Stimmen von Obdachlosen

Bürgerkrieg, Armut, Bandengewalt: Sein Dach über dem Kopf kann man aus vielen Gründen verlieren.

© Iris Gonzales

Philippinen

Maria Precilda lernte ihren Partner Marvin Bueta 2014 kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Die junge Mutter lebt heute mit ihrer Familie in einem Zimmer in einem Elendsviertel in Manila.

Ich arbeitete als Köchin für eine Mittelschichtfamilie in einer Stadt östlich von Manila. Ich hatte meine Heimatstadt in der Provinz Leyte im Süden verlassen, um Arbeit zu suchen. Wir hatten nicht viel Geld, also musste ich die Schule abbrechen, um meine Eltern und zwei Geschwister zu unterstützen.

Dann lernte ich Marvin kennen. Er arbeitete auf einer Baustelle, genau gegenüber dem Haus, in dem ich arbeitete. Er verschlug mir den Atem. Ich wurde schwanger und musste meine Arbeit als Köchin beenden. Marvin brachte mich zu seinen Eltern in Bicol, einer Provinz im Süden. Nach Hause konnte ich nicht. Ich hatte Angst, meinen Eltern von meiner Schwangerschaft zu erzählen. Ich war erst 21.

Er musste zurück nach Manila, um Geld zu verdienen; ich blieb bei seiner Familie im Dorf. Es war sehr eng, wir waren mehr als zehn Leute. Ich schlief im Wohnzimmer, und mein Bauch wuchs ständig.

Nachdem ich das Kind zur Welt gebracht hatte, mussten Marvin und ich eine eigene Wohnung finden. Zwei Monate lebten wir mit dem Bruder Marvins und seiner Familie in einem Slumgebiet in Manila. Platz gab es auch hier nicht, und wir schliefen wieder im Wohnzimmer. Manchmal weinte unser Baby und weckte das ganze Haus auf. Es war schwierig, und alle litten darunter.

Schließlich mussten wir ausziehen. Wir fanden ein Zimmer in einem benachbarten Häuserblock, das für 50 US-Dollar im Monat zu haben war. Das ist teuer, und es frisst einen Großteil der 119 Dollar auf, die Marvin im Monat verdient. Arbeiten kann ich noch nicht, weil ich auf Mark, unser Baby, aufpassen muss. Das ist also vorerst unser Zuhause.

Interview von Iris Gonzales.

© Shelter

Vereinigtes Königreich

Amanda Dunn lebt in Luton, einer Stadt nördlich von London. Die 47-jährige Mutter mit drei Kindern verlor ihre Arbeit in einem lokalen Flughafen und flog aus der Wohnung, als sie die Miete nicht mehr zahlen konnte. Seit sechs Monaten lebt sie mit ihren 13-jährigen Zwillingstöchtern in einem Zimmer in einer Frühstückspension.

Ich hatte eine Wohnung mit drei Zimmern. Eines der beiden Schlafzimmer war wegen der Feuchtigkeit nicht benutzbar. Die Zentralheizung funktionierte ebenso wenig wie der Herd. Schließlich rief ich bei der Gemeinde an. Sie wiesen den Vermieter an, alles zu reparieren. Ab diesem Zeitpunkt weigerte ich mich, die Miete zu bezahlen. Ich sagte ihm, „Sie müssen erst einmal die Heizung in Ordnung bringen“, doch er weigerte sich. Die Sache kam dann vor Gericht. Ich wurde zwangsgeräumt, und dann wurden wir hier untergebracht.

Ich musste um Wohnbeihilfe ansuchen, doch das dauerte ewig. Dann kam die Frau von der Gemeinde und sagte: „Hier in Luton muss man acht bis neun Jahre auf eine Gemeindewohnung warten … Sie sollten es besser weiter im Norden probieren.“

Meine Tochter Katie ist dünn wie eine Stange. Sie stopft sich jeden Abend mit Essen zum Mitnehmen voll, aber die Diätassistentin sagt, dass sei nicht die Nahrung, die sie bräuchte. Und in der Schule kam es einige Male vor, dass Rachel die Lehrer anschrie. Sie verstehen das immerhin – es ist überhaupt nicht die Art von Rachel, so auszurasten.

Mir selbst geht es psychisch immer schlechter. Ich weine einfach. Die ganze Zeit. Ich kann ohne Schlaftabletten nicht mehr schlafen. Wir sahen uns eine Wohnung nahe beim Flughafen an. Der Mann hatte nichts dagegen, dass ich Sozialhilfe bezog, aber für die Frau war ich Abschaum. Ich will unbedingt wieder Arbeit finden. Ich habe immer gearbeitet – aber bei diesen Bewerbungsgesprächen sehen sie dich an und fragen: „Warum leben Sie in einem Hotel?“

Das Interview wurde ursprünglich von der britischen Wohlfahrtsorganisation Shelter geführt. Bearbeitung: Amy Hall.

© Tamara Pearson

MEXIKO

Osman Rivera verließ Honduras, um der Bandengewalt zu entkommen. Auf seiner Flucht nach Norden entging der 48-jährige Familienvater nur knapp einer Entführung.

Ich habe dreißig Jahre lang als Autolackierer gearbeitet. Aber die „pandillas“ (Banden) heben eine so genannte Kriegssteuer ein. Wenn man nicht zahlt, bringen sie dich oder deine Familie um. Ich verdiente gerade genug, um meine Kosten zu decken und die Steuer zu bezahlen.

Am 13. Dezember 2016 machte ich mich auf den Weg, zuerst über die Grenze nach Guatemala, dann nach Mexiko. Dann mietete ich mir zusammen mit sechs anderen Migranten und zwei Mexikanern einen Kleinbus. Nachdem einer der Mexikaner ausgestiegen war, begann uns ein schwarzer Kombi ohne Nummerntafel zu verfolgen. Es war schon spät, und der schwarze Kombi war immer genau hinter uns. Ich schöpfte Verdacht.

Als unser Bus stehenblieb, um den anderen Mexikaner aussteigen zu lassen, sprang ich auch aus dem Wagen. Neben der Straße ging es steil abwärts, und ich ließ mich hinunterrollen. Die anderen wurden entführt. [MigrantInnen werden ausgeraubt und als Geisel benutzt, um Geld von ihren Familien zu erpressen. T.P.]

Ein paar Bewaffnete suchten mit Taschenlampen nach mir. Ich versteckte mich in einem mit Wasser gefüllten Graben. Ich wartete sechs Stunden, und um Mitternacht ging ich wieder zur Straße. Ein Motorradfahrer sagte mir, dass die Einwanderungspolizei in der Nähe wäre, also ging ich im Wald zu Fuß weiter. Schließlich nahm mich jemand im Auto mit. Am 30. Dezember kam ich in Mexiko City an.

Derzeit lebe ich im Migrantenheim Tochan. Ich schlafe auf einer Matratze auf dem Boden im Gemeinschaftsraum, da alle Zimmer voll sind. Ich habe vor, meinen Aufenthalt hier zu legalisieren und dann nach Baja California zu gehen und eine Autolackierwerkstätte zu eröffnen. Ich möchte meiner Familie helfen. Ich habe einen siebenjährigen Sohn, und ich möchte ihm eine Zukunft ermöglichen.

Interview von Tamara Pearson.

Copyright New Internationalist

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