Über die eigene Bequemlichkeit hinaus

Der nicaraguanische Autor und Befreiungstheologe Ernesto Cardenal hat für viele Menschen in Österreich eine besondere Bedeutung. Anlässlich seines runden Geburtstags begab sich Manuel Preusser auf Spurensuche.

„Jede Revolution bringt uns dem Himmelreich auf Erden näher“, so Ernesto Cardenal, seines Zeichens Marxist und Christ.

Seit 90 Jahren ist Ernesto Cardenal auf der Welt und fast eben solange versucht er, diese zu verbessern. Als Befreiungstheologe setzt er seine christlichen Überzeugungen im Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung ein. Zudem ist Cardenal seit jeher bekennender Marxist. „Die Marxisten wollen eine Gesellschaft ohne Klassen, die Christen eine perfekte Gesellschaft. Wenn die einen die Gottgläubigen nicht verfolgen und sich die anderen nicht mit den Ausbeutern verbünden würden, gäbe es keinen Widerspruch zwischen beiden“, erklärte er die paradox anmutende Kombination unlängst bei einem Besuch in Graz.

Für den Lateinamerika-Experten Werner Hörtner war die Zusammenführung dieser unterschiedlichen Ideologien eines der größten Verdienste des nicaraguanischen Schriftstellers: „Ernesto Cardenal ist so zu einem Revolutionär geworden, der die Liebe zu Gott und den Kampf für eine bessere Gesellschaft in eine harmonische Symbiose gebracht hat.“

„Er war nicht einer von den linken ‚Menschenfressern‘, sondern katholisch und intellektuell. Plötzlich konnte man sich auch in der westeuropäischen Mittelschicht mit revolutionären Anliegen identifizieren“, meint der niederösterreichische Büchereimitarbeiter Herbert Reinisch im Rückblick. Und dies geschah auch: In Österreich und vielen anderen europäischen Ländern kam es zu massiven Solidaritätsbekundungen gegenüber der sandinistischen Revolution in Nicaragua.

Der 2014 verstorbene österreichische Schauspieler Dietmar Schönherr engagierte sich zusammen mit Cardenal ab 1985 für soziale und kulturelle Projekte in dem kleinen mittelamerikanischen Land – 1988 gründeten sie gemeinsam die „Casa de los tres mundos“ in Granada.

Rudi Lindorfer von der Südwind-Buchwelt ist seit den 1980er Jahren von Cardenal und dessen Arbeit begeistert. Es gab viele Berührungspunkte über die Zeit: „Von der Nicaragua-Solidarität über mein Interesse an seiner Arbeit in Solentiname bis zu unserem letzten Treffen vor einem Jahr.“ Für den Buchhändler ist der suspendierte Priester nicht nur ein begnadeter Schriftsteller, sondern vor allem eine Symbolfigur. „Er hat gezeigt, dass man über die eigene Bequemlichkeit hinausgehen muss, um die Welt zu verbessern“, so Lindorfer. Auch Werner Hörtner fasziniert, dass Cardenal trotz unbekümmerter Jugend in einer wohlhabenden Familie „ein Gefühl der sozialen Verantwortung gegenüber den Menschen, gegenüber der Gesellschaft entwickelt hat. Er hat nicht mit verschränkten Armen auf die Ankunft des Himmelreichs auf Erden gewartet“.

Obwohl der Schriftsteller auch heute unter jungen Studierenden ein hohes Ansehen genießt, wird er mittlerweile eher als historische Figur denn als Inspiration für aktiven Widerstand begriffen. Der Theologie-Student Jakob Frühmann meint trotzdem: „Hoffentlich wird sein Erbe künftige Generationen in Österreich und anderswo dazu inspirieren, in der Synthese von Kunst, Politik und Theologie einen möglichen widerständischen Weg aus einer in Ungerechtigkeit und Utopielosigkeit erstarrten Welt zu sehen.“

Cardenal seinerseits hofft auf die junge Generation, wie er im Interview mit der Kleinen Zeitung im November 2014 bekräftigte: „Es gibt so viel soziales Unrecht, andererseits ist auch so viel lebendige Kraft spürbar. Es gibt eine Öko-Bewegung, es gibt ‚Occupy‘. In aller Welt regt sich der Widerstand – und das ist gut so.“

Manuel Preusser studiert Internationale Entwicklung und arbeitet als Journalist in Wien.

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