahrzehnten im Sozial- und Kulturbereich tätig. Dabei kann die NGO-Arbeit äußerst riskant sein. Immer wieder werden Frauen angegriffen, die im Rahmen von Gesundheitsprojekten Kinder in den Armenvierteln impfen. 2013 wurde die renommierte Sozialaktivistin Parveen Rehman bei einem Anschlag getötet, dessen Hintergründe bis heute ungeklärt sind. Rehman leitete das Orangi Pilot Project in Orangi Town, einem riesigen Slum mit ca. 1,5 Millionen EinwohnerInnen im Nordwesten von Karachi. Das Orangi Pilot Project ist eines der größten Sozialprojekte, die in Armenvierteln eine Basisinfrastruktur für Gesundheit und Bildung schaffen und den Menschen mit Mikrokrediten und Selbsthilfegruppen die Chance auf ein etwas besseres Leben geben wollen.

Auch das kulturelle Leben hat sich nie wieder von den Einschränkungen der Ära Zia-ul-Haq erholt – und dazu kommen heute die Drohungen der islamistischen Gruppen. Doch Frauen tun, was sie können. Madeeha Gauhar, Gründerin und Leiterin der Theatergruppe Ajoka in Lahore, bemüht sich, über Schauspiel die Philosophie der Sufis, der islamischen Mystiker, zu vermitteln, wo Toleranz und Menschlichkeit eine große Rolle spielen.

Die Tänzerin Sheema Kermani begibt sich mit ihrer Truppe regelmäßig in die Problemzonen von Karachi. „Da zeigen wir Stücke für Schüler und Schülerinnen im Alter zwischen 12 und 16 Jahren. In diesem Alter wenden sich viele Burschen radikalen Gruppen zu, viele Mädchen beginnen, das Kopftuch zu tragen und sich dem Druck der konservativen gesellschaftlichen Kräfte zu beugen. Unser jüngstes Stück handelt davon, wie Menschen die Religion missbrauchen, um Spaltungen in der Gesellschaft zu verursachen.“

Wenn etwas weiter gehen soll in Pakistan, dann müssen viel mehr Menschen selbst aktiv werden, sind Farieha Aziz und Sana Saleem überzeugt. Die eine hat Journalismus studiert, die andere Medizin, seit drei Jahren leiten sie in Karachi die Organisation „Bolobhi!“ („Erhebe deine Stimme“), die sich gegen Zensur und für eine freie Medienkultur einsetzt.

Mehr als 60 Prozent der 180 Millionen Pakistanis sind unter 30 Jahre alt. Wie sich das Land entwickelt, wird daher zu einem wesentlichen Teil von diesen jungen Leuten und insbesondere auch von den Frauen abhängen, ist Farieha Aziz überzeugt. Daher will sie sich auf positive Ziele konzentrieren und nicht von den Problemen beirren lassen. „Es gibt die Unterdrückung“, sagt sie. „Aber es gibt auch die andere Seite.“

Brigitte Voykowitsch ist freie Journalistin mit Schwerpunkt Südasien. Sie lebt in Wien.

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